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Full text of "Hamburg während der Pestjahre 1712-1714"

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Hamburg 



während 



der Pestjahre 1712-1714. 



Von 



Prof. Dr. Adolf Wohlwill. 

/ 



Aus dem 
Jahrbach der Hamborgischen Wissenschaftlichen Anstalten. X. 2. 







J!f,^.boundor 










Hamburg 189 3. 

iicas Gräfe & SiUe m. 



Vorwort. 

Die vorliegende Arbeit behandelt ein Thema, das in. knapperer 
Form in einem der Einleitungscapitel des seit vielen Jahren von 
mir vorbereiteten Werks über die neuere Geschichte Hamburgs 
erörtert werden sollte. Der Entschluss, die Pestjahre 1712 — 1714 
zum Gegenstand einer eingehenderen Betrachtung und besonderen 
Veröffentlichung zu machen, ist den Tagen der vorjährigen Cholera- 
opidemie entsprungen. Leider gelangte die Arbeit nicht so schnell 
zum Abschluss, wie ich ursprünglich gehofft hatte, da ich bei meinen 
Forschungen alsbald zu der Krkenntniss gelangte, dass ein völlig 
getreues Bild der zu schildernden Verhältnisse sich nicht ohne 
Benutzung auswärtigen Materials entwerfen lasse. Ich hoffe indessen, 
dass, auch nachdem Hamburgs jüngste Leidensperiode der Geschichte 
anheimgefallen, die Erzählung von Hamburgs traurigen Schicksalen 
im Anfang des 18. Jahrhunderts das Interesse weiterer Kreise zu 
erwecken vermag. 

Vorarbeiten von Werth lagen mir nur in einem Abschnitt 
von Gernet's Mittheilungen aus der älteren Medicinalgeschichte 
Hamburgs (S. 278 — 284) und in einer umfangreichen Anmerkung 
von Gaedechens (Hamburgs Münzen und Medaillen 2. Abth. S. 2G ff.) 
vor. Was die gedruckten und ungednickten Chroniken bieten, erwies 
sich bei genauerer Prüfung als unzureichend. Ich war daher durchweg 
genöthigt, auf die urkundlichen Quellen zurückzugehen. 

In Hamburg selbst fand ich für meine Studien folgende 
Hülfsmittel : 

1) Acten und sonstige Schiiftstücke, die im Hamburgischen Staats- 
archiv aufbewahrt werden (citirt: Hamb. A.). Leider sind die 
Acten über die Pestepidemie selbst nur sehr fragmentarisch 
erhalten. 

2) Acten und Pi'otocolle der Commerzdeputation (citirt: Comm. A.), 

3) die Kämmereirechnungen von 1712 — 1714, 

4) die handschriftlichen Recesse der Rath- und Bürgerschafts- 
sitzungen (citirt: R. u. B.-R.). 



Daza kam 
5) das Conceptenbuch des Bergedorf er Amts Verwalters von 1711 
bis 1713 ans dem Bergedorf er Amtsarchiv. 

Ferner stellten mir die folgenden answartigen Archive ihr 
einschlägiges Material zur Verfügung: 

1) u. 2) die Staatsarchive in Bremen und Lübeck (citirt: Brem. A. 
und Lüb. A.), 

3) das Altonaer Stadtarchiv (Alt. A.), 

4) das 'Königl. Geh. Staatsarchiv in Berlin (Berl. A.), 

5) n. 6) die Königl. Staatsarchive in Hannover und Scldeswig 
(Hann. A. und SchlesAv. A.), 

7) das Hauptst<aatsarchiv in Dresden (Dre^sd. A.), 
* 8) das grossherzogl. Haus- und Centralarchiv in Oldenburg (Old. A.), 
9) das Reichsarchiv in Kopenhagen (Kophg. A.). 

Ausserdem konnte ich meine für andere Zwecke ver- 
anstalteten Kxcerpte aus dem k. k. Haus-, Hof- und Staatsarchiv in 
Wien (Wien. A.), sowie aus dem herzogl. Landeshauptarchiv in 
Wolfenbüttel (Wolfb. A.) zum Theil auch für die vorliegende Arbeit 
verwerthen. 

Bei der Fülle des benutzten Materials war es undurch- 
führbar, in jedem einzelnen Falle die verweilheten Actenstücke 
gesondert zu bezeichnen. Dagegen empfahl es sich, das im Text 
nur kurz Angedeutete häufiger durch Mittheilung characteristischer 
Auszüge aus zeitgenössischen Urkunden und Berichten in den An- 
merkungen zu ergänzen. 

Es sei schliesslich noch bemerkt, dass bei dem Abdruck 
von Citaten aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts zwar meist 
die alterthümlichen Wortformen, doch nur ausnahmsweise die Ortho- 
graphie beibehalten worden. 

Hamburg, den 1. September 1893. 

A. W. 



Iiilialtsvcrzoiclmiss. 



Seite 
P^inleituiig 7 — 10 

Hamburgs Differenzen mit dem Kaiser, Graf Schönbom nnd 
der Ilauptrecess, S. 8 f. 

I. HaniLurgs Bedrängnisse wälirend der nordischen Kriegs- 
wirren 1712— 17i;j 10—41 

Hamburgs Beziehungen zu Dänemark, S. 10 ff. Dänische Be- 
schwerden und Drohungen seit Juli 1712, S. 13 ff. Graf Schönbonis 
Eintreten für Hamburg, S. ir>f. Preussens Hülfsberei tschaft, S. IG f. 
Dsis Einnicken der Dänen ins hamburgische Gebiet im October 1712, 
S. 20. Der Vergleich von Altoua vom 18. November 1712, S. 22. 

Unwille des Wiener Hofs und der Schweden über Hamburgs 
Nachgiebigkeit gegen Dänemark, S. 215 ff. FeldmarschaU Stenbock in 
Hamburg am 8. Jamiar 1713, S, 25 f. Hamburgs Verhalten beim Brande 
Altonas, S. 2(;f. (Vgl. auch Ö. 50.) 

Peter der Grosse in Hamburg v. 14.— Iß. Januar 1713, S. 27f. 
Frühere Beschwerden Peter des Grossen über die angeblich russen- 
feindliche Haltung der Hamburger, insbesondere der hamburgischen 
Presse, 8. 28— JiO. Erneute Veranlassungen zu russischen Beschwerden 
im Januar und März 1713, S. 30-32. Älenschikows Satisfactions- 
forderung vom 3. Juni und die Rechtfertigungsschrift des Raths vom 
S. Juni, S. 32 — 34. Die Gelderi)ressiingeu Meuschikows und des 
säclisischen Feldmarschalls Flemming, S. 34 — 38. Der Wandsbecker 
Vertrag vom 15. Juni 1713, S. 38. Verspätetes Eintreffen des kaiser- 
lichen Protectorium speciale für Hamburg, S. 39 f. 

II. Hamburg unter dem Einfluss der letzten nord- 
europäischen Pestepidemie 41 — 101) 

Verbreitung der Epidemie von Polen aus in verschiedenen 
Richtungen. Die Pest in Holstein seit Ende 1711, auf dem linken 
Elhufer seit dem Sommer 17 1 2, S. 4 1. Hamburgische Vorsichtsmassregeln 
gegen Einschleppung der Pest seit Anfang 1705, S. 42 ff. Gründung 
eines Sanitäts-CoUegiums 1710, S. 44. Reglement für die Pestärzte 
vom 1. Februar 1711, S.45f. Verfrühte Gerüchte über den Ausbruch 
der Pest in Hamburg 1711 u. 1712, S. 47. Massregeln gegen die 
Eiiischleppung der Pest aus Holstein, durch die dänische Regierung 
erschwert, S. 48—50. 

Die Pest in Hamburg vom Herbst 1712 bis Januar 1713, S. 50 ff. 
Sociale Missstände als Hülfsursachen der Pest, S. 51 f. Erscheinungs- 
formen der Krankheit, Ö. 52. Verschiedene Methoden, die Kranken 
zu isoliren, S. 53. Pestlazareth und Quarantainehaus seit Ende De- 
cember 1712, S. 55. 

Zweifelhafter Gesundheitszustand in Hamburg vom März bis 
Juli 1713. Hitzige Fieber und Flecklieber mit verdächtigen Symptomen. 
Die Berichte der Harburger Beamten, 8. 57—60. 



Seite 

Heftiger Ansbrnch der PeAt im Angnst 1713, S. 61. Hass- 
regeln zur Bekämpfang der Pest, S. G.» f. Die Angosteliten des 
Sanitätscollegiiiras, S. (If)— 07. Massregeln znr Milderung des Noth- 
stAudos (Armenärzte, Unterstütz unf«: der Htilfsbedürftigen, Versorgung 
mit Feuerungsmaterial etc.), S. G7f. Wöchentliche Veröffentlichungen 
der Todesfälle und ihrer Ursachen, S. 69. 

Die dänische Postirung auf hambnrgischem Gebiet seit dem 
26. August 1713, S. 71 ff. Friedrich Wilhelms I. Eintreten für 
Hamburg, S. 73 f. 

Verproviantirung Hamburgs während der Absperrung, S. 76. 
Hemmung des hamburgischen Handels, S. 78. Projecte, wie der 
hamburgische Handel auch während der Pestzeit aufrecht zu erhalten 
sei, S. 79 ff. Bemühungen des preussischen Residenten Burchard im 
Interesse des hamburgiKchen Handels, S. 81 f. Der Entwurf vom 
1. September, S. 83 — 87. Die Kundgebungen der Regierungen von 
Preussen, Mcklenburg-Schwerin, Anhalt-Dessau, Dänemark und Han- 
nover über diesen Entwurf, S. 87—92. Hannoversche Vorschriften 
für den Marktverkehr auf dem Grasbrook, Ö. 92 f. Die hannoversche 
Forderung, dass nicht nur die Vierlande, sondern auch Billwerdcr und 
Ochsenwerder von Hamburg abgeschnitten würden, S. 93—96. Preussen 
untersagt im November 1713 den Schiffahrtsverkehr mit Hamburg. 
Weisung Friedrich Wilhelms I. an das preussische Sanitätscollegium 
vom 2S. Decbr. 1713, S. 98. Vergebliche Bemühungen des kaiser- 
lichen Residenten, das hamburgische Handelsinteresse zu fordern, 
S. 99. Der hamburgische Verkehr mit Holland und England auch 
während der Pestzeit nicht völlig unterbrochen, S. 99 f. 

Abnahme der Epidemie gegen Ende des Jahres 1713, S. 102. 
Das Erlöschen der Epidemie im Anfiing des Jahres 1714, S. 103. 
Dankfest vom 22. März 1714, S. 105 f. Allmähliche Wiederherstellung 
des freien Handelsverkehrs, S. 106 f. Gerüchte über den Wieder- 
ausbruch der Pest in Hamburg 1715, S. 107 — 109. 

Schlussbetrachtimgen 100—1 1 8 

Conti icte Hamburgs mit Dänemark und mit dem Kaiser nach 
Ablauf der Pestzeit, S. 109-112. 

Cnlturfördemde Bestrebungen Hamburgs nach und während der 
Pestzeit. Commerzielles : die Transitoordnung, der Handelsvertrag mit 
Frankreich, die Einsetzung einer Elbdeputjition, S. 113. Das geistige 
Leben: das Jubiläum des akiidemischen Gymnasiums am 24. August 
1713 (Job. Albert Fabricius), das Johanneum (Job. Hübner), die litte- 
rarischen Bestrebungen in Hamburg, S. 114 ff. Garlieb Sillem als 
Vertreter des bürgerlichen Gemeinsinns in Hamburg, S. II 6 f. 



Uiiendlicli oft ist Hamburg in Prosa und Versen als vor 
vielen anderen Städten des deutsclien Vaterlandes reich gesegnet 
gepriesen worden. Indessen wird es keinem, der sich mit der ham- 
burgischen Geschichte einigennassen vertraut gemacht hat, entgangen 
sein, dass Glück und Gedeihen dieser Stadt nie mühelos in den 
Schoss gefallen, sondern vielmehr nur die Frucht der Arbeit und 
mehrfach das Ergebniss äusserster Kraft anstrengung Avaren, durch 
die sich Hamburg nach Zeiten schweren Urangsals und Leids wieder 
emporzuringen suchte. Als solche ünglückszeiten, nach deren Ab- 
lauf sich <lie Hamburger zu verstärkter, der engeren Heimat wie 
dem gesammten Vaterland heilbringender Regsamkeit aufrafften, leben 
insbesondere die Periode der FranzosenheiTschaft und die Tage des 
grossen Brandes in der t]rinnerung fort. Minder in ihren Einzel- 
heiten bekannt sind die Leiden und Schrecknisse, die Hamburg in 
den Jahren 1712 — 1714 durchgemacht hat, und denen ebenfalls eine 
erfreulichere Entwicklung des hamburgischen GemeiuAvesens gefolgt 
ist. Eine genauere Schildening dieser letzterwähnten Prüfuugsjahre 
soll im Folgenden versucht Averden. 

Selten ist Hamburg gleichzeitig von so verschiedenartigem 
Missgescliick heimgesucht worden, wie in der bezeichneten Periode. 
Ti'östlich war dabei nur der eine Umstand, dass das Unheil aus- 
schliesslich von aussen kam. Auch in dieser Zeit freilich äusserte die 
Bürgei-schaft hin und Avieder dem liath gegenüber grösseres Miss- 
trauen, als dem Gemeinwohl zuträglich war. Immerhin Avaren die 
politischen Paiteigegensätze, die während des vorausgegangenen halben 
Jahrhunderts soviel Leidenschaft und Unfrieden in Hamburg her- 
vorgerufen hatten, im wesentlichen ausgeglichen, und die unter 
Mitwirkung der kaiserlichen Commission (1708—1712) zu Stande 
gekommenen Grundgesetze schienen geeignet, der Erneuening des 
früheren Hadei's vorzubeugen. Freilich sollten noch Jahre ver- 
gehen, ehe man der neubegrttndeten bürgerlichen Ordnung wahrhaft 
froh Aviude. 



8 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Die Verhandlungen der kaiserlichen Commission hatten mit 
einem Missklang geendet. Graf Damian Hugo von Schönbom*), der 
im Anfang des Jahres 1708 nach Hamburg geschickt worden war, um 
die zuvor von den Fürsten des niedersächsischen Kreises zur Wieder- 
herstellung der Ruhe in Hamburg getroifenen Veranstaltungen im 
Namen des Kaisers zu leiten und zum Ziele zu führen, gehörte zvl 
den Staatsmännern, denen es mit der VS^ahrung der kaiserlichen 
Autorität heiliger Ernst war. Diese wusste er ebenso gegenüber den 
Vertretern der niedersächsischen Fürsten, die an der kaiserlichen 
Commission theilnahmen, wie gegenüber den gelegentlich sich in das 
Ausgleichungswerk einmischenden Gesandten von England und Holland 
aufs nachdrücklichste zu wahren. Neben dem anerkennenswerthen 
Bemühen, zur Herbeiführung besserer politischer Zustände in Hamburg 
mitzuwirken, liess er es sich so sehr angelegen sein, das Anselien und 
den Einfluss der Reichsregierung daselbst zu verstärken, dass später 
verlauten konnte, es sei im Werke, ihn mit der Würde eines kaiser- 
lichen Burggrafen oder Oberintendanten von Hamburg zu bekleiden. ^) 
Das ausserordentliche Aufsehen, das dies Gerücht eiregte, zeugt von 
dem Misstrauen und der Eifersucht, die man namentlich in dijdo- 
matischen Kreisen wider ih^ hegte. Doch auch den Hamburgern 
erwies er sich durch sein anspruchsvolles und gebieterisches Auftreten 
oft unbequem^ Namentlich während der letzten Zeiten der Conmiissions- 
verhandluugen war er mehrfach scharf mit ihnen zusammengerathen. 
Der {üuifitT war sich in höherem Masse als die Bürgerschaft der 
Nothwendigkeit bewusst, dem Reichsoberhaupt pflichtschuldigen Resi)ect 
zu ei'weisen; darin aber waren sich Rath und Bürgerschaft einig, 
dass man die Autonomie der Stadt dem Kaiser nicht zum Opfer 
bringen dürfe, und je entschiedener sie diesen Standpunkt vertraten, 
/'^' JicA€4 'ÄdT^^x^^^Jt/^wn so heftigeren Widerstand fanden sie bei/Sdionoora. Obwohl 

j letzterer sich damit einverstanden erklärt hatte, dass bei den 

i^p^S^i^-'it^trf^^ Berathungen und Feststellungen der Commission die früheren Recesse 

^ V ^ zu Grunde gelegt und niu-, soweit es die allgemeine Wohlfahrt 

erforderte, raodificirt würden, so beanspnichte er doch für die 
Commission das Recht, der Stadt unter ^Voraussetzung der kaiserlichen 
Sanction nach eigenem Dafürhalten Vorschriften zu ertheilen. Auch 



A,> 



') Die hier gPö^obene kurze Cliarakteristik des Verhaltens von Öcliönbürn in 
Hanihur^, die den einschlägigen Acten der Archive in Wien,- Berlin^ Wülfeu- 
büttel, Kopenhagen und Hamburg entnomnieu ist, soll bei anderer (lelegenheit 
von mir weiter ausgeführt und begründet werden. 

*) Sowohl im Anfang wie namentlich gegen Ende des Jahres 1711^ tauchten solche 
Gerüchte auf und gaben zu lebhaften diplomatischen Erörterungen Anlass, 



Hamburg währeud der Pestjahre 1712—1714. 



legte er Gewicht darauf, dass die zu Stande gebrachten gesetz- 
geberischen Arbeiten, soviel auch Rath und Bürger an ihnen theil- 
genommen, doch als Werk der Commission erschienen und J^raft 
kaiserlicher Autorität Geltung erlangten. Hamburgischerseits nffiSt -^ 
man dagegen daran fcot, daoo dio/ftir die Otadt bcotimmtpir ÖeseUe / y /v 
. j. "^^ ' rftftig foien, nls sie auf d^m Einvernehmen «wischen *^*'^*''*^ 







}■ 






auch den 
Hauptrecess nur in der Gestalt gelten lassen, in der er von den 
genannten gesetzgebenden Factoren Mitte Octob6r 1712 ratificirt '3^'^^iP' 
worden war. Schönbom aber war ungehalten darüber, dass Rath und ^ 
Bürgerschaft eine Reihe der ihnen von der Commission unterbreiteten 
Aenderungsvorschläge unberücksichtigt gelassen, und wünschte, nicht 
nur den letzteren Anerkennung zu verschaffen, sondern drang auch 
darauf, dass verschiedene zur Ergänzung des Hauptrecesses bestimmte 
Reglements (insbesondere das von der Commission beliebte Militär- 
Reglement) Geltung erlangten, obwolil man ihnen diese in Hjlmburg aus 
formalen und sachlichen Gründen niclit zugestehen wollte. Zu einer 
Verständigung zwischen den beiderseitigen AnschauungeA und Forde- 
nnigen ist es niemals gekommen. Auf Schönborns Antrieb legte die 
Commission dem Wiener Hof den Hauptrecess in einer Gestalt zur 
Bestätigung vor, die von der zwischen Rath und Bürgerschaft verein- 
barten nicht unerheblich abwich. Diese vom Kaiser bestätigte Aus- 
fertigung aber ist niemals von Rath und Bürgerschaft anerkannt und 
anderseits die von letzteren für gültig erachtete Fassung niemals vom 
Kaiser genehmigt und daher auch niemals publicirt worden. Auch 
ohne kaiserliche Sanction trat der Hauptrecess so, wie er von Rath 
und Bürgerschaft gutgeheissen war, in Kraft und bildete für lange 
Zeit die Grundlage des öffentlichen Rechts in Hamburg. Es ist für 
die Zustände des deutschen Reichs im 18. Jahrhundert ungemein be- 
zeichnend, dass diese Unbotmässigkeit der Stadt zwar am Wiener 
Hofe anfanglich sehr übel vermerkt und wiederholt aufs schärfste 
gerügt wurde, dann aber allmählich in Vergessenheit gerieth/^ Wenn 
somit auch Hamburg im Widerstreit mit dem Reichsoberhaupt 
schliesslich seinen Standpunkt behauptete, so war doch die angedeutete 
Differenz für das Ergehen der Stadt während der näher ins Auge zu 
fassenden Jahre 1712 — 1714 keineswegs bedeutungslos. 

Obschon der spanische"*^ Erbfolgekrieg seinem Ende entgegen- 
ging, wurden auch während der erwähnten Jahre den Ständen des 
Reichs nicht unerhebliche Leistungen zugemuthet, und je ^i^^^miger^^^jT^^' .-. 
die Mehrzahl der Stände in der Eifüllung ihrer Reichspflichten war, ^(/^*** /^/J^^^^ 
um so grösser und dringlicher waren die Fordenmgen, welche an ^\^'^^^'^^^^^ 






Ji 







%2 ^^^.. Ja ^ M 



) 






10 Hamburg während der Pestjabre 1712—1714. 

für wohlhabend geltenden nnd auf die Gunst des Kaisers besonders 
angewiesenen Reichsstädte ergingen. Auch an Hamburg wurden sehr 
bedeutende Ansprüche gestellt, obwohl es am Tage lag, dass die 
finanzielle Leistungskraft der Stadt, wie zuvor durch die bürgerlichen 
Unruhen, so seit 1708 durch die Kosten, welche die kaiserliche 
Commission verursacht hatte, ^) erheblich geschmälert worden war. 
Eine Herabsetzung der Forderungen aber war beim Wiener Hofe um 
so weniger zu erreichen, als Hamburg dort zufolge der Berichte 
Schönboms ausserordentlich schlecht angeschrieben war. 

Dass Hamburg — auch abgesehen von den Beiträgen für 
die Reichskriegsfiihrung — duixh den spanischen Erbfolgekrieg 
vielfach geschädigt wurde, kann an dieser Stelle nur angedeutet 
werden. In schlimmere und unmittelbarere Bedrängniss gerieth die 
Stadt, seit sich der nordische Krieg in die unterelbischen Gegenden 
gezogen hatte. Nach einander wurde Hamburg in den Jahren 1712 
und 1713 von den politischen und militärischen Machthabem Däne- 
marks, Schwedens, Russlands und Sachsens bedroht, vergewaltigt 
und gebrandschatzt. Und zu allen diesen Anfechtungen kam noch 
die Plage der Pest hinzu, die Tausende von Menschenleben dahin- 
raffte und zugleich die wiilhschaftliche Existenz der Stadt in 
Frage stellte. 

Die Leiden, von denen Hamburg seit dem Jahre 1712 zu- 
folge des nordischen Krieges betroffen wurde, sowie die Prüfungen, 
welche die Pestepidemie der Stadt gleichzeitig oder wenig später 
auferlegte, sollen in der folgenden Daratellung vorzugsweise ver- 
anschaulicht werden. 

L Hamburgs Bedrängnisse während der nordischen 

Kriegswirren 1712—1713. 

Um die missliche Lage Hambiugs während der Kriegsjahre 
1712 — 171.*3 zu vergegenwärtigen, erscheint es angemessen, zunächst 
an das damalige Verhältniss der Stadt zu Dänemark zu erinnern. 
Bekanntlich hatte die dänische Kegierung im Anfang des 18. Jahr- 
hunderts ihren Ansprüchen auf Landeshoheit über Hambui'g noch 
keineswegs entsagt. Allerdings lag ihr jener Zeit die Absicht fern, 

*) Obwohl das Commissionswork im October 1712 tliatsäclilich endete, und am 
"20, December die letzten Kreistruppen Hamburg verHessen, betragen die 
Kosten für die Zeit vom 1. März bis Ende 1712 nach den Käminerci- 
rechnnngen doch noch 237 045 JC 12/3. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 11 

diese Ansprüche thatsächlich zur Geltung zu bringen. Man wusste 
in Kopenhagen sehr gut, dass man zwar Hamburg ungestraft gar 
manches bieten konnte, dass aber ein Anschlag auf die Unabhängig- 
keit der Stadt beim Kaiser, beim niedersächsischen Kreis und selbst 
bei mehreren ausser deutschen Mächten entschiedenen Widerstand 
gefunden hätte. Ebenso war die dänische Regierung darüber im 
Klaren, dass sie bei einem Gewaltstreich wider Hamburg in der 
Stadt selbst keine Unterstützung erwarten durfte. Bereits vor dem 
verunglückten Anschlag vom Jahre 1686 hatte ein dänischer Diplomat 
geklagt, den Vorwurf, für gut dänisch gehalten zu werden, scheue 
in Hamburg jedermann als ein Brandmal, auch sei „die libido, für 
eine freie Eeichsstadt gehalten zu werden", dort gar zu tief einge- 
wurzelt. ^) Weit weniger noch, als in den Tagen Snitgers und 
Jastiams, konnte nach der Beendigung der Unruhen in Hamburg 
von einer dänischen Partei die Rede sein. Doch gerade weil die 
Hamburger den Gedanken an eine dänische Oberherrschaft so sehr 
verabscheuten, waren sie bemüht, dem Kopenhagener Hof möglichst 
jeden Voi*wand zu Gewaltsamkeiten zu nehmen und sich ihm deshalb, 
soweit es ohne Verzicht auf die politische Unabhängigkeit und andere 
wichtige Rechte und Interessen der Stadt thunlich war, fügsam 
zu zeigen. 

Diese aus der Lage Hamburgs leicht erklärliche Denk- und 
Handlungsweise suchte die dänische Regierung, wie schon früher 
mehrfach, so auch im Jahre 1712, fiii* ihre Interessen auszubeuten. 
Wie in der Regel, wenn Dänemark einen Streich gegen Hamburg 
beabsichtigte, wurden eine Reihe von Beschwerden zusammengestellt. 
Einzelne solcher Beschwerden erinnerten an die bekannte Fabel von 
dem Wolf und dem Lamm. Doch lässt sich nicht leugnen, dass sie 
keineswegs durchweg aus der Luft gegriffen waren, sondern vielfach 
unverkennbare Benachtheiligungen von Einwohnern Holsteins, insbe- 
sondere von Altonaem, zur Sprache brachten. Konnte auch Ham- 
burg den dänisch-holsteinischen Reclamationen gegenüber sich meist 
auf seine Privilegien und von Alters her bestehenden Einrichtungen be- 
rufen, so war es immerhin dem König von Dänemark nicht zu verdenken, 
dass er sich der Interessen seiner Unterthanen annahm, wie ja auch 
der Berliner Hof in nicht minder nachdrucksvoller Weise zu Gunsten 
der preussischen Unterthanen der Stadt Hambui'g gegenüber einzu- 
treten pflegte. Darin aber wich das Verhalten der dänischen Regierung 
von dem der preussischen ab, dass sie gelegentlich auf Gewaltacte 



Aus einem Bericht des Residenten Lincker vom 11. JuU 1684 (Kophg. A.)« 

2* 



12 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

gegen die Stadt sann, noch ehe sie ihre Beschwerden namhaft 
gemacht hatte, und dabei augenscheinlich nicht in erster Linie die 
Abstellung dieser Gravamina, sondern vielmehr anderweitige Zu- 
geständnisse^ zumeist Geldbewilligungen, zu erlangen suchte. 

Ein sehr brauchbares Werkzeug für ihre Zwecke besass die 
dänische Regierung um das Jahr 1712 in Hambui^ in ihrem Resi- 
denten Hans Staats von Hagedom, dem Vater des bekannten deutschen 
. Dichters Friedrich von Hagedom. Ein ausserordentlich gewandter, 
findiger und dem dänischen Staatsinteresse durchaus ergebener 
Diplomat, war dieser schon seit geraumer Zeit bedacht gewesen, die 
ihm von verschiedenen Seiten zugetragenen Beschwerden gegen 
Hamburg gleichsam aufzustapeln, bis sich die Möglichkeit bot, sie 
vortheilhaft zu verwerthen.*) Lange hatte er vergeblich nach einer 
günstigen Gelegenheit hieifiii' ausgespäht. Diese bot sich erst, als 
die Wechselfälle des nordischen Krieges ein ansehnliches dänisches 
Heer in die Nähe Hamburgs geführt hatten. 
I Die Bemühungen des Kaisers, im Verein mit den Seemächten 

und verschiedenen deutschen Reichsfürsten den Boden des deutschen 
Reichs von den nordischen Kriegswirren frei zu erhalten, waren be- 
kanntlich fmchtlos geblieben; und so konnte denn auch König 
Friedrich IV. von Dänemark nicht verhindert werden, einen Eroberungs- 
zug gegen die im westfälischen Frieden an Schweden gelangten 
Fürstenthümer Bremen und Verden zu unternehmen. Die fUr diesen 
Zweck in Bewegung gesetzte dänische Militärmacht schien geeignet, 
auch Hamburg zu erdrücken. Zum mindesten lag die Versuchung 
nahe, unter Hinweis auf die an der Uuterelbe versammelten dänischen 
Streitkräfte der Stadt einen Beitrag zu den Kriegskosten abzunöthigen 
und sie überhaupt unsanft daran zu eriunern, wie sehr sie von der 
Gnade und Ungnade des dänischen Hofes abhing.*) 

Bereits im Anfang des Jahres 1712 hatte Friedrich IV. zwei 
hamburgische nach Malaga bestimmte Schiffe, die durch Stui*m und 
Unwetter nach Norwegen verschlagen waren, in Bergen festhalten 
lassen. Nachdem wiederholte Bemühungen, die Ursachen dieses 
feindlichen Vorgehens zu erfahren, frachtlos gewesen und inzwischen 
noch drei weitere hamburgische Schiffe von den Dänen aufgebracht 
waren, entsandte der Rath Mitte Juli auf die Kunde, dass Friedrich IV. 
bei seiner in der Nähe von Itzehoe versammelten Armee erwartet 



'*) Nach seinen Berichten im Kophg. A. 

') Das Folgende meist nach den einschlägigen Raths- und Bürgerschafts- 
protokollen, einzelnen Acten des Hamburger Staatsarchivs und den Berichten 
Hagedorns und der übrigen dftnischen Bevollmächtigten im Kophg. A. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 13 

werde, zwei seiner Mitglieder dorthin. Die erwünschte Audienz beim 
König wurde den Rathsdeputirten jedoch nicht zu theil. Vielmehr 
empfingen sie von dem Generalkriegscommissar von Platen den un- 
erfreulichen Bescheid, die Stadt habe seit vielen Jahren die Lang- 
muth des Königs so sehr missbraucht, dass er sich endlich genöthigt 
gesehen, sich Eecht zu verschaffen. Den dänischen Seeoffizieren sei 
deshalb Befehl gegeben, sämmtliche hamburgische Schifi«, deren 
man habhaft werden könne, aufzubringen. Auch deutete Platen an, 
dass noch weitere Feindseligkeiten gegen Hamburg bevorständen. 
„Seine Majestät woUten bei diesen so favorablen Conjuncturen die 
Occasion, ihre vollkommene Satisfaction zu nehmen, nicht aus 
Händen lassen." ^) 

Worüber der König sich beklagte, und was er als Sühne 
begehrte, wurde den Eathsdeputirten erst angedeutet, als sie am 
2. August in Dockenhuden zu einer Conferenz mit zwei königlichen 
Commissaren zugelassen worden. Man hielt ihnen vor, dass ünter- 
thanen des Königs sich über Justizverweigerung in Hamburg be- 
schwerten, dass die Altonaer Zünfte von den hamburgischen harte 
und unbillige Behandlung erführen, nicht minder, dass dänische 
Unterthanen durch ungehörige Zollforderungen und das von Hamburg 
beanspruchte Stapelrecht geschädigt seien. Auch daraus wurde 
der Stadt ein Vorwurf gemacht, dass dort, um die Einschleppung 
der Pest von Norden her zu verhüten, der Verkehr am Altonaer 
Thor und am Dammthor zeitweilig eingeschränkt worden war. *) 
Die Dänen drehten die Sache so, als woUe Hamburg von den 
„contagiösen Zeitläufen" Nutzen ziehen, um die Altonaer zu 
chicaniren. Der König — so erklärten die Commissare weiter — 
begehre zu seiner Satisfaction 4 — 500 000 Thlr. Diese Forderung 
wurde im Laufe der Unterredung auf 300 000 Thlr. ermässigt. Doch 
erfolgte zugleich die Drohung, dass, wenn die Stadt die verlangte 
Summe nicht zahle, sich der König an den hamburgischen Schiften 
schadlos halten werde. 

Den Rathsdeputirten kann das Zeugniss nicht versagt 
werden, dass sie sich durch das anspruchsvolle Gebahren der 
dänischen Commissare nicht aus der Fassung bringen Hessen, sondern 
die Würde der Stadt zu wahren wussten. Als- beim Beginn der 
Conferenz von den Vertretern des dänischen Königs eine Vollmacht 
vorgelegt wurde, in der Hamburg dem damaligen dänischen Kanzlei- 



*) Bericht von Syndicas Sillem und Eathsherm Hans Jacob Faber vom 18. Juli 1712. 
») Vgl Abschnitt IL 



14 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

gebrauch gemäss „unsere erbunterthänige Stadt" genannt war, 
hielten die Hamburger Deputirten es füi* ihre Pflicht, dieser Be- 
zeichnung zu widersprechen und die Rechte der Stadt vorzubehalten. *) 
Den gegen die hamburgische Justiz gerichteten Vorwurf lehnten sie 
mit den Worten ab: der Rath administrire die Justiz allen und jedem 
nach Recht und Gewissen, er schlösse davon auch die Unterthanen des 
dänischen Königs nicht aus ; vielleicht könne kein Magistrat im Reiche 
sich mit mehr Fug rühmen, dass die von ihm gesprochenen Urtheile in 
der AppeUations- und Revisionsinstanz fast sämmtlich bestätigt und 
nur zum kleinsten Theil umgestossen wären. Auch die übrigen 
Beschwerden wurden als ungerechtfertigt oder doch nicht hinreichend 
begründet zurückgewiesen. Bezüglich der geforderten Geldsumme 
blieb den Rathsdeputirten freilich nichts anderes übrig, als ihren 
Auftraggebera Bericht zu erstatten. 

Dem hamburgischen Rath musste das dänische Verlangen 
ebenso unbillig, wie unerfüllbar erscheinen. Immerhin galt es zu 
überlegen, ob man in der Hoffnung, dass die Dänen ihre Forderung 
noch weiter ermässigen würden, in Unterhandlungen eintreten und 
sich zu einem gewissen Geldopfer bereit erklären, oder ob man die 
Zumuthung kurzerhand abweisen sollte. Auch das Erstere war nicht 
ganz gefahrlos. Neutralität während der Kriege der giössem Staaten 
zu bewahren, hatte seit geraumer Zeit zu den Zielen der hamburgi- 
schen Politik * gehört. Während der Reichskriege mit Frankreich 
konnte davon freilich ohne Verletzung der reichsständischen Pflichten 
nur in beschränktem Masse die Rede sein. Um so gerechtfertigter 
war das Streben der Hamburger, bezüglich des nordischen Kriegs, 
an dem das Reich als Gesammtheit keinen Antheil hatte, völlige 
Neutralität zu beobachten. Dies war bisher im wesentlichen gelungen. 
Vermochte Hamburg auch nicht zu verhindern, dass es abwechselnd 
von jeder der beiden kriegführenden Parteien der Begünstigung des 
Gegners geziehen ward, so hatte man doch dem Rathe der Stadt 
bisher keine neutralitätswidrige Handlung nachweisen können. Als 
solche aber musste die Zahlung einer Geldsumme an Dänemark 
erscheinen, insofern dadurch einer der gegen Schweden verbündeten 
Mächte in augenfälligster Weise Vorschub geleistet wurde. Man 



*) Dem Bericht hierüber füg^ten Syndicus Sillem und Rathsherr Faber die Worte 
hinzu: ^ welche unsere Protestation und Reservation die königlichen Herren 
Commissarii auch an- und Ihro Eöngl. M^j. davon zu referiren übernahmen**. 
Die dänischen Commissare bestritten dagegen, den hambnrgischen Protest ad 
referendnm angenommen zu haben. Ein Widerstreit der Auffassungen, der 
zu einer erneuten dänischen Genugthuungsforderung Anlass gab. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 15 

konnte sich daher kaum darüber wundem, dass dem Senat bereits 
am 6. August die Erklärung des schwedischen Gesandten Rothlieb 
zuging: wenn die Stadt den Dänen mit einer Geldzahlung unter die 
Arme greife, so werde der König von Schweden die gleiche Summe 
beanspruchen. Falls sich der hamburger Rath dem dänischen Ansinnen 
füge, so drohte der schwedische General-Gouverneur Vellingk einige 
Tage später, würden die Gothenburger Kaper auf die hamburgischen 
Schiffe, insbesondere auf die nach Archangel bestimmte Handelsflotte 
Jagd machen. Der Hamburger Rath glaubte jedoch den Drohungen 
Dänemarks grösseres Gewicht beilegen zu müssen, als den schwedischen. 
Dänemarks Kriegsmacht war in der Nachbarschaft der Stadt concentrirt, 
während Schweden auf dem Punkte stand, seine Machtstellung an der 
unteren Elbe einzubüssen. Auch war es immer noch wahrscheinlicher, 
dass Schweden grossmüthiges Verzeihen übte, als dass Dänemark von 
seinem Begehren abliess. Trotzdem wollte die Bürgerschaft im 
Gegensatz zum Rath zunächst nichts von Nachgiebigkeit gegen 
die Dänen wissen ; sie fordei-te vielmehr den Rath auf, die dänischen 
Beschwerden durch eine möglichst gründliche Widerlegung zu beant- 
worten und zugleich den Kaiser und andere Mächte um Beistand 
anzugehen. Der Rath betrat diese Wege, ohne sich jedoch besonderen 
Erfolg davon versprechen zu können. Anscheinend fand er einen 
gewissen Rückhalt bei dem Grafen Schönbom. Dieser erklärte das 
dänische Ansinnen für durchaus ungehörig und stattete dem Wiener 
Hof über die Sachlage sofort eingehenden Bericht ab. Stand dort 
auch Hamburg, wie erw^ähnt, nicht in besonderer Gnade, so erforderte 
doch schon die Wahrung des kaiserlichen Ansehens, gegen die Ver- 
gewaltigung eines so wichtigen Reichsstandes Einspruch zu erheben. 
Dazu kam die Erwägung, dass Hamburg, zu Zahlungen an den 
nordischen Nachbar genöthigt, um so weniger im Stande sein werde, 
seinen finanziellen Obliegenheiten gegen Kaiser und Reich nachzu- 
kommen. So wurde denn bereits am 20. September vom Kaiser ein 
förmliches Abmahnungsschreiben an den König von Dänemark erlassen 
und zugleich Schönborn angewiesen, sich der Stadt in nachdrücklicher 
Weise anzunehmen. Letzterer entwickelte nunmehr eine überaus 
rührige diplomatische Thätigkeit. Er setzte sich mit den Gesandten 
der niedersächsischen Kreisstände, sowie mit denen der Seemächte 
in Verbindung. Er unterliess auch nicht, dem Oberbefehlshaber der 
dänischen Truppen, General v. Schölten, dem Residenten Hagedom 
und den übrigen dänischen Bevollmächtigten Vorstellungen zu machen, 
indem er betonte, dass sein Gebieter seines kaiserlichen Amtes walten, 
demgemäss keinerlei Gewaltthätigkeit im Reichsgebiet dulden und 



16 Hambarg während der Pestjahre 1712—1714. 

sich zum Schutze Hamburgs mit anderen der Stadt wohlgesinnten 
Mächten vereinigen werde. In einer Unterredung mit Hagedorn fügte 
er noch hinzu: der Kaiser werde bereitwilligst dazu mitwirken, dass 
die Hamburger, soweit auf ihrer Seite das Unrecht sei, dem König 
Satisfaction gewährten, nur mtisste diese mit dem Vergehen proportionirt 
sein. Zugleich sprach er die Hoffnung aus, dass der Stadt eine vier- 
wöchentliche Frist zu ihrer Verantwortung eingeräumt werde. 
Characteristisch ist, was Hagedom darauf antwortete. Die Stadt 
— so äusserte er — wolle den König mit leeren Worten vertrösten 
und hoffe unter Vermittelung der beft-eundeten Mächte wiederum un- 
gestraft davon zu kommen. Von Unbilligkeit der Proportion zwischen 
Vergehen und Strafe könne nicht die Rede sein, da die Eechte und 
Regalien seines Herrn, denen Hamburg zu nahe getreten, unschätzbar 
wären. Jedenfalls könne man dem König nicht zumuthen, sich mit 
der Stadt Hamburg in weitläufige Disputation einzulassen, und noch 
weniger, anderen Mächten die Entscheidung über seine Rechte 
anheimzustellen. Eine solche Geringschätzung der kaiserlichen 
Autorität an den Tag zu legen, konnte Hagedorn wagen, weil er 
wusste, dass der Wiener Hof damals ausser Stande war, seinen 
diplomatischen Kundgebungen durch eigene Machtmittel Nachdruck 
zu geben, und weil er vermuthen durfte, dass auch von jenen andern 
Staaten, auf deren Eintreten für Hamburg Schönborn zu rechnen 
schien, nichts Ernstliches zu befürchten sein würde. 

Eine thatkräftige Intervention Preussens wäre allerdings 
nicht ausgeschlossen gewesen, wenn Hamburg diesem Staate rück- 
haltloses Vertrauen geschenkt hätte. In dem Augenblick, als sich 
die Dänen der Stadt zuerst mit militärischer üebermacht näherten, 
anscheinend entschlossen, vom Rechte des Stärkeren in jeglicher 
Weise Gebrauch zu machen, wandte sich der Rath mit dringenden 
Hülfsgesuchen an den preussischen Residenten Burchard, sowie an den 
König vonPreussen. Er deutete an, dass die Lage eine noch gefährlichere 
sei, als im Jahre 1686. Mit vollem Grund durfte an die der Stadt 
ein Vierteljahrhundert früher von Brandenbuig geleistete Hülfe erinnert 
werden. Denn bezüglich Hamburgs hielt die preussische Regierung 
auch damals, unter dem massgebenden Einfluss des Ministers Ilgen, an 
den Traditionen des grossen Kurfürsten fest. Sobald sie von der Be- 
drängniss Hamburgs Kenntniss erhielt, und noch ehe ihr das Gesuch 
des dortigen Raths übermittelt war, hatte sie ihre Bereitwilligkeit 
bezeugt, der Stadt duixh Fürsprache, und, wenn nöthig, durch mili- 
tärische Massregeln Hülfe zu leisten. In einem Erlass an Burchard 
vom 30. Juli hiess es : Er möge dem Rath hinterbringen, dass die 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 17 

Stadt, wenn Dänemark wider Verhoflfen etwas Thätliches gegen sie 
vornehmen wolle, sich des preussischen Beistandes versichert halten 
könnte. Der König habe genugsam Truppen an der Hand, um der 
Stadt beizuspringen; er lasse einige Eegimenter nach der Priegnitz 
und der Altmark anrücken, und weil die Stadt, wie er veniommen, 
zu ihrer Vertheidigung namentlich Cavallerie bedürfe und diese nicht 
so schnell, wie das allenfalls zu Schiff elbabwärts zu sendende Fuss- 
volk befördert werden könne, so stelle er in des Raths Belieben, ob 
sofort ein preussisches Cavallerieregiment in die Vierlande einrücken 
solle, um den Dänen zuvorzukommen. ^) 

Hiermit war dem Rath allerdings nicht gedient. Der erste 
Schrecken über das Herannahen der dänischen Truppen hatte sich 
mittlerweile gelegt. Man überzeugte sich davon, dass die Entfaltung 
dieser Streitmacht wenigstens zunächst nicht sowohl Hamburg, als das 
Herzogthum Bremen bedrohe. Durch Unterhandlungen mit den 
Dänen hoffte man mindestens Zeit zu gewinnen. Dabei war es 
gewiss nicht förderlich, wenn preussische Truppen heranrückten oder 
es auch nur bekannt wurde, dass Hamburg um den militärischen 
Beistand Preussens nachgesucht hatte. Hierzu kam, dass eine preussi- 
sche Truppenansammlung auf dem Gebiet der Stadt oder auch in 
den Vierlanden nicht nur bei der Bürgerschaft, die geneigt war, in 
jeder Verstärkung der militärischen Macht eine Bedrohung der Frei- 
heit zu erblicken, sondern auch bei verschiedenen deutschen und ausser- 
deutschen Staaten Misstrauen erweckt haben würde. 

Das war ja für die Lage des damaligen Hamburgs charakte- 
ristisch, dass es als ein schutzloser Kleinstaat jedem gewaltthätigen 
Angriff preisgegeben war, wenn es nicht von befreundeter Seite Bei- 
stand erhielt, und dass von den Hamburg wohlgesinnten Staaten jeder 
einzelne es ungern sah, wenn einer der anderen sich anschickte, zum 
Schutz der Stadt auch nur einen Theil ihres Territoriums militärisch 
zu besetzen. Erregte es doch auch stets Preussens Eifersucht, wenn 
verlauten wollte, dass der Kaiser Truppen ins hamburgische Gebiet 
zu schicken beabsichtige. 

Aehnliche Zusicherungen wurden dem Hamburger Rath von Berlin aus am 
2. August direct ertheilt, nachdem dessen Hülfsgesuch (vom 2S. Juli) dort 
eingetroffen war. Ein Erlass an Burchard vom 2. August gab dem Entschluss 
der preussischen Regierung, Hamburg in seiner Bedrängniss beizustehen, 
noch kräftigeren Ausdruck, als der vom 30. Juli : „Es bleibet auch bei Unserer 
einmal gefassten Resolution, dass, wenn der König in Dänemark die Stadt 
oder Dero Territorium mit einiger Thätlichkeit angreifen sollte. Wir Uns 
ihrer dawider annehmen und mit soviel Truppen als nöthig ihr sofort zu 
Hülfe kommen . . . woUen." (Berl. A.) 



18 Hamburg während der Pestjalire 1712 — 1714. 

Bei Erwägung aller dieser Umstände wird es weniger un- 
verständlich erscheinen, dass anf die grossmüthige preussische Beistands- 
zusicherung eine kühle Antwort erfolgte. Der Rath bekundete (am 
3. August) seine Dankbarkeit für die von dem preussischen König 
„aus eigener huldreichster Bewegniss" zu Gunsten Hamburgs getroffene 
militärische Anordnung, fügte jedoch hinzu, „man wolle nicht hoffen, 
dass man vor der Hand sothaner Truppen bedürfen würde; sollte es 
aber die Noth erfordern, so würde der Rath sich bei dem Herrn 
Envoye von Burchard geziemend melden."^) 

Es ist begieiflich, dass man in Berlin seitdem in dem 
hamburgisch-dänischen Conflict eine grössere Reserve beobachtete; 
doch blieb man fortdauernd geneigt, für die Stadt durch diplomatische 
Ven^'endung und, wenn es nöthig sein würde, auch durch directe Hülfs- 
leistung einzutreten. In diesem Sinne wurde auch Burchard instruirt. 
Es scheint aber, dass sein Eifer etwas erlahmt war. Die Antwort 
des Hamburger Senats vom 3. August hatte ihn offenbar verdi'ossen, 
und noch mehr verstimmte es ihn, dass man in Hambui'g sogar 
Scliwierigkeiten machte, als es sich danim handelte, der dort seit 
1708 wegen der kaiserlichen Commission befindlichen preussischen 
Mannschaft, welche zeitweilig durch Entsendungen geschwächt worden 
war, die ursprünglich vereinbarte Stärke wiederzugeben. Doch muss 
man sich noch einen andern Umstand vergegenwärtigen, um vollends 
zu begreifen, dass die diplomatische Action Burchards zu Gunsten 
Hamburgs damals nicht besondere schwer ins Gewicht fiel. Hatte 
es auch seit den Zeiten des grossen Kurfui-sten zu den Aufgaben 
der brandenburgischen Politik gehört, Hamburgs Unabhängigkeit zu 
vertheidigen , so hinderte die übernommene Beschützerrolle nicht, 
dass der Berliner Hof der Stadt gegenüber häufig die rauhe Seite 
hervorkehrte. Wie bereits angedeutet, trat er in Hamburg stets 
energisch für die Rechtsansprüche und wirthschaftlichen Interessen 
der preussischen Unterthanen ein, und kam es in Folge dessen wieder- 
holt zu scharfen Auseinandersetzungen und selbst zu Repressalien. 
Seit längerer Zeit gab namentlich das hamburgische Stapelrecht zu 
Conflicten Anlass. Das aber war ein Punkt, in dem sich die dänische 
und die preussische Politik begegneten. So hatten sich denn gerade 
im Jahre 1712 die Vertreter beider Staaten, Hagedom und Biuxhard, 
darüber verständigt, die von Hamburg dem Verkehr auf der Elbe 



^) EathsprotokoU vom 3. August. Nach Burchard hätte der Rath diese Antwort 
namentlich mit Rücksicht auf die Bürgerschaft ertheilt. Er bemerkt dabei, 
„die Jahmsie zwischen Rath und Bürgerschaft sei grosser, als jemalen" 
(Berl. A.). Auch das Folgende nach Burchards Berichten. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 19 

bereiteten Hemmnisse gemeinsam zu bekämpfen.^) Wenn daher der 
preussische Gesandte gelegentlich als Yertheidiger der reichsständi- 
schen Rechte Hamburgs dem dänischen Residenten die geballte Faust 
wies und ihm gleich darauf als handelspolitischer Bundesgenosse 
zärtlich die Hand drückte, so ist es klar, dass die Bedeutung der 
ersten Demonstration wesentlich abgeschwächt wurde. 

Solange sich aber Preussen nicht ernstlich regte, hatte auch 
der kurbraunschweigische und wolfenbtittelsche Einspruch nicht viel 
zu bedeuten. Ebenso wenig war die diplomatische Verwendung 
Englands und Hollands bei diesem Anlass wirksam genug, um die 
Dänen von ihrem Vorhaben abzubringen oder die Hamburger zum 
Widerstand zu ermuthigen. 

Nachdem eine Rathsdeputation, die Ende August ins dänische 
Hauptquartier zu Agathenburg gesandt worden, erfolglos heimgekehrt 
war, und man daher weiterer Feindseligkeiten und der vollständigen 
Hemmung des hamburgischen Handels gewärtig sein musste, gab auch 
die Bürgerschaft (am 22. September), obschon mit einigem Wider- 
streben, ihre Zustimmung dazu, dass zur Abwendung dieser Gefalir 
der Sache etwas näher getreten, d. h. die Bereitwilligkeit bekundet 
werde, das gute Einvernehmen mit Dänemai-k, wenn es anders nicht 
möglich, durch ein gewisses Geldopfer zu erkaufen. Doch auch 
dann fehlte noch viel, dass man zu einer Verständigung gelangt wäre, 
um die Deraüthigung, die in einer duich Drohungen erpressten Satis- 
factionsleistung lag, abzuschwächen, schlug der Senat vor, eine 
Cautionssumme zu zahlen, die dem König anheimfallen solle, wenn 
die Rechtfertigung der Stadt als unbegründet befunden würde. Auch 
verband er mit diesem nur halbwegs entgegenkommenden Angebot 
eine Reihe von Bedingungen. Auf eine derartige Modification ihrer 
FordeiTingen einzugehen, lehnten die königlichen Commissare ab. 
Nicht minder ungnädig nahmen sie es auf, dass der Betrag, den die 
Stadt unter gleichmässiger Berücksichtigung ihrer Zwangslage und 
des unerfreulichen Zustandes ihrer Finanzen in Aussicht stellte, 
erheblich hinter der von ihnen geforderten Summe zui-ückblieb. '^) 



') Nach Hagedorns Berichten (Kophg. A.). 

^ Bemerkenswerth ist, dass der dänische Hof laut eines Erlasses an Hagedorn 
vom 18. October noch eine Erhöhung der Satisfactionssnmme am 20 000 Thlr. 
forderte, weil „der Magistrat sich unterstanden, an allen Orten wider Wahrheit 
auszubreiten, als ob Unsere Commissarii die zu Dockenhuden durch die damals 
abgeschickten Deputirten vermeintliche Protestation gegen der Stadt Qualität 
(als „erbunterthänige Stadt^) an- und ad referendum über sich genommen.*^ 
(Vgl. S. 14 Anm. ^). Konnte der dänische König damals auch nicht daran denken, 



20 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Noch am 24. Octolier fasste daher die Bürgerschaft kriegerische 
Massregeln ins Ange. Sie wünschte, dass nonmehr die in der Stadt 
nnd vor den Thoren liegenden Kreistmppen in Eid genommen nnd 
in das „Neue Werk" verlegt würden, und dass auch sonst alles 
Erforderliche geschehe, um die Stadt in Yertheidigungszustand zu 
setzen. Thatsächlich ordnete der Senat einige Massregeln in diesem 
Sinne an. Auch war kürzlich von preussLscher Seite aufs neue angedeutet 
worden, dass es der Stadt, wenn sie nur den Wunsch danach zu 
erkennen gebe, nicht an militärischer Hülfe fehlen werde. Die 
preussischen Truppen standen jedoch in erheblicher Entfernung, was 
den Dänen nicht unbekannt war. In seinem Bericht vom 25. October 
hatte Hagedom der dänischen Begierung die tröstliche Mittheilung 
gemacht, dass die Preussen innerhalb der nächsten 14 Tage nicht 
zur Stelle sein könnten. In demselben Schreiben fand sich die Notiz, 
dass, nach den Aeusserungen Burchards zu urtheilen, der König von 
Preussen zwar ein Bombai-dement von Hamburg nicht zugeben, im 
übrigen aber den Dänen nicht hinderlich sein würde. ^) 

Der Kopenhagener Hof hatte daher bei seinem Vorgehen gegen 
Hamburg von keiner Seite Widei-stand zu befürchten. Nachdem bereits 
mehrere Wochen hindurch dänische Trappen auf hamburgischem Gebiet 
gelagert hatten, begann Ende October das eigentliche Executionswerk. 
Zunächst wurden Hamm, Hora, Billwerder und die Vierlande besetzt. 
Nicht nur hier, sondern in weiterem Umkreise wurden Lieferungen 
ausgeschrieben unter Androhung vonExecution oder gar von Plünderung, 
falls dem Verlangen kein Genüge geschehe. Am schlimmsten erging 
es jedoch den Ortschaften, in denen die dänischen Regimenter Quartier 



seine landesherrlichen Ansprüche in Hamburg durchzusetzen, so waren doch 
die dänischen Politiker stets darauf bedacht zu verhüten, dass diesen Ansprüchen 
auch nur im geringsten prajudicirt werde. In diesem Sinne wies Hagedom 
ein Schriftstück des hamburgischen Senats vom 12. October zurück^ in dem 
„des hohen Kaiserlichen Commissions-Negotii^ Erwähnung geschehen, da der 
König von keiner kaiserlichen (Kommission wisse und noch weniger selbige 
anerkenne. (Kophg. A.) 
*) Mehr, als mit seinen Instructionen verträglich, würde sich Burchard auf den 
dänischen Standpunkt gcsteUt haben, wenn die Mittheilungen Hagedoms 
vom 11. October völlig auf Wahrheit herab ten. Der dänische Resident 
schreibt seinem König an dem erwähnten Tage u. a.: „Er (Burchard) that 
dem hinzu, dass dem Bath nicht schaden könnte, wenn Ew. Königl. Maj. 
auf jeden Hof der Bürgermeister und Bathsherm zwei, drei bis vierhundert 
Mann legten, weilen solches die Bürger faciles zur Satisfactionsgebung 
machen dürfte, nur möchte Ew. Königl. Maj. General dahin sehen, dass an 
denen Orten keine Leute logiret würden, wo preiissische und wolfenbfittelsche 
Kreisvölker .... einquartieret wären.*' (Kophg. A.) 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 21 

genommen. Noch knrz vorher hatte der commandirende General 
von Schölten erklärt, es solle niemanden ein Huhn gekränkt werden. 
Jetzt aber schien die Losung gegeben zu sein, sich auf Unkosten 
der Hamburger gütlich zu thun. ^) Generalleutnant Dewitz 
beanspiTichte allein für seinen Mittagstisch täglich 24 Rthlr. 
Andere Offiziere requirirten die ausgesuchtesten Leckerbissen. *) 
Lebten die Befeldshaber in Saus und Braus, so hielt es begreif- 
licherweise auch schwer, die Excesse der gemeinen Soldaten 
zu zügeln. Da mochte es übel in jenen Gartenwohnungen aus- 
sehen, in denen 70, 80, ja selbst 100 Mann einquartiert waren. 
Und nicht nur auf den Besitzungen der Eeichen hausten die Dänen. 
Auch den Landleuten des hamburgischen Gebiets wurde arg zuge- 
setzt, so dass der eine und der andere dem Ungemach zu entrinnen 
suchte, indem er der Heimat den Rücken kehrte. 

Zu alledem kam die Besorgniss, dass bei längerem Verweilen 
dieser Tinippen die Pest, die bereits seit Ende September im Innern 
der Stadt und auf dem Hamburgerberg manche Opfer gefordert, auch 
die von den Dänen besetzten Ortschaften ergreifen und dadurch verstärktes 
Unheil über die Stadt selbst bringen könnte. So lag denn in der 
That die Nothwendigkeit vor, sich mit den Bedrängern wohl oder 
übel abzufinden. Zur Beschleunigung des Abschlusses trug es nicht 
wenig bei, dass die dänischen Commissare für jeden Tag, an dem 
Hamburg noch femer zögerte, eine Strafsumme von 2000 Thalem 
forderten, und dass auöh die Besetzung des Hamburgerbergs, Eims- 
büttels und Eppendorfs und somit die völlige Einschliessung der 
Stadt auf der Landseite in Aussicht genommen ward. 

Dass die in solcher Weise erzwungene Fügsamkeit Hamburgs 
nicht nur für diese Stadt eine Demüthigung bedeutete, ist auch in 
jener Zeit nicht verkannt worden. Burchard, dessen Benehmen bei 
dieser Angelegenheit von demVorwurf der Zweideutigkeit nicht ganzfrei- 



*) Immerhin gewinnt man ans den hamburgischen Acten, wie aus den Berichten 
Burchards den Eindruck, dass die erwähnten übermässigen Forderungen 
und Excesse von Schölten weder veranlasst, noch gutgeheissen wui-den. 
Am 5. November meldet Burchard: Schölten habe einige Offiziere, welche 
excedirten, tapfer abgestraft. 

') Nach einem dem Bericht Burchards vom 4. November beigelegten Verzeichniss 
wurden von dem dänischen Generalleutnant Legardc, der in der Garten- 
wohnung des Bürgermeisters Becceler einquartirt war, u. a. requirirt: 
Vj Dutzend Rebhühner, 6 Dutzend Krammetsvögel, 3 Hasen, 6 Kapaune, 
6 Poularden, junge Tauben, Confituren, röther Pontac, Burgunder, Champagner, 
Leipziger Lerchen, 6 Kalkuten, 6 frische Gänse, 3 Schock Krebse, 12 Hummer 
und andere gute Fische, ein Fässchen Anschoven u. dergl. m. 



22 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

zusprechen ist, bemühte sich doch mit einer gewissen Ostentation der Auf- 
fassung entgegenzutreten, als ob die Stadt in ihrer Noth von Preussen 
verlassen worden sei. In Berlin scheint freilich die anfänglich 
so lebhafte Parteinahme für Hamburg nicht nur durch die Haltung 
des dortigen Eaths, sondern auch durch die Erwägung beeinträchtigt 
worden zu sein, dass ein entschiedeneres Eintreten flUr die Stadt zu 
Verwickelungen mit den nordischen AUiirten Dänemarks führen 
könne. ^) Rückhaltlose Theilnahme für Hamburg bekundete dagegen 
damals der wolfenbüttelsche Hof. Dieser wandte sich noch Anfang 
November nach Hannover und Berlin, um wo möglich auch jetzt 
noch zu verhüten, dass Hamburg dem dänischen Machtgebot 
erliege. Doch die Resignation überwog bereits die Hoffnung 
auf Erfolg. In einem an den hannoverschen Minister Bemstorff 
gerichteten Schreiben vom 4. November führt der braunschweigische 
Kanzler, Propst von Wendhausen, die Truppen auf, die sein Herzog 
für Hamburg zur Verfligung zu stellen gewillt sei, um dann die 
Worte hinzuzusetzen: „Wenn aber Ihre Majestät von Preussen und 
Ihre Kurfürstliche Diu'Chlaucht (von Hannover) keine stärkere Macht 
anschafFen können, so wird der bedrängten Stadt dasmal nicht zu 
helfen sein, und wird sie sodann den Dänen, was dieselben foiniem, 
wohl accordiren müssen. Inmittelst ist zu beklagen, dass dieser vorhin 
so considerable niedersächsische Kreis solchen mepris von den 
Dänen leiden muss."^) 

Bereits am Abend des 5. November erklärten sich der Senat und 
das Collegium der Sechziger bereit, den Dänen in der Hauptsache zu will- 
fahren, und am 18. November wurde der Vergleich, der diese Misshellig- 
keiteu vorläufig beendete, unterzeichnet. Hambiu^g verpflichtete sich 
darin, der dänischen Krone als Satisfaction füi* das Vergangene 
2;)0 0()0 ,.f und ausserdem 16 000 ^ als Busse für das Zögern zu 
entrichten, wogegen Dänemark die Einstellung der Feindseligkeiten, 
insbesondere die Zurückziehung der Truppen vom hamburgischen 
Gebiet und die Freigebung der hamburgischen Schiffe verhiess. 

Bei den vorausgegangenen Verhandlungen hatten die Ham- 
burger Deputirten sich wiederholt dahin ausgesprochen, dass nacli 
ihrer Auffassung durch das Eingehen auf die Satisfactionsf orderung 
sämmtliche Beschwerden endgültig abgethan sein müssten. Dänischer- 
seits war jedoch verlangt worden, die Stadt solle sich in einem 



Erlass an Alvensleheu, den preussischen Vertreter am Wolfenbüttler Hof, 

vom S. November 1712. (Berl. A.) 
2) Wolfb. A. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 23 

besonderen Artikel verpflichten, den Bescliwerdeführem, deren 
Gravamina bereits im September in einer besonderen Drucksclirift 
zusammengestellt waren, innerhalb einer gewissen Zeit zu ihrem Recht 
zu verhelfen und überdies zur Ausgleichung aller übrigen Streitpunkte, 
sowie zur Wiedererlangung der königlichen Gnade ein Paar Deputirte 
nach Kopenhagen zu entsenden. Schliesslich hatten die dänischen 
Commissare, um zum Ende zu kommen, einer den Hamburgern minder 
anstössigen Fassung des Artikels zugestimmt. Dieser lautete nun- 
mehr dahin, dass der Senat sich verpflichte, vor Ablauf des Jahres 
zwei Deputirte nach Kopenhagen abzufertigen, „um sich um die 
königliche unschätzbarste Propension und Huld desto mehr zu be- 
werben und desto völliger zu erlangen, anbei alle künftige Ungnade 
von der Stadt abzukehren, hingegen die königliche Gnade für hiesiges 
Commercium zu erbitten." 

Diese Fassung des Artikels tnig freilich den Keim feineren 
Zwiespalts in sich. Zunächst war man jedoch froh, der dänischen 
ümklamnieniHg ledig zu sein. Ein weiterer Aiilass zur Freude war, 
dass auch die Kreistnippen, die seit dem Frühjahr 1708 als unwill- 
kommene Gäste auf dem hamburgischen Gebiete geweilt hatten, 
während der letzten Wochen des Jahres 1712 abzogen. Mit gutem 
Muth mochte man in weiten Kreisen der Stadt dem kommenden 
Jahr entgegensehen. Dieser freudigen Stimmung wird in einem 
Neujahrsgedicht, das Magister Tobias Conrad Stein am I.Januar 1713 
an den Rath von Hamburg richtete, mit den Worten Ausdruck gegeben : 

Wir sind der Feinde Macht recht gut nnd wohl eutkonimen. 
Man wird von fremdem Volk anitzt nichts mehr gewahr. 
Hammonia, es ist Dein Unstern nun verschwunden, 
Du hast die Einigkeit und Friede jetzt gefunden. 

Doch schon der Beginn des Jahres 1713 Hess sieh wenigstens 
für die Leiter des hambmgischen Gemeinwesens keineswegs so freund- 
lich an, wie jener optimistische Neujahrsgratulaut vorausgesetzt zu 
haben scheint. War auch ein gütliches A])koramen mit Dänemark 
von den Vertretern der meisten Staaten, zu denen Hamburg in Be- 
ziehung stand, anempfohlen oder gutgeheissen worden, so gaben doch 
zwei Kegierungen ihrer Unzufriedenheit mit dem \' ergleich vom 
18. November unverhohlenen Ausdruck: die kaiserliche und die 
schwedische. 

Je eifriger Graf Schönborn die Stadt zur Standhaftigkeit gegen 
Dänemark angespornt hatte, umso aufgebrachter war er über den 
Ausgang der Angelegenheit. Selbst der Brief, in dem er am 
31. December von Braunschweig aus den Neujahrsglückwunsch des 



24 Hamburg während der Pes^ahre 1712—1714. 

Hamburger Senats beantwortete, bekundete den Unmuth, den er, 
wenn auch nicht aus diesem Grunde allein, gegen Hamburg hegte. 

In Wien aber sah man die Fügsamkeit Hamburgs gegen 
Dänemark als eine Art von Verrat an. Ein am 20. Januar 1713 
an den Hamburger Senat gerichteter kaiserlicher Erlass bezeichnet 
das Abkommen als eine „fast strafmässig eingegangene, des Kaisers 
und des heiligen Reiches Eechten und Hoheit hart zuwider laufende 
Handlung"; er eiklärte den Vergleich für null und nichtig und 
verbot bei einer Strafe von 500 Mark löthigen Goldes, auf Ginind 
desselben das Geringste zu zahlen, oder auch Abgesandte nach 
Kopenhagen oder sonst einem Ort ausserhalb oder innerhalb des 
Reichs zu dem in dem Vertrage genannten Zweck oder anderer 
„Reichsunterthanen unanständiger Erniedrigung" abzuschicken. Da- 
gegen sollte die Verantwortung wegen der dänischen Beschwerden, 
bei denen es sich meist um Klagen holsteinischer Unterthanen handelte, 
binnen 2 Monaten nach Wien eingeschickt werden. 

Einen thatsächlichen Erfolg hatte dies Schreiben ebenso- 
wenig, wie das gleichzeitige kaiserliche Mandatum cassatorimn et 
annullatorium, das an den König von Dänemark in seiner Eigen- 
schaft als Herzog von Holstein erging. Dass die bisher unterlassene 
Sendung von hamburgischen Rathsherren an den dänischen König 
noch weiter verschoben wurde, ist nicht ausschliesslich auf den 
Einspruch des Kaisers zuiiickzuführen, und den finanziellen Tlieil 
des Abkommens rückgängig zu machen, war durchaus unausführbar. 
Die Wiener Erlasse vom 20. Januar hatten somit die Stellung Hamburgs 
Dänemark gegenüber in keiner Weise verbessert und die politische 
Lage der Stadt im übrigen durch die Missfallensbezeugung des 
Kaisers und die Unmöglichkeit, seinen Weisungen nachzukommen, 
noch weiter verschlechtert. 

Eine unmittelbare Gefahr schw ebte zur Zeit der Jahreswende 
zufolge des schwedischen Unwillens über Hamburg. Abgesehen von 
der erwähnten Geldzahlung an Dänemark hatte sich die Stadt vor 
nicht langer Zeit auch noch bei einer anderen Gelegenheit den Groll 
der schwedischen Machthaber zugezogen. Als nach der dänischen 
Occupation des Herzogthums Bremen der Stader Zoll für Dänemark 
erhoben wurde, verlangte der schwedische General-Gouverneur Vellingk, 
es sollten in Hamburg keine elbaufwärts kommenden Waaren aus- 
geladen werden, ehe die ordnungsmässige Entrichtung des Zolls durch 
Vorweisen eines schwedischen Zollzettels dargethau sei. Falls man 

^) Abschriften dos Briefs bei den prensj?. und dän. Gesandtschaftsberichten. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 25 

■ 

die Erlegang des Zolls an die dänischen Beamten gestatte, werde 
sich der König von Schweden an die Stadt halten und auf nochmalige 
Zahlung dringen. Trotzdem verffigte der Hamburger Rath am 
17. September 1712 im Hinblick auf den thatsächlichen Besitzstand, 
dass nicht der schwedische, sondern der dänische Zollzettel als gültig 
anzusehen sei.^) Damals glaubte man, wie bereits angedeutet, 
Schwedens Repressalien minder als dänische furchten zu müssen. 
Wenige Monate später aber hatte sich ein Wandel in den Macht- 
verhältnissen vollzogen. Der berühmte schwedische Feldmarschall 
Graf Magnus von Stenbock war in Pommern gelandet, nach 
Meklenburg vorgedrungen und aus dem TreflFen bei Gadebusch, 
wo ihm die Dänen unter General Schölten gegenüber gestanden, 
(am 20. December) als Sieger hervorgegangen. Sein nächstes 
Ziel war Holstein. Aber auch Hamburg hatte Grund, vor 
seinem Heere zu zittern. Bereits mehrere Wochen vorher war dem 
Bathe von dem schwedischen Residenten Rothlieb gedroht worden, 
Graf Stenbock werde an der Stadt wegen ihrer Gefügigkeit gegen 
Dänemark Vei^geltung üben. Aehnliches stellte der schwedische 
Gesandte in Berlin in Aussicht. In seiner erneuten Bedrängniss 
wandte sich der Rath wiederum an die befreundeten norddeutschen 
Fürsten. Diese Hessen es auch jetzt nicht an wohlgemeinter diplo- 
matischer Verwendung fehlen, die freilich schwerlich von grossem 
Erfolg gewesen wäre, wenn Stenbock wii-klich Arges gegen Hamburg 
im Schilde geführt hätte.*) 

Bekanntlich ging das Unwetter an Hamburg vorüber, 
um die Nachbarstadt um so unheilbringender zu treffen. Angeblich 
um die Einäscherung Stades durch die Dänen zu rächen, beschlossen 
die schwedischen Machthaber Altena den Flammen preiszugeben. 
Am Sonntag, den 8. Januar 1713, d. h. am Tage vor jener 
Schreckensnacht, in welcher das unheimliche Zerstörungswerk begann, 
weilte Stenbock mehrere Stunden in Hamburg. Zwei Rathsdeputirte 
statteten ihm hier dem Brauch entsprechend ihren Begrüssungs- 



^) Kophg. A. Die hambnrgische Entscheidang erschien auch dem imparteiischen 
preussischen Gesandten als die correcte, „zomalen bekannt ist, dass bei allen 
Occnpationen die Zölle dem occupanti nicht disputirt werden können.^ 
Er bedauerte freilich, dass sich der Bath bei diesem Streit nicht völlig 
passiv verhalten habe. Burchard, d. 23. Sept. 1712. 

^ Pie preussiache Regierung verwandte sich für Hamburg bei dem schwedischen 
Gesandten in Berlin und richtete ausserdem ein Schreiben an Graf Vellingk, 
das dem Hamburger Bath zur Behändigung au diesen- zugesandt, doch — weil 
die Gefahr inzwischen vorübergezogen zu sein schien — nicht übergeben 
wurde. (Acten des Berl. und Wolf b. A.) 

8 



26 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

besucli ab. Wie mochten sie aufathmen, da der gestrenge Feldmarschall 
mit keinem Worte der von Vellingk nnd Eothlieb angedrohten 
Repressalien gedachte und vielmehr von seiner Gewogenheit gegen 
die Stadt Hamburg redete!*) Unter den geschilderten Umständen 
kann es nicht befremden, dass man Stenbock alle in solchen Fällen 
üblichen Ehrenbezeugungen zu erweisen beflissen war. Dazu gehörte, 
dass man dem als Gast der Stadt betrachteten fremden Heerführer 
Gastgeschenke verehrte, die in Wein und Victualien bestanden. Da 
nun aber am Sonntag weder der Eath, noch die Kämmereibürger 
versammelt waren, so konnten die zu überreichenden Gaben erst am 
folgenden Tage ordnungsmässig bei der Kämmerei eingeworben 
werden. Bei der Abmessung des Darzubietenden schien es geboten, 
sich nach dem zu richten, was vor kurzem der dänische General 
von Schölten erhalten und mit Rücksicht auf die Verhältnisse noch etwas 
darüber zu thun.^ Die dem gemäss herbeigeschafften Geschenke wurden 
nach dem Hauptquartier des schwedischen Feldmarschalls gesandt 
Es war ein eigenthümliches Zusammentreffen, dass sie an demselben 
Tage in Pinneberg anlangten, an dem auf Stenbocks Geheiss ein 
erheblicher Theil von Altona der verheerenden Macht des Feuers 
zur Beute wurde. Nicht unmöglich ist es, dass dieser Umstand 
den ersten Anlass zu dem thörichten Gerede gegeben hat, die 
Hamburger hätten den schwedischen Feldmarschall durch Geld dazu 
bestimmt, die ihnen aus so manchen Gründen unbequeme Nachbarstadt 
einzuäschern.^) 

Ein anderer Vorwurf, der in Veranlassung des Altonaer 
Brandes gegen Hamburg gerichtet wurde, ging dahin, dass man 
es an menschenfreundlicher Hülfsbereitschaft habe fehlen lassen. 
Dem gegenüber steht fest, dass die Hamburger beim Löschen der 
Flammen thatkräftigen Beistand leisteten, dass sie viele der Feuersgefahr 
entrissene Waaren in ihren Mauern bargen, dass sie die Flüchtlinge 

^) Schreiben des Hamb. Raths an den König von Prenssen vom 14. Janaar 1714. 

^) Nach dem Anszng ans dem Käramereiprotokoll (Hamb. A.) wurden folgende 
Gaben übersandt : 3 Ohm Rheinwein, 6 Stübchen von dem alten Fass genannt 
Sten, eine Bohte Sect, 200 Limonen, 200 Apfelsinen, ein halber Ochse, 
2 Hammel und 2 Kälber. 

') Bekannt ist die Polemik des jüngeren Richey gegen die ursprüngliche Dar- 
stellung in Voltaire's Karl XTT., deutsch in den Niedersächs. Nachrichten von 
gelehrten neuen Sachen f. d. J. 1733, S. 00 ff. und bei Langermann, Hamb. 
Münz- und Medaillcnvergnügen, S. 156 ff. (Auch in den späteren Auflagen 
des berühmten Werks Voltaires ist das Verhalten der Hamburger gegen 
Altona in ein falsches Licht gesteUt, obwohl einige der früheren Beschuldi- 
gungen getilgt oder gemildert sind.) 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 27 

mit Speise und Trank labten*), und dass auch später noch für die 
nothleidenden Altonaer CoUecten in den Kirchen und Häusern 
Hamburgs veranstaltet wurden. Auch wird von den verschiedensten 
Seiten berichtet, dass eine grosse Zahl geflüchteter Altonaer niclit 
nur auf dem Haraburgerberg, sondern auch in der Stadt Hambuig 
Aufnahme gefunden.^) Dass nicht ausnahmslos jeder obdachlose Altonaer 
zugelassen wurde, ist freilich begreiflich genug; denn die Pest 
grassirte in Altona damals in bedenklicher Weise, während sie in 
Hamburg im Erlöschen zu sein schien. Es kennzeichnet die Sach- 
lage, dass der Kurfürst von Hannover, sobald er in Erfahining gebracht 
hatte, dass Altonaische Güter nach Hamburg gebracht seien, den 
Verkehr mit dieser Stadt fUr einige Zeit aufhob. 

Auch abgesehen von diesem letzteren Umstand konnte es bei 
den trotz aUer Kivalität engen wirthschaftlichen Beziehungen zwischen 
beiden Städten nicht ausbleiben, dass Hamburg durch die Katastrophe 
Altenas in MiÜeidenschaft gezogen wurde. ^ Nicht minder wui*de der 
weitere Yonnarsch der Schweden im Holsteinischen für Hamburg 
verderblich ; dam ^ bewirkte, dass sich dort immer neue der Kriegs- 
noth entronnene Flüchtlinge eindrängten und dazu beitnigen, das 
Elend zu mehren und den Gesundheitszustand zu verschlechtem. 

Dem schwedischen Heere folgten die Bussen auf dem Fusse, 
von denen auch das hamburgische Gebiet wiederholt durchstreift wurde. 

Vom 14. — 16. Januar 1713 weilten Zar Peter und Füist 
Menschikow in Hamburg. Der Zar hatte bei seinem Residenten 
Bötliger auf dem Jungfemstieg Wohnung genommen und wurde hier 
am 15. feierlichst bewillkommnet.*) Auch sonst erwies man ihm 
jegliche Aufinerksamkeit, die einem beireundeten Monarchen gegen- 



In den Hamb. Eämmereirechnnngen findet sich nnter dem 21. Januar 1713 
aufgeführt: an Franz Abraham, den Wasserschout, für Bier, Brod und Käse, 
so er den armen abgebrannten Altonaem auf Befehl E. E. Baths und Consens 
der Kammer ausgetheilet, wird bezahlt 122 {^ 4/3. Vergl. E. H. Wichmanns 
Geschichte Altenas S. 145 f. 

*) Ein Bericht aus Harburg vom 25. Januar redet — vermuthlich übertreibend — 
von etlichen tausend Einwohnern Altonas, die nach der Einäscherung dieser 
Stadt in Hamburg aufgenommen worden. (Haiin. A.) Vgl. S. 56. 

') Nach dem Bericht des hannoverschen Secretärs Schlüter wurde die Einbusse 
der Hamburger beim Altonaer Brande an verlorenen Effecten und Häusern 
auf 500 000 Reichsthaler veranschlagt, der Verlust der Altonaer selbst da- 
gegen nicht so hoch geschätzt. Schlüters Bericht vom 14. Januar 1713. 
(Hann. A.) 

') Das Folgende zumeist nach Acten des Hamb. Staatsarchivs unter Benutzung 
einzelner Notizen in den Hamb. Chroniken. 

8* 



28 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Über herkömmlich war. Nachdem der Zar Hamburg verlassen, ver- 
weilte er noch einige Tage auf dem benachbarten Schloss Wandsbeck. 
Auch wenn er von dort aus auf seinen Strei&ügen das haroburgische 
Gebiet vorübergehend berührte, erfolgten Salutschüsse von den 
Wällen der Stadt. OflFenbar ehrte man in Peter dem Grossen nicht 
nur den beiühmten Regenten und Heerführer, sondern zugleich das 
mächtige Oberhaupt eines Reiches, zu dem Hamburg seit längerer Zeit 
in mancherlei Beziehungen gestanden. Seit dem Anfang des 17. Jahr^ 
hunderts hatten die Hamburger in Russland eine gewisse Rolle gespielt 
und insbesondere einen regen Handel mit Archangel unterhalten. Be- 
greiflicherweise war dieser Verkehr unter Peter dem Grossen noch von 
grösserer Wichtigkeit geworden. Es lag daher im Interesse der Stadt, 
sich das Wohlwollen des Zaren zu bewahren. Auch ging der Rath 
in seinem rücksichtsvollen Verhalten gegen den russischen Monarchen 
soweit, dass er es, ohne Klage zu fuhren, mit ansah, wie die rus- 
sischen Truppen, die in Hamm, Hom und Billwerder Quartier 
genommen, auf dem neutralen hamburgischen Boden, wie in Feindes- 
land, von Requisitionen lebten und das Landvolk misshandelten. 
Immerhin hielt er es für geboten, in der Stille einige Hassregeln 
zu treffen, damit nicht die Stadt selbst unversehens in die Gewalt 
der Russen gelange. Er Hess den zugefrorenen Stadtgraben auf- 
eisen und gab Befehl, dass 600 Mann der Garnison ins Neue Werk 
und 10 Bürgercompagnien auf die Wälle zogen. ^) 

Die Besorgniss vor einem üeberfall der Stadt durch mosco- 
vitische Truppen war allerdings unbegründet. Doch erscheint es um 
so begreiflicher, dass man in Hamburg vor den Russen auf der Hut 
war, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es bereits seit Beginn 
des nordischen Krieges zu wiederholten Anfechtungen von dieser 
Seite wegen angeblicher Begünstigung der Schweden gekommen war. 
Insbesondere hatte Peter der Grosse mehrfach über die Haltung der 
hamburgischen Presse Klage geführt. Schon im November 1701 war 
von ihm ein Schreiben an den Hamburger Rath ergangen, in dem 

') Bericht des königl. poln. und kursächs. Legationssecretärs Lehmann vom 
18. Januar 1713. (Dresd. A.) Neben den inhaltreichen, doch oft recht ein- 
seitigen Berichten Bnrchards und HagedornH, welche die bei den Vorgängen 
in Hamburg besonders interessirten Staaten, Preussen und Dänemark, ver- 
traten, sind auch die sachgemässen und unparteiischen Mittheilungen, die 
Lehmann an seine Regierung gelangen Hess, für die historische Forschung 
von grossem Interesse. Obwolü er als Diplomat nur eine untergeordnete 
Rolle spielte, war er doch meist gut unterrichtet. — Es sei zugleich daran 
erinnert, dass er sich auch als Schriftsteller seiner Zeit einen gewissen 
Ruf erworben hat. Vgl. Lexicon hamburgischer Schriftsteller Bd. 4, S. 408 ff. 



Hambarg während der Pestjahre 1712—1714. 29 

er sich beschwerte, dass die hamburgischen Zeitungsschreiber über 
Vorgänge, die Russland beträfen, ungeziemende und von der Gegen- 
partei ersonnene Nachrichten verbreiteten.*) Der Senat suchte in 
seinem Erwiderungsschreiben (vom 17. Februar 1702) die Hamburger 
Journalisten nach Kräften zu vertheidigen. Er machte darauf auf- 
merksam, dass es unmöglich sei, „ohne genügsame Gegenberichte in 
den Erzählungen von weit entlegenen Begebenheiten alle Mal das 
Wahre von dem Unwahren zu unterscheiden", und dass, wenn man 
die Zeitungsschreiber verbindlich machen wollte, nur unanfechtbare 
Nachrichten zu bringen, „unausbleiblich alle gedruckten Zeitungen 
aufgehoben und abgestellt werden mtissten," Immerhin sah sich der 
Rath veranlasst, den „Avisendruckem" einzuschärfen, dass sie sich 
bei den Nachrichten, die den Zaren und dessen Herrschaft und 
Eriegfährung beträfen, künftig grösserer Behutsamkeit befleissigen 
möchten. Trotzdem trafen wenige Jahre später noch heftigere Be- 
schwerden ein. In einem Schreiben vom Anfang des Jahres 1705 
drohte Peter der Grosse sogar, seinen Unwillen über die Stadt an 
deren in Russland weüenden Unterthanen auslassen zu wollen.^ 
Und bereits im Mai desselben Jahres stellte er das Verlangen, dass, 
wer in Zukunft auf hamburgischem Gebiet unwahre oder beleidigende 
Nachrichten über russische Verhältnisse zum Druck befördere, für 
ehrlos erklärt, körperlich gezüchtigt und aus der Stadt verwiesen 
werden solle. Ueberdies wünschte er, dass demjenigen, der ein 
Pressvergehen der angegebenen Art denuncire, eine Belohnung in 
Aussicht gestellt werde.') Letzteres geschah in der That. Im übrigen 
war es freilich nicht möglich, sich in der Behandlung der Journalisten 
den russischen Anschauungen völlig anzubequemen ; doch erging aufs 
neue an alle Buchhändler, Bnchdnicker und Zeitungsschreiber die 
Mahnung, sich davor zu hüten, unwahre und gekrönten Häuptern zu 
nahe tretende Nachrichten durch den Druck zu verbreiten. Trotz solches 
Entgegenkommens musste sich der Rath auch noch während der 
nächstfolgenden Jahre wiederholt gegen den Verdacht vertheidigen, 

*) Der Ishalt dieses nicht mehr vorliegenden Schreibens ergibt sich ans der 
Antwort des Hamb. Senats (Hamb. A.). 

') Aach der Inhalt dieses Schreibens ergibt sich ans der Erwiderung des 
Senats (vom 10. März 1705). Ans einem SuppUcatum an den Rath „inVoU- 
macht der sämmtlichen anf Archangel handelnden Eanflente" vom 2. Sept 1705 
ist zn ersehen, dass man thatsächlich einen Hamburger in Knssland fest- 
genommen hatte, nm wegen eines Artikels des in Hamburg erscheinenden 
Nordischen Mercurins Bepressalien zu üben. 

') Lateinische Uebersetzung eines Schreibens Peters des Qrossen an den Hamb. 
Senat Moskau, vom Mai 1705. (Hamb. A.) 



30 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

dass er Presserzeugnissen, die den Zaren nnd die rassische Nation 
herabsetzten, eine neutralitätswidrige Duldung zu Theil werden lasse. 
Auch ist es bezeichnend, dass, als im Jahre 1712 zuerst ein ständiger 
diplomatischer Vertreter Busslands beim niedersächsischen Kreise 
ernannt wurde,^) dieser die ausdrückliche Weisung erhielt, gegen 
die russenfeindliche Presse einzuschreiten. 

Aber auch von dem Zeitungswesen abgesehen glaubten die 
Bussen Anlass zu haben, die Stadt der Parteilichkeit für Schweden 
zu bezichtigen. So wurde z. B. im Jahre 1708 die Anschuldigung 
erhoben, dass in Hamburg Werbungen für das schwedische Heer 
stattgefunden hätten. Der Bath vermochte dies nicht zu bestreiten ; 
er durfte aber darauf hinweisen, dass man solche Werbungen dem 
König von Schweden in seiner Eigenschaft als Herzog von Bremen 
und Inhaber anderer Beichsgebiete nicht verwehren könne.*) 

Zu den Beschwerden aus früherer Zeit kam im Januar 1713 
eine neue in Folge eines Vorfalls beim Zollenspieker hinzu. ') N«ich 
der russischen Angabe wären dort am 17. Januar mehrere moscovi- 
tische Passagiere unter den Augen der unthätigen und schadenfrohen 
Hamburger Wache*) von einer schwedischen Abtheilung überfallen 
worden, wobei ihnen ihr gesammtes Gepäck und mit diesem zugleich 
ein Betrag von mehr als 120 000 Dukaten in Wechselbriefen und baarem 
Gelde geraubt worden sein sollte. Menschikow stellte deswegen an 
die Stadt Hamburg eine Entschädiguftgsforderung. Der Bath bemühte 
sich freilich auf Grund eingehender Untersuchung des Sachverhalts, die 
völlige Unschuld der aus Hamburgern und Lübeckern gebildeten Wache 
beim Zollenspieker darzuthun. Trotzdem verlautete nicht lange nachher, 
dass Fürst Menschikow damit umgehe, von Hamburg Ersatz für die 
Wechselbriefe, um die er angeblich bei jenem Ueberfall gekommen 
sei, durch militärische Gewalt zu erpressen.^) 



') Job. Fr. Böttiger, der bereis 1709 zum Vertreter Basslands in Hambnrg 
eingesetzt war. Vgl. F. Härtens, Becneil des traitßs et Conventions conelos 
par la Russie, T. V., S. 79. 

») Vgl. F. Härtens a. a. 0. S. 78. 

^ Die Acten hierüber in den Beilagen zu R n. B.-R. Tom 12. Joni 1713. 

*) „Und diesem aUen schante die Wache mit lachendem Munde zn^ heisst es 
in der rassischen Beschwerdeschrift vom 23. Janaar 1713. 

') Dies berichtet Lehmann am 18. März 1713. Nach seiner Angabe hätte 
Menschikow damals 100 000 Thaler, die an Wechselbriefen von den Schweden 
beim ZoUenspieker weggenommen sein sollten, von Hamburg fordern woUen. 
Jedoch fügt er hinzu, es sei gewiss, dass Menschikow gar keine Wechselbriefe 
bei jener Action eingebüsst habe, sondern dass nur ein paar russischen 
Offizieren etwa 300—400 Dukaten weggenommen seien. (Dresd. A.) 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 31 

Nicht minder verdriesslich war ein Vorkommniss , das sich 
am 20. März 1713 in Hamburg selbst zutrug. An diesem Tage wollte 
der im russischen Dienst stehende Generaladjudant Baron von Löwen- 
wolde in einer Miethskutsche durch das Altonaer Thor zur Stadt 
hinausfahren. Als er an die unweit des Thors gelegene Haupt- 
wache kam, wurde er angehalten und darauf aufmerksam gemacht, 
dass er das heraufgezogene Wagenfenster herunter lassen müsse« 
Dies entsprach einer alten Vorschrift, die im Jahre 1709 mit Rück- 
sicht auf die drohende Pestgefahr zur besseren ControUirung der 
Passirenden aufs neue eingeschärft worden war. Löwenwolde weigerte 
sich jedoch, der Weisung der Schildwache Folge zu leisten. Auch 
die Aufforderungen eines hinzutretenden Corporals, sowie des Offiziers, 
der die Wache commandirte, blieben erfolglos. Darauf ertheilte 
letzterer Befehl, den Schlagbaum niederzulassen und so die Kutsche 
am Weiterfahren zu hindern. Hierdurch erbost, öflhete der Russe 
2war das Fenster ein wenig, doch nur um den Offizier zu schmähen 
und die Obrigkeit, die solche Possen- und Lumpenordres gegeben 
habe, zu verhöhnen. Auf erneute Vorstellungen erwiderte er, 
i,er wolle andren Tages andere Ordre stellen, auch 600 Mann 
vor den Baum schicken, die Wache wegnehmen, ihnen die Knute 
geben, ja allen die Hälse brechen lassen." Als dann die Annäherung 
eines Leichenzugs, der sich zum Thor hinausbewegen sollte, eine 
weitere Versperrung des Wegs unstatthaft erscheinen liess, wurde 
der bestimmte Befehl an Löwenwolde gerichtet, wenn er sich nicht 
fugen und die Fenster niederlassen wolle, wenigstens zurück oder 
zur Seite zu fahren ; worauf dieser ergrimmt aus dem Wagen sprang 
und den Offizier mit dem Stock bedrohte. Solcher Widersetzlichkeit 
gegenüber konnte man sich nicht anders helfen, als indem man den 
ungebärdigen Passagier gewaltsam, wenn auch mit möglichstem Glimpf, 
auf die Wache führte. E]*st etwas später erfuhr man , mit wem man 
es zu thun hatte. Inzwischen hatte auch der russische Resident 
Böttiger von dem Vorfall Kunde erhalten. Er verlangte die Frei- 
lassung des Verhafteten, die sofort bewilligt wurde. Unmittelbar 
darauf begab sich Löwenwolde in das Haus des präsidirenden Bürger- 
meisters von Bostel, um wegen der ihm widerfahrenen Behandlung 
Klage zu führen. Von dem Wunsche geleitet, Gerechtigkeit zu üben und 
zugleich den russischeuGeneraladjudanten zu begütigen, befahl vonBostel, 
bis zur Aufhellung des Thatbestandes über den Offizier der Wache, 
der mit Löwenwolde zusammengerathen, Arrest zu verhängen, sowie 
«die Personen, die bei dem Vorfall betheiligt gewesen, vernehmen 
zu lassen. Hierdurch erklärte sich Löwenwolde jedoch nicht zufrieden- 



32 Hamburg während der Pesljahre 1712—1714. 

gestellt, sondern drohte, sich durch seinen Gebieter Genngthuang 
verschaffen zu wollen; während der Hamburger Rath ein Schreiben 
an Menschikow richtete, in dem er nicht nur den Vorgang ins rechte 
Licht stellte, sondern zugleich darum nachsuchte, dass solche unver- 
diente Insultirung der hamburgischen Thorwache geahndet werde. ^) 

Es begreift sich, dass es nach allen diesen Zwischenfällen 
den Eath mit Besorgniss erfüllte, wenn einmal über das andere das 
hamburgische Territorium von nissischen Truppen durchzogen ward. 
Doch handelte es sich zunächst nur um kleinere Abtheilungen ; und 
es gelang zumeist, wenn auch nur durch theuer erkaufte Sauvegarden, 
die hamburgische Landbevölkerung vor schlimmerer Misshandlung zu 
bewahren. 

Lebhaftere Besorgnisse aber wurden rege, als der Krieg auf 
schleswig-holsteinischem Gebiet durch die Capitulation Stenbocks bei 
Oldensworth (am 16. Mai) sein Ende erreicht hatte, da nunmehr zu 
gewärtigen war, dass Menschikow die Stadt wegen der verschiedenen 
unerledigten Streitpunkte zur Rechenschaft ziehen werde. Wie sehr 
man aber auch darauf gefasst sein mochte, dass beim Rückmarsch der 
Russen unliebsame Zumuthungen und Satisfactionsforderungen an Ham- 
burg ergehen würden, so ahnte man doch nicht, in welchem Masse 
es die Russen verstanden, die Situation zu ihrem Nutzen auszubeuten. 

Am 5. Juni überreichte Böttiger dem Rath ein aus Friedrich- 
stadt datirtes Schreiben Menschikows vom 3. Juni (23. Mai a. St.), in 
welchem dieser den lebhaftesten Unwillen darüber bekundete, dass 
die Stadt Hamburg, deren Eaufleuten der Zar in seinen Landen „vor 
allen anderen Nationen" viele Freiheiten und Privilegien ertheilet 
hätte, gegen diesen und die gesammte russische Nation bei den ver- 
schiedensten Gelegenheiten „sich ganz widrig gesinnt finden lassen." ^ 
Im Einzelnen wurden fünf Anklagepunkte hervorgehoben. Der erste 
nahm die längst für abgethan erachteten Beschwerden gegen die 
hamburgische Presse wieder auf und machte für deren angeblich 
russenfeindliche Haltung den Rath verantwortlich, da es nicht unbe- 



*) Nach der hamborgischen Species facti und einem Schreiben des hamb. Batbs 
an Menschikow vom 4. April in den Anlagen zu R. n. B.-R. vom 12. Juni 
and einem Bericht des hannoverschen Residenten Gräfe vom 22. Mars 1713. 
Die knrzen Angaben des Letzteren stimmen im wesentlichen mit der hamb. 
Species facti überein. Dass „einige (hambnrgische) Musketiere eüichemale, 
jedoch ohne* Schaden, aof ihn (Löwenwolde) losgeschlagen,^ wie Gräfe 
angibt, wird in dem hambnrgischen Bericht allerdings nur angedeutet 

^ Das Schreiben Menschikows sowie die Rechtfertigongsschrift des Senats nebst 
den zu letzterer gehörigen Beweisstücken finden sich unter den Anlagen zu 
den R u. B.-R. v. 12. Juni 1713. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 33 

kannt sei, dass alle Zeitungen von einem Mitgliede desselben vor dem 
Dracke censirt würden. Der zweite Punkt betraf die Behandlung, 
die dem rassischen Commerziendirector Vosbein in Hamburg wider- 
fahren. Obwohl dieser von dem rassischen Gesandten zu Kopen- 
hagen in den Dienst des Zaren genommen und mit Eeise- 
pässen nach Moskau versehen worden, hätte man ihn in Hamburg 
„aus particulieren und interessirten Absichten, alles Kemonstrirens 
ungeachtet, in den schimpflichsten und verächtlichsten Arrest gebracht.^ 
Die dritte Klage lautete dahin, dass im Jahre 1 700 durch Verrätherei 
einiger Hamburger eine Quantität von 20 000 dem Zaren zugehörigen 
Gewehren in schwedische Hände gefallen sei. Der vierte Punkt 
betraf den erwähnten üeberfall der russischen Passagiere beim Zollen- 
spieker und der fünfte die Angelegenheit des Barons von Löwenwolde, 
von dem es hiess, er sei so rUde und schimpflich behandelt worden, 
dass es selbst nach Anschauung der Einwohner Hamburgs geahndet 
werden müsse. Aus allen diesen Gründen — so erklärte Menschikow 
zum Schluss seines Schreibens — beanspruche der Zar Genugthuung, 
sowie Entschädigung aller derjenigen, die durch das Verhalten der 
Hamburger benachtheiligt worden seien. Falls man sich diesem 
Verlangen nicht gutwillig ftige, würden die äussersten Mittel zur 
Anwendung gebracht werden. 

Der Bath beeilte sich zunächst, die vorgebrachten Beschul« 
dignngen in einer eingehenden Vertheidigungsschrift zu widerlegen. 
Bei der Zurückweisung der gegen die hamburgische Presse gerichteten 
Vorwürfe bediente er sich ähnlicher Argumente, wie in den früheren 
zu gleichem Zweck an Peter den Grossen gerichteten Rechtfertigungs- 
schreiben* ^) Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass andere Mächte 



Gharakterutisch für das Zeitnngswesen and die Censor jener Zelten ist 
insbesondere folgende SteUe: „Indessen ist jedennoch sattsam und überflttssig' 
bekannt, dass die Gazettiers blosse privati sein nnd mit allerhand Zeitungen 
ihre Blätter anfüllen, welche sie so wenig für Wahrheiten debitiren, noch als 
solche dem Leser aufdringen, dass sie manchmal aof demselben Blättchen 
nnterschiedliche einander e diametro entgegenlaufende Zeitungen setzen, einem 
jedweden f^ilassend, welcher und ob Und wie er selbiger Glauben geben wolle; 
und obgleich der älteste Herr Syndicus der Stadt, wenn die Gazetten bereits 
zum Druck gesetzet, dieselbe fugitivo oculo durchsiebet, welches mehrentheils 
in den Rathsrersammlungeu, wenn er mit anderer wichtigerer Arbeit be- 
schäftiget ist, geschiehet, so ist doch selbige seine Censur nur bloss dahin 
gerichtet, ob auch etwas contra jura summomm principum geschrieben, zumalen 
er veritatem Tel falsitatem der erzählten factomm, besonders wenn selbige 
in weit entfernten Ländern vorgegangen sein soUen, ebenso wenig, als der 
Zeitungsschreiber selber, zu dijudiciren vermag.'^ 



34 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

bei solchen VeranlassuBgen niemals von der Stadt Genugthuung 
forderten, sondern nur die Züchtigung der schuldigen Autoren be- 
gehrten, gegen die der Kath in allen näher bezeichneten Fällen den 
beschworenen Gesetzen gemäss vorzugehen erbötig sei. Bezüglich 
des zweiten Punktes wurde geltend gemacht, dass der Commerzien- 
director Vosbein wegen zweier von ihm anerkannter Schuldverschrei- 
bungen, sowie auf Antrag seines Schwiegervaters, eines Lübecker 
Eathsherm, gegen den er ehrenrührige Schriften gerichtet, fest- 
genommen worden sei, und dass er weder einen Pass, noch ein 
sonstiges Document zu seiner Legitimation vorgewiesen habe. Ueberdies 
hätte der russische Gesandte in Kopenhagen sich nachträglich von 
ihm als einem nichtswürdigen und wortbrüchigen Menschen los- 
gesagt. In der That schwerwiegend wäre die dritte Beschuldigung 
gewesen, wenn man ihre Wahrheit hätte erweisen können. Der Rath 
konnte jedoch in seiner Rechtfertigung darauf hinweisen, dass über 
das angebliche Vorkommniss, das sich vor 1 3 Jahren zugetragen haben 
solle, niemals früher Klage erhoben worden sei. Zur Entkräftung 
des 4. und 5. Anklagepunktes berief man sich gegenüber den un- 
richtigen oder übertriebenen russischen Angaben von neuem auf den 
Thatbestand, wie er in Hamburg unmittelbar nach den betreflFenden 
Vorfiillen amtlich festgestellt worden war. 

Die umfangreiche (vom 8. Juni datiite) Rechtfertigungsschrift 
wurde dem russischen Heerflihrer durch zwei Bathsdeputirte übergeben. 
Menschikow erklärte sie jedoch für unzureichend, und Hess durch den 
Residenten Böttiger ein Sühngeld von 400 000 Reichsthalem fordern 
unter Hinzufügung der Drohung, dass, wenn die Summe nicht bis zum 
12. Juni zugesagt würde, die unter seinem Commando stehende Armee 
in die Ländereien der Stadt einrücken solle. 

Wie gewöhnlich in solchen Bedrängnissen, wandte sich der 
Rath auch diesmal mit der Bitte um Beistand und Fürsprache au 
die in Hamburg anwesenden Diplomaten, die in mehr oder minder 
lebhafter Weise ihre Theilnahme zu erkennen gaben. Hinsichtlich 
der Berechtigung des Vorgehens von Menschikow scheinen sie zu- 
meist der Ansicht des hannoverschen Residenten gewesen zu sein, der 
an seine Regierung schrieb : „Das stärkste Argument, so die Russen 
wider die Stadt haben, sind 25 000 Mann, ohne welche die übrigen 
sich leicht refütiren Hessen." *) Nicht zum wenigsten en'egte die Höhe 
des russischen Anspruches die Entrüstung der Gesandten. Selbst 
Hagedom, der offenbar bei moscovitischen Forderungen einen anderen 



») Gräfe, d. 7. Juni 1713. (Hanu. A.) 



Hamburg während der Pestjahre 17J 2—1714. 35 

Massstab anlegte, als bei dänischen, sprach sich in seinen Berichten 
dabin aus, dass es der Stadt geradezu unmöglich sei, die begehrte 
Summe aufzubringen.^) 

Zu entschiedener Ablehnung des ungehörigen Verlangens rieth 
auch in diesem Falle insbesondere Schönborn, dem man das Zengniss 
nicht versagen kann, dass er alles daran setzte, um Hamburg vor einer 
erneuten Demttthigung und Erpressung zu schützen. In seinem bereits 
am 7. Juni nach Wien gesandten Bericht setzte er auseinander, dass 
die Stadt nur durch den Kaiser gerettet werden könne. Charak- 
teristisch ist, dass er auch dieses Mal das finanzielle Interesse der 
Reichsregierung betonte, um die Nothwendigkeit schleuniger Hülfs- 
leistung einleuchtend zu machen. Er wies darauf hin, dass selbst 
Rathsherm sich nicht scheuten, es oflfen auszusprechen, dass sie 
keinen Schutz und Beistand vom Kaiser hätten und darum 
auch nicht einsähen, warum man sich den Anforderungen von 
Kaiser und Reich so willfährig bezeigen sollte.*) Wenn die Stadt 
das Begehren der Moscoviter befriedigen müsse — so folgerte 
Schönbom — dann werde in der nächsten Zeit von ihr für den 
Kaiser kein Kreuzer ohne Extremitäten zu erlangen sein. 

Angesichts der Nothlage Hamburgs wartete Schönbom übrigens 
nicht erst den Bescheid seiner Regierung ab, um der Stadt seine 
diplomatischen Dienste zur Verfügung zu stellen und — wie er 
hoffte — „den Coup einigermassen zu pariren." Von den ver- 
schiedenen ünteiTedungen, die er damals zu Gunsten Hamburgs 
führte, ist namentlich die mit Menschikow bemerkenswerth. Selbst- 
verständlich protestirte er im Namen von Kaiser und Reich gegen 
das russische Vorgehen wdder die Stadt. Ausserdem aber gab er 
Menschikow zu bedenken, in welche Lage er kommen würde, wenn 
die Hamburger sich entschlössen, ihre Thore zu sperren und ihr 
Geschick Gott und der Zeit anheim zu geben. In den Vierlanden, 
in Billwerder und dem übrigen Landgebiet würden die Russen keine 
Lebensmittel finden, da die Bewohner das Ihrige bereits ins Lüne- 
burgiscbe geflüchtet oder nach der Stadt in Sicherheit gebracht hätten. 
Was er dabei gewänne, wenn er etwa die Zerstörung der Gärten 
anbeföhle und dadurch ein böses Monument zurückliesse ? Auf 
diese Vorstellungen antwortete Menschikow unter anderem : falls sich 



*) Hagedom, d. 6. nnd 12. Juni. (Eophg. A.) 

^ Wien. A. Verwandte Angaben finden sich in einem Bericht Bnrchards vom 
6. Joni : „Gemeine Bürgerschaft fängt an schwierig zn werden, dass die Stadt 
ein so ansehnliches Beichscontingent jährlich auszahlen muss nnd jiicht die 
geringste Protection von Kaiser und Beich zu gewärtigen hat." (Berl. A.) 



36 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Hamburg länger ^derspenstig zeige, werde der König von Dänemark 
verabredetermassen seine Artillerie zur Verfügung stellen, um den 
Magistrat und die Stadt zur Kaison zu bringen.^) Das war freilich 
nur eine leere Drohung. Der Kopenhagener Hof war mit dem Vor- 
gehen der Russen gegen Hamburg durchaus nicht einverstanden und 
bevollmächtigte Hagedom wiederholt, zur Beilegung des Conflicts 
seine guten Dienste anzubieten.') 

Vorübergehend hatten die Hamburger wirklich daran gedacht, 
ihre Gärten und Ländereien dem Feinde preiszugeben oder gar selbst 
unter Wasser zu setzen und innerhalb der Wälle den Bedrängern zu 
trotzen, bis Hülfe kommen würde. Doch musste der Erfolg eines 
solchen Entschlusses höchst zweifelhaft erscheinen; denn die Hülfe 
der Hamburg wohlgesinnten Staaten war fem und unsicher, während 
der rassische Einbmch in das hamburgische Gebiet jeden Augenblick 
stattfinden konnte. Vielleicht wäre Hamburg geholfen worden, wenn 
Preussen sein Ansehen und seine Macht für die Stadt eingesetzt 
hätte. Bei der ausserordentlich schwierigen und exponirten Lage, 
in der sich dieser Staat damals befand, war es jedoch dem jugend- 
lichen König Friedrich Wilhelm I. nicht zuzumuthen, sich um Ham- 
burgs willen mit dem Zaren zu überwerfen. So sehr das Berliner 
Cabinet daher auch das Verfahren Menschikows missbilligte, trat es 
doch aus seiner Zurückhaltung nicht heraus.') 

Anderseits war für Hamburg zu der von den Russen drohenden 
Gefahr noch eine zweite hinzugekommen. Der Heerflibrer der aus 
dem schleswig-holsteinischen Feldzug zurückkehrenden sächsischen 
Tmppen, Graf Flemming (der bekannte Günstling August des Starken), 
nahm ebenfalls eine drohende Miene an. Er hatte sich bereits im 
Anfang des Jahres 1713 in Hamburg aufgehalten und es damals ausser- 

*) Hagedorns Bericht yom 13. Juni. 
*) Eriasse an Hagedom Tom 12. und 15. Juni. (Kophg. A.) 
^ In dem Erlass an Bnrchard vom 10. Jnni erklärt die prenssische Begiening 
ihre Bereitwilligkeit, dazu zn contribniren, „dass die Stadt anf leidliche condi- 
tiones sich ans dieser ihr abermals znstossenden YerdriessUchkeit extriciren 
kOnne.*' Femer heisst es n. a.: „Das beste Mittel, der Sache abzukommen, 
würde wohl darin bestehen, dass die Stadt den Fürsten Mensehikow zu ge- 
winnen suchte, nnd würde sich sonder Zweifel dazu schon Mittel und Gelegen- 
heit finden." — Als man etwas später in Wien den König von Preussen 
wegen seiner bei dieser Angelegenheit bekundeten Indifferenz tadelte, erklärte 
der dortige prenssische Gesandte: dass der König sich aUein an die Spitze 
nnd den nordischen Conföderirten in die Augen steUen, folglich die Stadt 
wider solche nicht zu billigende Prätensionen schützen solle, sei ihm bei den 
gegenwärtigen gefährlichen Lauften kaum anzusinnen. Mörlin, den 28. Jnni 
1712. (BerL A.) 



Hamburg wfthrend der Pestjahre 1712— 17 U. 37 

ordentlich übel vermerkt, dass ihm vom Rath sehr viel weniger Auf- 
merksamkeit erwiesen wnrde, als dem schwedischen Befehlshaber 
Graf Stenbock.*) Worüber er sonst noch Klage führte, ist nicht 
mit Sicherheit festzustellen*). Thatsache aber ist, dass er dem 
Rath durch den polnisch-sächsischen Legationssecretär Lehmann mit- 
tb eilen liess, auch er habe gegen die Stadt einige Beschwerden 
geltend zu machen. Er liess hinzufiigen, es werde ihm am liebsten 
sein, wenn diese Beschwerden in der Stille und auf gütlichem Wege 
erledigt würden ; sollte man sich hierzu jedoch nicht bequemen wollen, 
so werde er nach dem Abzug der Russen seine Truppen ins ham- 
bnrgische Gebiet einrücken lassen. Sowohl Graf Schönbom, der 
auch bei diesem Zwischenfall der Stadt seine guten Dienste — obschon 
wiederum erfolglos — zur Verfügung stellte, wie auch der Hamburger 
Senat gewannen den Eindruck, dass es sich bei diesem Ansinnen nicht 
um eine Staatsaction, sondern um einen Anschlag Flemmings zur 
Aufbesserung seiner persönlichen Finanzen handelte.^) Immerhin 
wurde durch seine Drohung die Schwierigkeit der Lage Hamburgs erhöht. 
Um nicht in unabsehbares Ungemach zu gerathen, galt es 
zunächst, sich mit den Russen auf einer annehmbaren Basis zu ver- 
ständigen. Schien es einerseits bedenklich, die Forderung Menschikows 
schlechthin abzulehnen, so war es anderseits unmöglich, sie im vollen 
Masse zu befriedigen. Somit empfahl es sich, zu versuchen, ihn zur 
Herabminderung seiner Ansprüche zu bestimmen. Die hierauf gerichteten 
Bemühungen waren erfolgreich. Menschikow liess von der ursprünglich 
geforderten Summe am 10. Juni 100 000 Thaler und am 13. nochmals 
das gleiche Quantum ab. Am letzteren Tage versprach er der Stadt 
auch sonst günstige Vertragsbedingungen, wenn spätestens bis zum 

Das berichtete der hannoversche Besident Gräfe bereits am 14. Jannar 1713 
(Hann. A.) Ans dem Kämmereipro tokoU vom 13. Jannar geht hervor, dass 
Flemming genan so wie Stenbock regalirt wnrde, dass ihm aber diese nnd 
andere Anfinaerksamkeiten nicht sofort nach seinem Eintreffen in Hambnrg 
erwiesen wurden, sondern erst, als sächsische Tmppen in Hamm nnd Hom 
Quartiere genommen. 

') Noch am 16. Juni schrieb Bnrchard, „der General-Feldmarschall Flemming 
lasse sich nicht im geringsten vermerken, worin die gravamina bestehen, nnd 
wie gross er die Praetension machen werde. Das Gerücht aber gehet, dass 
er 500 000 U prätendiren würde nnd die gravamina vornehmlich darin bestünden, 
dass die Stadt den Baron Manteuffel als Vicariats-Comissarinm nicht erkennet, 
ihm, FeldmarschaUen, nicht gleiche honores als dem Grafen Steinbok 
erwiesen, nnd dass sie hiebevor einem königlichen Kammerdiener Namens 
Friedrich königUche Briefschaften abgenommen.^ 

^ Anch Bnrchard gab in seinen Berichten vom 10. und 11. Jnni der gleichen 
Auffassung Ausdruck. 



38 Hamburg während der Pestjahre 1712— 17 U. 

14. Morgens die Erklärung abgegeben werde, dassman 200 000 Tlialer 
zu zahlen bereit sei; falls diese Zusage jedoch nicht rechtzeitig 
erfolge, werde er auf Zahlung der ursprünglich geforderten Summe 
von 400 000 Tlialera bestehen, femer seiner Armee unwiderruflichen 
Befehl zum Yonücken geben und sie auf Unkosten der Stadt leben 
lassen, bis diese sich gefügt habe. Noch am 13. fand eine Rath- 
und Bürgerschaftssitzung statt, in welcher der Senat das erwähnte 
Ultimatum Menscliikows mittheilte und zugleich auf die Gefahr hin^^ies, 
welcher der sehr beträchtliche russische Handel der Stadt und die in 
Moskau befindlichen hamburgischen Effecten ausgesetzt wurden, wenn 
es zu keiner Verständigung käme. Die Bürgerschaft empfahl hierauf 
allerdings, noch einmal den Grafen Schönbom und die übrigen 
Gesandten anzugehen, gab jedoch gleichzeitig dem Bath die Ermäch- 
tigung, wenn dies erfolglos sei, dem Fürsten Menschikow die begehrten 
200 000 Reichsthaler zu bewilligen. 

Die Gesandten riethen jetzt fast insgesaBunt, es Hiebt anoi 
Aeussersteu kommen zu lassen. ScMnit erachtete der Senat sich f&r 
befugt und verpffichtet, auf die letzte Forderung des Fürsten einzn- 
gehen. Zufolge dessen konnte das russisch-hamburgische Zerwürfiiiss 
bereits am 15. Juni durch einen in Wandsbeck geschlossenen Vertrag 
beglichen werden. ^ Hamburg übernahm es, 100 000 Thh-, in 3 Tagen, 
die gleiche Summe theils nach 3, theils nach 6 Monaten zu entrichten. 
Menschikow gab dagegen die Versicherung, dass die Huld des Zaren der 
Stadt wiedergeschenkt und jegliche Beschwerde abgethan sein solle. 
Er verhiess nicht nur, dass die aus Holstein abmarschirenden russischen 
Truppen dem hamburgischen Gebiet keinen Schaden zufiigen sollten, 
sondern er versprach auch dafür zu sorgen, dass die polnisch- 
sächsischen Truppen die Stadt und ihr Territorium nicht behelligten. 
Ueberdies wurden dem hamburgischen Handel die bisherigen Privilegien, 
die Rechte der zumeist befreundeten Nationen und 'sonstige Vor- 
theile zugesichert.*) 

') F. Martens, Recueil de8 traites et Conventions conclus par la Russie. 
T. V. S. 79—82. 

^ Der betreflfemle Artikel des Vergleichs lautet in der im hamburgischen 
Staatsarchiv beriudlichen Ausfertigung: „Ingleichen woUen wir (Fürst Men- 
schikow) auch 5. dem hiesigen Commercio alle diejenige emolumenta und 
Privilegien, die entweder dasselbe oder andere Amicissimi bis hieher ge- 
nossen, fernerhin verschaffen, und dass selbes gleiche Freyheit in denen 
von Schweden occupirte Landen geniessen , und gleichergestalt die 
Fahrt und negoce auf feindliche Landen, soweit dieselbe nicht mit Contra- 
banden geschieht, ohne Ilindemüs zugelassen, ingleichen in solchen Landen 
der Stadt Hamburg und Dero Einwobnere und Unterthanen prompte justice 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 39 

Dass nach Herstellung des guten Einvernehmens Menschikow 
persönlich nicht mit leeren Händen abzog, und dass vor dem 
endgültigen Abmarsch der Moscoviter noch manche sonstige Neben- 
ausgaben zu berichtigen waren, ersclieint unter den damaligen Ver- 
hältnissen fast selbstverständlich. ^) Flemming wurde wegen der 
sächsischen Pi-aetensionen mit 12 000 Dukaten abgefunden.^) 

Am 22. Juni, also 7 Tage nach dem Abscliluss des Wands- 
becker Vertrages, empfing Schönboni das kaiserliche Protectorium 
speciale für Hamburg. Zweifelsohne hatte die Kunde von Menschikows 
Gebahren am Wiener Hofe tiefen Eindruck gemacht. Der am 13. Juni 
eingetroffene Bericht Schönboms hatte zm* Folge gehabt, dass bereits 
am 14. Instructionen an den Letzteren, sowie Abmahnungsschreiben 
an den Fürsten Menschikow und den Zaren abgefasst worden waren. 
Von gleichem Tage sind drei kaiserliche Erlasse an die massgebenden 
Fürsten des niedersächsischen Kreises (den König von Preussen, den 



wiederfahren soU." Die Ratification des Vergleichs durch Peter den Grossen 

erfolgte am 11. Mai 1714 (30. April a. St.). Sie lautet in der dem russischen 

Original angebogenen deutschen üebertragung (Hamb. A.) wie folgt: 

Wir PETER der Erste von Gottesz Gnaden, Czaar und Selbsthalter 

AUer Reussen etc. etc. etc. Thun hiemit allen dem (Sic) es zukomt zu 

wissen, dass nach dem Unser General Feit MarschaU Fürst von Menschikow 

im Terwichenen 1713 Jahre d. 4 Juny zu Wansbek mit der freyen Röhmischen 

Reichs Stadt Hamburg wegen Unserer wieder dieselbe habenden gerechtsahmen 

gravaminis (Sic), auch Ihrer biss dahin gegen Unss Übelgefährten conduite 

200 
gegen Rechnung einer Summe von --- '»^ zu Unserer Satisfaction vöUig 

verglichen: Alss wollen Wir obgedachten Vergleich hiedurch ratihabieren, 
auch alle und jede von erwehnten Stadt Hamburg Unss zugeführte torts und 
Unsere gehabte praetensiones nachlassen ; und der Vergessenheit anheimb 
stellen, excipierende die Schulden Unserer Untherthanen, so dieselbe im Handel, 
haar, auff Obligations oder andere Beweissthümer stehen haben, welche zu 
restituiren sind. Auch verstatten Wir dem Hamburger Coramercio aUe die- 
jenigen privilegia und emolumenta so sie biss hiehero bey Archangel gehabt, 
gleich ergestalt zu St. Petersburg; In den von Schweden conquetierten 
Provincien und Städten aber werden dieselben gleichfahlss den Handel unter 
gewöhnlicher Abtragung der Zöllen und anderen nach denen constituirten 
derselbigen Städte Regulü treiben; Gegeben zu St. Petersburg anno Christi 
1714, 30. Aprüis, Unserer Regierung in 32 Jahre. PETRUS. 

^) Die Gesammtausgaben „wegen der moscovitischen Affaire** betrugen allein 
im Juni 1713 nach den Kämmereireclmungcn über 390 000 y, wovon 300 000 ]l 
vertragsmässig ausgezahlt werden raiissten ; von dem Rest erhielt Menschikow 
persönlich 60000 \L 

^) Nach den Kämmereirechnungen (Eintragung vom 10. Juli 1713) erhielt er 
„12 000 Dukaten, mit dem Agio von 3V8pCt. = 74 610 Jt." 



40 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Kurftb-sten von Hannover und den Herzog von Brannschweig- Wolfen- 
büttel) datirty in denen diese aufgefordert werden, nöthigenfalls gegen 
Menschikow mit bewafiheter Macht vorzugehen. *) 

Es könnte daher die Vorstellung entstehen, dass Hambniig 
vielleicht, wenn es sich weniger schnell gefügt hätte, der russischen 
Brandschatzung völlig entgangen sein würde. Indessen erscheint es 
bei der sehr geringen Geneigtheit Preussens, sich in die Angelegenheit 
zu mischen, sehr zweifelhaft, ob der Ausgang für Hamburg ein 
glücklicherer gewesen wäre, falls man bis zum Eintreffen der kaiser- 
lichen Erlasse Stand gehalten hätte. Ohne über militärischeMacht zu ver- 
fugen oder ein unmittelbar bevorstehendes Eingreifen der niedersächsi- 
schen Ereisstände in Aussicht stellen zu können, hätte Schönbom sicher 
auch nach den erwähnten kaiserlichen Kundgebungen nicht mehr er- 
reicht, als zuvor. Wie wenig blosse Demonstrationen bei den Süssen 
verschlugen, zeigte sich aufs neue, als Lübeck in ähnlicher Weise 
und unter ähnlichen Vorwänden, wie Hamburg, von Menschikow 
bedroht worden. Von dieser Reichsstadt gleichfalls um Beistand er- 
sucht, glaubte Schönbom berechtigt zu sein, das unmittelbar vorher 
empfangene Protectorium für Hamburg als für Lübeck nicht minder 
gültig zu betrachten. Er richtete deswegen an Menschikow ein um- 
fangreiches Schreiben, in welchem er es nicht an kräftigen Protesten 
wider das eigensüchtige und gesetzwidrige Treiben des Fürsten auf dem 
Boden des Reiches fehlen liess und zugleich mit reichsverfassungs- 
mässigen Gegenmassregeln drohte. *) 

Menschikow liess sich dadurch jedoch nicht beirren, mit 
Lübeck nach der gleichen Methode, wie mit Hamburg, zu verfahren 
und dort ebenfalls seinen Willen durchzusetzen. Auch die Hanse- 
stadt an der Trave musste die Wiederherstellung des ohne ihre Schuld 
getrübten Einveiiiehmens mit Russland durch eine Geldzahlung 
erkaufen. 

In den Sendschreiben, die der Kaiser zu Gunsten Hamburgs 
an die Fürsten des niedersächsischen Kreises gerichtet hatte, wurden 
diese zum Einschreiten aufgefordert, „damit nicht einschleiche und 
scheine, als ob einem jeden frei und erlaubet sei, in dem werthen 
Vaterland, dessen Ständen oder Unterthanen zu schalten, zu handeln 
und wandeln oder zu misshandeln, wie es jedem einfällt oder beliebet, 
gleichsam ob wäre kein Schutz, Gesetz oder Recht mehr zu erhalten."^) 

*) Vgl Fabri, Europäische Staatskanzlei, 28. Thl. S. 322 ff. 

') Schreiben Schönboms an den Rath von Lübeck and an Menschikow Tom 

22. Juni 1713. (Lüb. A.) 
^ Fabri, Europäische Staatskanzlei, 28. Thl. S. 326. 



Hamburg während der Pestjahre 1712 — 17 U. 41 

Insofern der Kaiser nicht im Stande war, die Vergewaltigung 
der beiden nordalbingischen Reichsstädte zu verhindern oder zu re- 
di'essiren, hatte er selbst in den obigen Woiten das ürtheil über die 
damaligen Zustände des heiligen römischen Reiches gefallt. 

IL Hamburg unter dem Einflnss der letzten 
nordenropäisclien Pestepidemie. 

In der Zeit von 1708-1715 grassirte die Bubonenpest zum 
letzten Male auf deutschem Boden. 

Seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts hatte sie in Konstan- 
tinopel und an der unteren Donau gehaust und war 1704 bis Polen 
vorgedrungen. Von dort breitete sie sich in zwei verschiedenen 
Eichtungen aus. Einerseits gelangte sie nach Schlesien, Mähren, 
Böhmen, dem Erzherzogthum OesteiTeich und Steiermark und erreichte 
donauaufwärts als westlichsten Punkt im südlichen Deutschland die 
Reichsstadt Regensburg. Anderseits nahm sie von dem eigentlichen 
Polen aus ihren Weg nach Westpreussen, sowie nach Ostpreussen, 
Kurland, Lievland und Pommern. Die alten Hansestädte Danzig, 
Stralsund, Stettin wurden aufs furchtbarste heimgesucht. Von den 
südlichen Gestaden der Ostsee drang die Seuche 1710 und 1711 nach 
Schweden und Dänemark, wo namentlich Carlskrona und Stockholm, 
Helsingör und Kopenhagen betroffen wurden. Von Seeland aus 
soll die Pest durch dänische Schiflfe, welche Truppen transportirten, 
nach der Kieler Bucht gelangt sein. Friedrichsort und Schloss Kiel 
wurden inficirt. Die Stadt Kiel selbst blieb verschont. Dagegen richtete 
die Pest in mehreren anderen holsteinischen Städten, wie Rendsburg, 
Itzehoe, Glückstadt und schliesslich auch in Altona arge Verheerungen 
an.^) Schon im Sommer 1712, noch ehe sie in Altona und Hamburg aus- 
gebrochen, verbreitete sie sich auf dem linken Eibufer, wo sie zunächst 
im Herzogthum Bremen grassirte und von dort aus auch die Reichsstadt 
Bremen und einige Gegenden von Hannover*) und Oldenburg*) erreichte. 



') Vgl. C. Mahr, Historischer Ueherblick über die Pest in Schleswig-Holstein im Jahre 
1711 im Deutschen Archiy f. Gesch. d. 3Iedicin (Lpzg. 1S79) 2. Band, S. 2G1 ff. 

-) ücher den Verlauf der Epidemie in Bremen belehrt eine im Brem. A. befindliche 
handschriftUche DarsteUnng von Dr. Arnold Wienholt (Geschichte der in 
den Jahren 1712 und 1713 in der Stadt Bremen und ihrem Gebiet geherrschten 
Pest). In dieser finden wir anch die Angabe, dass jener Zeit sich im 
Knrftirstenthnm Hannover in 3 Städten und 9 Dörfern PestfäUe zugetragen. 

^ In Oldenburg wurden die Ortschaften Ovelgönne, Strückhausen (1713) und 
Nordermoor (1715) betroffen. (Old. A.). 



44 Hamburg wäbrend der Pestjahrc 1712—1714. 

erwähnten Schriftstück, das der Hamburger Kath Anfang Januar 1 705 
an die Altonaer Behörden richtete, wurde namentlich die Noth- 
wendigkeit betont, die zahlreichen wegen der Pest geflüchteten, mit 
alten Kleidern handelnden polnischen Juden feinzuhalten. Das Mandat 
vom 30. December 1707 verbot den polnischen Juden ausnahmslos 
den Eintritt in die Stadt. Weiter noch ging ein Mandat vom 
29. Januar 1710. In Anbetracht, dass Waaren, an denen die Contagion 
hafte, alte Kleider, Bettgeräth, Haare, Eauchwerk, Wolle, Flachs, 
Hanf, Federn, nicht nur durch polnische, sondern auch durch andere 
Juden eingeschleppt werden könnten, w^urde darin verfügt, dass 
sämmtliche in Hamburg anwesende, nicht schutzverwandte Juden 
binnen 14 Tagen das Gebiet der Stadt räumen sollten.*) 

Bedeutsamer, als alle bisher angeführten Massregeln, war die 
im Sommer 1710 erfolgte Einsetzung eines besonderen SanitätscoUegiums, 
das zunächst aus 2 Rathsmitgliedern und einer grösseren Anzahl von 
Bürgeni bestand. *) Die A^rtreter des Senats waren Syndicus Garlieb 
Sillem und Eathshen* Eeimbold, von denen der Erstere, einer der 
würdigsten und begabtesten Männer, die Hamburg jener Zeit besass, 
sich der Leitung des Collegiums mit Einsicht und Energie gewidmet 
hat. Selbstverständlich wurden die beiden Physici Dr. Biester und 
Dr. Schultz *) als Sachvei-ständige zu den Berathungen hinzugezogen. 

Vermuthlich ist schon das am 5. November 1710 erlassene 
Mandat unter dem Einfluss des SanitätscoUegiums entstanden. In 
der Einleitung erklärt der Senat, dass er selbst alle ersinnlichen Ver- 
anstaltungen getroffen habe, um die gefiirchtete Seuche von Hamburg 
fern zu halten. Auch hege er zu den Bürgern und Bewohnern der Stadt 
das Vertrauen, dass sie sich nicht nur gegen Gott bussfertig zeigen 
und ihn um Abwendung des stadtverderblichen Uebels anflehen, sondern 

^) Dies Mandat wurde durch ein späteres yom 5. November 1710 ein wenig 
modificirt. Das letztere verordnete, dass Jaden, gleichviel woher sie kämen, 
nnd wenn sie noch so richtige Pässe hätten, den hambnrgischcu Boden nicht 
ohne specicUe Erlaubniss betreten nnd anch, wenn sie solche Erlaabnlss 
erlangt hätten, keine Kleider, Betten und sonstige Güter, „welchen das Gift 
leichtlich anklebet,'' in die Stadt bringen dürften. 

*) Nach dem ProtocoU der Commerzdepiitation vom 7. August 1710 sollte das 
Collegium zunächst aus Vertretern des Raths, der Oberalten, der Kämmerci- 
bürger und zwei Commerzdeputirten gebildet werden. Erst am 15. September 
kam die Angelegenheit an die Bürgerschaft, welche diejenigen Mitg:lieder der 
(Juli 1709 ernannten) Deputation der Hundertmänner, die nicht Hundert- 
achtziger waren, bevollmächtigte, mit dem Rath die erforderlichen sanitären 
Anstalten zu treffen. 

') Vgl. über diese Gemet, Mittheilungen aus der älteren Medicinalgesch. 
Hamburgs» S. 2G4 und 287. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 45 

zugleich pflichtgemäss alles thun würden, was zur Erreichung des 
vorgesetzten heilsamen Endzwecks dienlich sein könne. Es folgen 
dann 14 Verfligungen, die theils früher Verordnetes wiederholen, 
tlieils neue Vorschriften enthalten. Einiges möge daraus hervor- 
gehoben werden. Wie der Rath selbst bereits dafür Sorge getragen, 
dass Märkte und Gassen täglich von allein Unflath gesäubert 
werden, so sollen sämmtliche Einwohner ihre Häuser vor ünsauberkeit 
bewaliren. Wer bisher Schweine gehalten hat, soll sie binnen 
48 Stunden hinausschaffen. Der bevorstehende Schweinemarkt soll 
ausserhalb des Steinthors stattfinden. Der Handel mit alten Kleidern 
wird vollständig untersagt. Die früher nur für Fremde angeordnete Pass- 
controUe erstreckt sich fortan auch auf die Einheimischen, die sich 
zeitweilig auswärts aufzuhalten veranlasst sind. Diese soll^ sich 
nicht nur vor der Abreise in Hamburg mit einem Pass versehen, 
sondern am Endziel ihrer Keise sich einen neuen Pass ausstellen und 
ihn auf ihrem Heimweg, von Ort zu Ort, amtlich unterschreiben 
lassen und bei der Kückkunft in Hamburg vorweisen, um darzuthun, 
dass weder sie, noch die Güter, die sie bei sich führen, in inficirten 
Gegenden gewesen. Der Handel mit Polen, Preussen, Kurland und 
Lievland, Vorpommern, Stockhohn und anderen pestverdächtigen Orten 
wird gänzlich verboten. Auch Briefe sollen von dort nicht ange- 
nommen wei-den. Wer Briefe von zweifelhafter Herkunft empfiingt, 
soll sie nicht erbrechen, bis sie gut durchräuchert sind. 

Aus einigen weiteren Bestimmungen des Mandats ist ersichtlich, 
diiss man sich von allen diesen Vorsichtsmassregeln doch keinen 
unbedingten Schutz vei-sprach. Alle Aerzte und Wundärzte wurden 
ennahnt, sobald sie an ihren Patienten verdächtige Anzeichen ver- 
spürt hätten, dem Pliysicus davon sofort Anzeige zu machen. 
Leichenbitter und Leichenbitterinnen wurden angewiesen, bei keiner 
Leichenbestattung zu helfen, ehe der Namen des Verstoibenen, die 
Krankheit, der er erlegen, und der Arzt, von dem er behandelt, den 
Weddeherm gemeldet worden wären. Femer wurden die Bewohner 
der Stadt aufgefordert, sich für den kommenden Winter mit Mehl, 
Butter, Salz, Holz und anderen unentbehrlichen Dingen zu versehen, 
da man nicht wissen könne, was Gott demnächst über die Hamburg 
benachbarten Provinzen oder gar über die Stadt selbst verhängen werde. 

In der gleichen voi-sorglichen Gesinnung wurde bereits im 
Anfang des Jahres 1711 zu der Bestellung von Pestärzten geschritten. 
Ein Reglement vom 1. Februar d. J.*) unterscheidet ihre Verpflich- 

Hamb. A. 



4G Hamburg während der Pestjahre 1712 — 1714. 

tungen vor und nach Ausbruch einer Epidemie. Schon vor Constati- 
rung einer solchen sollten sie zur Verfügung stehen und, so oft es 
der Rath, das SanitätscoUegium oder der Physicus verlange, sich 
willig finden lassen, innerhalb und ausserhalb der Stadt*) Erkrankte 
und Leichen zu untersuchen, und darnach zu beurtheilen, ob sich 
Anzeichen ansteckender Krankheiten bei ihnen fänden. Auch sollten 
sie ihre Ansichten über die Mittel, um der Pest vorzubeugen, wie um 
sie zu heilen, schriftlich darlegen. Femer gehörte zu ihren Pflichten, 
zusammen mit den Physicis die Apotheken fleissig zu visitiren und 
darauf zu achten, dass diese mit allen in Pestzeiten erforderlichen 
Arzneien hinlänglich versehen seien. Ausserdem wurde vorbehalten, 
sie bei gegebenem Anlass einzuladen, an den Sitzungen des Sanitäts- 
collegiums theilzunehmen. Splange es sich nur um eine solche 
vorbereitende und vorbeugende Thätigkeit handelte, sollten die 
Pestärzte ihre Privatpraxis beibehalten können. Sobald sich jedoch 
wiiklich eine „ansteckende oder contagiöse Seuche" spüren lasse, 
sollte es ihnen nicht mehr gestattet sein, andere, als an solcher 
Krankheit daniederliegende Patienten zu besuchen. Ihre Wohnung 
sollten sie alsdann durch Anzeige in den Zeitungen und durch Zeichen 
an ihren Häusern kundbar machen, so dass jeder sie ohne Mühe 
finden könne. Ihres Amtes sollten sie treu und fleissig walten, 
alle Patienten, sie seien reich oder arm (jedoch mit dem Unter- 
schied, dass sie sich von den Wohlhabenden gebührlich bezahlen 
lassen könnten) innerhalb oder ausserhalb der Stadt, wenn 
es von ihnen verlangt würde, besuchen, sich nach der Be- 
schaffenheit der Krankheit sorgfältig erkundigen, nach Befund der 
Umstände Arzneien zur Cur, wie zur Diät verordnen und deren 
rechten Gebrauch den Patienten und ihren Wärtern umständlich be- 
schreiben. Den ihnen untergeordneten Pestchirurgen und Pest- 
bedienten sollten sie geduldig Gehör schenken und ihnen genaue 
Anweisung ^heilen. In allem sollten sie sich mit dem Physicus und 
Subphysicus berathen und sowohl diesen, wie insbesondere dem 
Sanitätscolleg zulänglichen Bericht erstatten. Als Honorar wurde 
ihnen für die Zeit vor Constatirung der Seuche 10 Thlr. monatlich,*) 
während der Dauer der Epidemie und noch 6 Monate nach eifolgter 



„Jedoch BoUen ihnen, wenn sie weiter als das neue Werk oder Hamhui^er 
Berg yisitationes yerrichten, von dem p. t. Landherrn die Fahren wie anch 
die benöthigte Spesen gntgethan werden." 

') Ans den Kämmereirechnungen ergibt sich, dass dieser Satz später erhöht 
wurde. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 4? 

Kündigung 50 Tblr. monatlich verheissen. Charakteristiscli ist, dass 
man es für nöthig hielt, den Pestärzten das Eecht, ihrerseits zu 
kündigen, abzusprechen. 

Hatten somit die Behörden manches gethan, um dem drohen- 
den Feind entgegenzuwirken, so scheint es dagegen, als ob die Be- 
völkerung es an der nöthigen Vorsicht fehlen liess. Verschiedene 
Mandate beginnen mit dem Ausdruck der Klage darüber, dass die 
Anordnungen der Obrigkeit zu schlecht befolgt würden. Ein Mandat 
vom 18. September 1711 appellirt deswegen aufs neue an den Patrio- 
tismus und das Pflichtgefühl der Bewohner Hamburgs. Es möge 
jeder mit seinem Gewissen zu Rathe gehen, wie sehr er sich an seinen 
Mitbürgern und Mitchristen, an den Seinigen, wie an sich selbst ver- 
sündigen werde, wenn durch sein Verschulden oder Verschweigen 
etwas Ansteckendes in die Stadt komme. Aufs neue wird ein 
stiller und bussfei-tiger Wandel empfohlen, zu fleissigem Besuch 
der Sonntags- und Wochentagspredigten, wie auch der gewöhn- 
lichen Betstunden aufgefordert und die Ermahnung hinzugefügt, 
sich auch der zu anderen Zeiten erlaubten Ergötzlichkeiten zu 
enthalten. Im übrigen enthält das Mandat ein Verbot, des 
Abends auf der Strasse mit Musik herumzuziehen nnd eine 
emeute Einschärfiing der Vorschriften über Conti'ollirung des 
Fremdenverkehrs. 

Die grösste Behutsamkeit in letzterer Beziehung schien jetzt 
um so mehr geboten, als die Pest, wie bereits angedeutet, im Jahre 1711 
in Kopenhagen wüthete und von dort ins schleswig-holsteinische Gebiet 
verschleppt wnrde. Abgesehen davon, dass hierdurch die Möglichkeit 
der Ansteckung für Hamburg noch grösser geworden, hatte die Stadt 
danmter zu leiden, dass bereits in diesem Jahr sich das Gerücht ver- 
breitete, die Pest sei wirklich bereits bis zu ihr vorgedrungen. — 
Solche unwahre Nachricht tauchte zum Schrecken der Hamburger 
in Amsterdam und London auf und drohte den hamburgischen Handel 
aufs empfindlichste zu schädigen. Man machte deshalb die äussersten 
Anstrengungen, um alle Zweifel an dem befriedigenden Gesundheits- 
zustand Hamburgs namentlich in England zu zei-streuen. Zu diesem 
Behuf wurde ebensowohl die englische Handelsgesellschaft in Hamburg 
(der sog. English Court), wie auch der kaiserliche Gesandte beim 
niedersächsischen Kreis veranlasst, nach London zu schreiben und 
zu bezeugen, dass das erwähnte Gerächt jedes Grundes entbehre. 
Auch nach anderen Richtungen entsandte man Gesundheitsatteste 
und sonstige beruhigende Erklärungen, konnte jedoch nicht 



48 Hamburg: während der Pestjahre 1712—1714. 

verhindern, dass wenigstens zeitweilig hamburgische SchiflFe in 
den Häfen von Malaga, Cadix, ja selbst von Ronen abgewiesen 
wurden.^) 

Um so wichtiger war es, dafür zu sorgen, dass jene vor- 
eiligen Sensationsnachrichten nicht nachträglich doch noch zur Wahr- 
heit wurden, und vor der Einschleppung des Uebels aus den dänischen 
Gebieten auf der Hut zu sein. Schon im August 1711 wurde ange- 
ordnet, dass die aus der See nach Hamburg kommenden Schilfe von 
der Nordseite der Elbe weder Personen noch Waaren aufnehmen 
dürften ; Schiifer, Schiffsvolk und Passagiere sollten bei ihrer Ankunft 
in Hamburg eidlich erhärten, dass dieser Vorschrift nicht zuwider 
gehandelt sei. 

Im folgenden Jahre giiff die Pest in Holstein immer mehr 
um sich und drang ausserdem, wie schon erwähnt worden ist, über 
die Elbe in das Herzogthum Bremen ein, wo namentlich Stade 
arg betroffen wurde. Eine neue Anweisung über die Hand- 
habung der Controlle an den Hamburger Thoren bestimmte daher, 
dass Personen aus Gegenden, die von der Pest heimgesucht worden, 
wie Rendsburg, Itzehoe, Glückstadt, Crempe und die Cremper Marsch 
in Holstein, Stade und der District Hamelwörden am linken Eibufer, 
durchaus fernzuhalten seien. Auch abgesehen hiervon erechien es 
nothwendig, den Verkehr am Millernthor und Dammthor noch mehr 
als zuvor einzuschränken. Das Millenithor sollte an Sonn- und 
Festtagen gänzlich geschlossen bleiben, und auch am Montag sollten 
durch dieses Thor keine Fussgänger herausgelassen werden. Das 
Dammthor sollte zwar am Montag, wie an allen anderen Wochen- 
tagen, geöffnet sein, am Sonntag jedoch nui* während einer Nach- 
mittagsstunde und zwar ausschliesslich für den Post- und Reise- 
verkehr. 

Die letzterwähnten Vei-fligungen, die nicht nur von den 
Hamburgern, sondern auch von den Altonaern als sehr lästig 
empfunden wurden, gaben, wie bereits angedeutet, zu Beschwerden 
der dänischen Regierung Veranlassung. Den Vertretern der anderen 
Staaten aber, die an der Seuchenfreiheit Hamburgs interessirt waren, 
erschienen diese Massregeln bei weitem nicht durchgreifend genug, 



Nach den ProtocoHen der Hamb. Commerzdepntation von 1711 und 1712. — 
Ein Attest der Hamburger Pkysici (vom 28. September 1711), in dem sie die 
vollständige Senehenfreiheit der Stadt bctheuem, beginnt mit den Worten: 
Ea fuit malefcriatomm qnorundam insignis irapndentia dicam an maledlcendi 
protervitas, nt rempublicam hanc nostrani apnd exteros hinc inde contagiosao 
luis insimnlare non embuerint. (Hamb. A.) 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 49 

zumal seitdem die Pest bis Pinneberg und Reilingen vorgeschritten 
war. Nachdem zuvor schon die hannoversche Regierung den 
Rath zur äussersten Voi-sicht im Verkehr mit den dänischen Ge- 
bieten gemahnt hatte, forderten am 5. September 1712 sämmtliche 
zur kaiserlichen Commission gehörige Gesandten, dass das Millemthor 
und Dammthor völlig geschlossen bleiben sollten, indem sie zugleich 
warnend hinzufugten, der Rath und die Stadt würden sich beim 
Kaiser und dem ganzen Reich die grösste Verantwoilung aufladen, 
wenn durch die geringste Nachlässigkeit Hamburg und die an- 
grenzenden Länder in sonst zu verhütende Gefahr geriethen. *) 
Am G. September wiederholte der preussische Resident Burchard 
im Namen seiner und der hannoverschen Regierung diese Forderung 
und verlangte überdies, dass die holsteinische fahrende Post nicht 
mehr zugelassen werde, sowie dass zur Vervollständigung der Grenz- 
überwachung eine Truppenaufstellung an der Alster stattfinde. 
Aehnliche Kundgebungen erfolgten von Seiten des hannoverschen 
und des englischen Gesandten. Derartigen Zumuthungen nachzugeben 
war aber für die Stadt um so bedenklicher, als dadurch Dänemai*k 
noch mehr gereizt worden wäre. Hagedorn erklärte ausdrücklich, 
sein König werde solche Massregeln ungnädig aufnehmen und gegen 
eine etwaige Absperrung Anstalten treffen, die der Stadt nicht gefallen 
würden. Wie so häufig, gerieth Hamburg auch bei dieser Gelegenheit 
in die Klemme zwischen den Anforderungen und Wünschen der 
verschiedenen Mächte. Um die Stadt aus dieser Lage zu befreien, 
versuchte der Senat eine Auskunft zu finden, indem er ein „Reglement, 
wie es bei dem Miliern- und Dammthor gehalten werden solle" 
entwarf, dem zufolge die genannten Thore nur am Sonntag völlig 
geschlossen bleiben, an den übrigen Tagen aber unter gewissen Be- 
dingungen dem Verkehr zugänglich sein sollten. Diese Bedingungen 
waren so formulirt, dass dadurch der Verkehr allerdings noch mehr 
als zuvor eingescliränkt und controUirt, anderseits jedoch auch den 
Wünschen Hagedorns Rechnung getragen wurde. So sollten z. B. nach 
§ (I bekannte Einwohner Altonas und Ottensens durchgelassen werden, 
wenn sie einen vom Präsidenten von Altona unterschriebenen Pass 
vorlegten, in dem ihre Person beschrieben und attestirt war, dass sie 
seit sechs Wochen an keinem inficii'ten Orte gewesen seien*), mit 



') Dieses und die im Folgenden angezogenen Docnmente in den Anlagen zu 
den R. u. B.-R. vom 22. September 1712. 

^ Da88 Altona zur Zeit der Veröffentlichung dieses Reglements bereits selbst 
inficirt war, ist damals in Hamburg offenbar unbekannt gewesen, ergibt sich 
aber ans einem Schreiben des königlich dänischen Land- und Stadtphysicus 



50 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

keinen von solchen Orten gekommenen Personen Umgang gehabt 
und anch keine Güter ans solchen Orten beherbergt hätten. Nach § 9 
sollten „vornehme, wohlbekannte und mit richtigen Pässen versehene 
Offiziere und Minister" nebst ihren Bedienten an beiden Thoren 
durchgelassen werden, wenn sie selbst auf Ehrenwort, ihre Bedienten 
eidlich betheuerten, dass sie seit sechs Wochen in keinem inficirten 
oder pestverdächtigen Hause gewesen und nichts bei sich führten, 
als was sie am Leibe trügen. Die Bürgerschaft stimmte dem Regle- 
ment am 22. September zu. Die Gesandten Preussens, Hannovers 
und Englands erklärten dasselbe jedoch für unzureichend, während 
Hagedom leidlich befriedigt war. Seinen kleinen Erfolg dankte er 
offenbar der Nähe der dänischen Kriegsmacht. 

Es war ein unglückliches Verhängniss, dass der hamburgische 
Senat, der mehrere Jahre hindurch so grosse Energie und Umsicht 
bethätigt hatte, um dem Eindringen der Seuche vorzubeugen, in 
diesem Augenblick, unter dem militärischen und diplomatischen Dnick 
des mächtigen Nachbarstaates stehend, nicht ausschliesslich sanitären 
Rücksichten zu folgen vermochte. Wie ernst er die Sachlage anf- 
fasste, zeigt der Umstand, dass er das Mandat vom 7. September 1712 
von den Kanzeln verlesen liess. Dem Inhalte nach wich dasselbe aller- 
dings nui' in wenigen Punkten von den vorausgegangenen Erlassen ab. 
Eine Verschärfung der früheren Mandate war in der Drohung enthalten: 
„wer Personen und Gütern, die aus verdächtigen Orten kommen, 
wissentlich durchhelfe oder sie beherberge, solle ohne gerichtlichen 
Process, bloss ex decreto E. E. Raths, nach Befinden als ein Ven*äther 
des Vaterlandes an Leib und Leben gestraft werden." Neu hinzu- 
gekommen war die Mahnung, sich in Krankheitsfällen vor Quacksalbern 
zu hüten und nur promovirte Aerzte und Amtschirurgen hinzuzuziehen. 

Gegen Ende des Septembers hielt 'die Pest in Wirklichkeit auf 
dem hamburgischen Gebiet ihren Einzug. Die ersten Fälle trugen 
sich in Langenhom (im Gebiet der hamburgischen Geestlande) ^), auf 
dem Hamburgerberg und in Hamburg selbst in Gerkens Hof, einem 
Gang bei der Böhmkenstrasse, zu. 



in Ältona, Job. Balthasar Hermanni, an den Oberpräsidenten der Stadt, in dem 
er bemerkt, dass die Pest am 14. September 1712 in Altena aasgebrochen 
sei. (Also ungefähr zwei Wochen früher, als in Hambnrg!) Alt A. 

^) Nach einem Schreiben v. Werpnps, des Landdrosten von Lanenbnrg, an den 
Hambnrger Senat (Ratzebnrg, d. 6. October 1712), das anf einen Bericht 
des Letzteren über die Jnfection des Dorfes Langenhom Bezug nimmt 
(Comm. A.) 



Hambnrg während der Pestjalirc 1712—1714. 51 

Die Uebertragu^ig der Krankheit in das Innere der Stadt 
soll durch ein Mädchen verschuldet worden sein, das sich heimlich 
zu den dänischen Truppen nach Blankenese duichzuschleichen gewusst 
und von dort den Keim der Krankheit mitgebracht hatte. ^) 

Man beeilte sich jenen Gang abzusperren, indem man ihn 
auf der einen Seite mit Brettern vernagelte, auf der andern mit 
einer Schildwache besetzte. Die Bewohner, gesunde und kranke, 
wurden auf öffentliche Kosten vortrefflich verpflegt*) und ärztlich 
überwacht. Trotz dieser Fürsorge hauste die Seuche unter ihnen 
ungefähr zwei Monate. Nach einem ärztlichen Bericht vom 28. November 
waren bis dahin von 53 Insassen des Gangs 35 von der Epidemie 
ergriffen und ihr 18 erlegen. Auch verhinderte die strenge Abschliessung 
dieser Peststätte nicht, dass das üebel weiter um sich griff. Vom 
grünen Sood bis nach der Kaffamacherreihe wurden die verschiedensten 
Gegenden der Neustadt inficirt, wenn auch die Krankheitsfalle nirgends 
so zahlreich erfolgten, wie in Gerkens Hof. Auch die Altstadt blieb 
nicht völlig verschont. Wenigstens ist überliefert, dass Pestfälle in 
und bei der Spitalerstrasse und auf den Raboisen vorkamen. Wie 
aller Orten, wo die Pest sich zeigte, wurde ihr auch in Hamburg 
durch die socialen Missstände Vorschub geleistet.*) Unter den 
Nachwirkungen der inneren Winsen, sowie durch die kriegerischen 
Zeitverhältnisse hatten in Hamburg seit Jahr und Tag alle 
Erwerbszweige gelitten. Die Folge davon war, dass der Wöhl- 



Diese Angabc findet sich in einem Bericht des hannoverscben Gesandten 
Orote vom 4. October (Hann. A.) nnd wird durch das angeführte Schreiben 
Werpnps, sowie dnreh eine hamburgische Aufzeichnung bestätigt. Grote 
bezeichnet die Urheberin der Infection Hamburgs als „nne gueusc". 

^ Schon in seinem Bericht Tom 4. October 1712 meldet Lehmann, „dass die 
(am 30, September) eingesperrten Leute mit Essen und Trinken täglich sehr 
reichlich und wohl yerpflegt würden'', und am 11. October gedenkt er des 
merkwürdigen Umstandes, dass sich in dem abgesperrten, verseuchten Gang 
zur Zeit vier Personen mehr, als bei dessen Schliessung, befunden hätten, 
„welche sich wegen des guten Essens und Trinkens, so die Versperrten be- 
kommen, über die Dächer hineinpractisirf 

') Vgl. die Bemerkung von Hirsch, Histor.-Geograph. Pathologie S. 36S f. 
„Ueber keinen Punkt in der Pest-Aetiologie besteht unter den Beobachtern 
der Krankheit an allen Orten und zu allen Zeiten eine so vollkommene 
Uebereinstimmung, ^vie über das enge Gebundensein der Krankheits-Ent- 
stehung nnd Verbreitung an die aus hygienischen Missständen hervorgehenden, 
wesentlich an die sociale Misere geknüpften Schädlichkeiten." Auch J. J. 
Beincke (Viertel) ahrsschr. t gerichtl. Medicin und öffentL Sanitätswesen N. F. 
Bd. XXL 2. S. 5S) zählt Hunger und Elend unter die M^^^ntlichsten 
Hülfsursachen der Pesf 



52 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

stand der Reichen gemindert ward, der Mittelstand sich nur eben 
über Wasser hielt, und die Angehörigen der änneren Volksklasseu 
zum Theil in die ti'ostloseste Lage gerathen waren. Zu dem Elend 
der heimischen Bevölkerung kam das der fremden Hungerleider hiuzu, 
die den Bedrängnissen der Kriegszeit zu entrinnen hofften und 
namentlich während des Winters 1712/13 die Stadt immer mehr 
überfüllten. Diese Massen nothleideuder und von Kümmemiss verzehrter 
Menschen waren aber der Ansteckung besonders zugänglich, und so 
erklärt es sich auch, dass die Seuche namentlich in jenen dumpfen 
Gängen und Höfen grassirte, in denen der dürftigste Theil der 
hamburgischen Einwohnerschaft sein Dasein fristete. 

Was über das damalige Auftreten der Krankheit in 
Hamburg belichtet wird, weicht in keiner Weise von den sonst 
bekannten Erscheinungsfoimen derselben ab'). Für die sichersten 
Kennzeichen der Seuche galten Bubonen (die eigentlichen Pestbeulen), 
Karbunkel und Petechien. Mitunter nahm jedoch die Krankheit einen 
so raschen Verlauf, dass es gar nicht zum Hervortreten von Bubonen 
oder Karbunkeln kam, sondern heftige Fieber, verbunden mit Erbrechen, 
auch wohl mit Anfallen von Raserei einen raschen Tod herbeiführten. 
Anderseits stellten sich manchmal Bubonen und Karbunkel ganz ohne 
Fiebererscheinungen ein, so dass der Patient dabei herumgehen konnte. 
Diese Fälle galten für die günstig-sten, insofern sie der Wiedergenesnng 
die besten Aussichten boten. 

In der Regel dauerte die Krankheit 3 — 7 Tage, ausnahms- 
weise auch länger, bis zu 14 Tagen; doch galt nach dem T. Tage 
die grösste Gefahr für überstanden. Bei der äiztlichen Behandlung 
der Krankheit kamen innere Mittel, Salben und chirurgische 
Eingi-iife zur Anwendung. Bcachtenswerth ist übrigens, dass sich in 
einer ärztlichen Aufzeichnung aus der Zeit der damaligen Hamburger 
Epidemie die Bemerkung findet, das Meiste müsse die Natur thun, 
die gelindeste Methode sei die beste; Specifica gegen die Pest seien 
noch nicht erfunden. Grosses Gewicht legte man auf Praesei-vative, 
durch die man die Hausgenossen der an der Pest Erkrankten und 
überhaupt alle diejenigen, die sich der Geüihr der Ansteckung aus- 
setzten, zu schützen suchte. 

Dass das Pestgift nicht nur an dem kranken Körper hafte, 
sondern sich der Umgebung desselben in mehr oder minder starkem 



Pas Folgende nach Anfzeichnnnpren im Hamh. Staatsarchiv Tom Jahre 1712, 
nntcr Benntziing der Schrift von Joh. Franz Beerwinckel : Kxcerpta qnaedam 
ex ohscryatis in nnpera peste Hambnrgcnsi. Jenae 1714. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 53 

Masse mittheile, und dass daher durch alles, was mit ihm in Beriihrung 
gekommen, die Ansteckung weiter verbreitet >verden könne, war damals 
auch in Hamburg die allgemein herrschende Anschauung. Es lag 
daher den Behörden die Pflicht ob, nach Ausbruch der Pest zu ge- 
eigneten Isolirungsmassregeln zu schreiten. 

Das üblichste Verfahren in Pestzeiten war, alle Häuser, in 
denen sich verdächtige Krankheiten geäussert hatten, vollständig zu 
sperren und sämmtliche Insassen der inficirten Wohnungen an dem 
Verkehr mit den übrigen Bewohnern des betrefiTenden Orts zu hindeni. 
Da hierin allerdings eine grosse Härte für die gesunden Hausgenossen 
der Pestkranken lag, so sann man auf Mittel, das gleiche Ziel in anderer 
Weise zu erreichen. U. a. wurde im Jahre 1712 in Hamburg auf Ver- 
anlassung des Sanitätscollegiums eine Schrift gedruckt, die den Vorschlag 
entwickelte, Pestsocietäten zu bilden. Danach sollten die Bewohner 
von je 3 (event. 4 oder 5) Nachbarhäusern sich' danlber verständigen, 
sobald in einer ihrer Wohnungen die Seuche ausgebrochen, das eine 
Haus den Inficirten oder Pestverdächtigen, die übrigen Häuser aber den 
Gesunden einzuräumen.*) 

Zur Anwendung sind diese Vorschläge nicht gekommen. 
Was sie bezweckten, erreichte man später in anderer Weise, insofeni 
gegen Ende des Jahres 1712 ein besonderes Lazareth für Pestkranke, 
sowie ein Quarantainehaus für deren gesunde Hausgenossen und 
für die aus dem Pestlazareth entlassenen lleconvalescenten errichtet 
\MU'de. Beim ei-sten Ausbruch der Epidemie fehlte es freilich völlig 
an Anstalten dieser Art. Man versuchte mit dem alten Isolirungs- 
system auszukommen. Bei den Bewohnern von Gerkens Hof vmrAe es, 
wie erwähnt, in strengster Weise durchgeführt. Die hieifür ergriffenen 



') Die weitgehenden Hoffnungen, die der Verfasser der Schrift an die Verwirk- 
lichung seines Projects knüpfte, sind aus dem Titel zu ersehen. Dieser lautet: 
,, Vorschlag eines unfehlbaren und handgreitlich richtigen Mittels, der befürchteten 
und einreissenden Contagion dergestalt zu begegnen, dass in jeder Stadt 
und Dörfern ohne beschwerliche Kosten wenigstens zwei Drittheil der Häuser 
von der Infection befreiet bleiben, die Gesunden und Krauken ihre vollkommene 
Versorgung erhalten, der anfallenden Furcht, als dem einzigen Zunder der 
Pest Widerstand geschehen und demnach alle Conversation unter denen 
Gesunden, imgleichen auswärtige Commercia, Correspondenz und Passage 
frei und offen bleiben könne." In der von Senator Lochau angelegten 
Sammlung von Drucksachen aus dieser Zeit findet sich bei der erwähnten 
Schrift der Vermerk, dass das Colleginm Sanitatis „auf Gutbefinden eines 
Hochedlen Raths" diesen Vorschlag drucken lassen, dass aber eine dement- 
sprechende Pestsocietät von wenigen oder fast gar keinen practisirt 
worden sei. 



54 Hamburg währeud der Pcstjalire 1712— IT U. 

Massnahmen erregten das giösste Aufsehen*) und bewirkten, dass die 
Infection Hamburgs in weiten Kreisen bekannt wurde. Es ei*scheint daher 
erklärlich, dass man von den übrigen, mehr zerstreut hervorgetretenen 
Pestfällen weniger Aufhebens zu machen wünschte.*) Der Rath begnügte 
sich damit, den Insassen der inficirten Wohnungen durch die Pestärzte 
bei Leibes- und Lebensstrafe einschärfen zu lassen, dass sie ihre Woh- 
nungen nicht verliessen und sich überhaupt jedes Verkehrs enthielten. 
Indessen sah sich der Pestarzt Dr. Eyssener Ende November 1712 
veranlasst, die Nothwendigkeit wirksamerer Isolirungsmassregeln dar- 
zulegen. Es sei ihm unmöglich, die Leute in ihren Wohnungen zu 
halten. Wenn man sie auf die Befehle des Eaths hinweise, so lachten 
sie darüber ganz hämisch, die Kranken Hessen ihre Sachen versetzen 
und verkaufen, und nach Todesfallen diängen die Freunde der Ver- 
storbenen in deren Wohnungen ein, um den übriggebliebeneu Plunder 
wegzuschleppen. 

Es fehlt nicht an Zeugnissen dafür, dass auch unter so 
schwierigen Verhältnissen die Pestärzte ihres verantwortlichen Amtes 
mit Hingebung walteten. Manche Kranke erlagen freilich der Seuche, 
noch ehe ein Arzt herbeigerufen werden konnte. In anderen Fällen 
wurde der Erfolg der ärztlichen Bemühungen durch die trostlosen 
Zustände in den Wohnungen der Erkrankten und zufolge gewisser 
Mängel in den öffentlichen Einrichtungen beeinträchtigt. Es scheint, 
dass anfanglich nicht einmal für die rechtzeitige Wegschaffung der 
Pestleichen gesorgt wurde. Ein entsetzliches Bild entwirft der Pestarzt 
Dr. Majus am 19. October 1712 von einer Peststätte in einem Hofe 
der Jakobstrasse. Eine Frau lag in einem finsteren Keller seit 
acht Tagen an der Pest erkrankt, zu ihren Füssen die nackte, durch 
viele schwarze Flecken entstellte Leiche ihrer vor drei Tagen ge- 
storbenen 16jährigen Tochter, oben in einer Kammer die Leiche einer 
Gjährigen Tochter, nur mit etwas Leinwand bedeckt. „Wenn die 
ältere Tochter citissime von der Mutter separirt und in einen Sarg 
gelegt würde", schreibt Dr. Majus, „so möchte die Mutter (sowie die 
in derselben Wohnung lebende gesunde Tochter) noch zu retten sein." 



Bereits am 1. October 1712 fügte Lehmann dem Bericht über die Schliessung 
des erwähnten Ganges die Worte hinzu: ^Dieses hat eine solche Ahcration 
verm*sacht, dass es nicht zu beschreiben. So haben auch schon heute viele 
ihre Güter weggeschickt, in der Meinung, bald zu folgen.** (Dresd. A.) 

^) Die Angaben über die Zustände während der Pestzeit vom Herbst 1712 bis 
zum Januar 1713 beruhen im wesentlichen auf den Berichten der Hamburger 
Pestärzte im Hamb. A. 



r^Tv 



Hamburg währcud der Pestjalire 1712— 17 U. 00 

Wir wissen nicht, ob die in den letzten Worten angedeutete Hoffnung 
des genannten Arztes sich erfüllt hat.\) 

Mehrfach wird auch darüber geklagt, dass es in den Häusern 
der Ei'krankten sogar an Betten fehle, so dass sowohl die Patienten 
selbst, wie ihi'e Wärter, längere Zeit hindurch auf harten, kalten 
Steinen lagen und ein wenig herbeigeschafftes Stroh schon als Wohl- 
that betrachten mussten. Bei zunehmender Winterkälte machte sich 
überdies der Mangel an Feuerung geltend. 

Allmählich suchten jedoch die Behörden diesen Missständen 
nach Kräften abzuhelfen. Es steht fest, dass für die Vei-pflegung 
der unbemittelten Pestkranken in der Stadt, wie auf dem 
Haniburgerberg, nicht unbedeutende Beiträge aus öffentlichen 
Mitteln zur Verfügung gestellt wurden.*) Ferner ist es bemerkens- 
werth, dass, wenn auch das erste Pestlazareth und das Quarantaine- 
haus bei der Oelratthle erst im December dem Gebrauch über- 
geben werden konnten, doch — vermuthlich in Veranlassung der 
erwähnten Mahnung des Dr. Eyssener — bereits Ende November 
damit begonnen wurde, die kranken und gesunden Bewohner 
der inficirten Häuser zur Stadt hinauszuführen und in gesonderten, 
provisorisch dafür eingericliteten Räumlichkeiten unterzubringen, 
die von ihnen verlassenen städtischen Wohnungen aber völlig zu 
schliessen.^) 

Es muss daliingestellt bleiben, ob es diesen Massnahmen 
zuzuschreiben war, dass die Epidemie wenigstens zunächst keine 
bedrohlicheren Dimensionen in Hamburg annahm. Schon im December 
war sie wieder im Erlöschen. In dem ärztlichen Bericht über 
die letzte Decemberwoche wii'd freilich gemeldet, dass 3 Personen 
im Lazareth der Pest erlegen seien, doch werden darin zugleich 
9 Insassen des Pestlazareths als wiederhergestellt und die übrigen 31 
als rüstig bezeichnet. Auch vom Januar 1713 werden nur ganz 
vereinzelte Pestfälle gemeldet. Allerdings ergaben sich erneute 



^) Dr. Majus ward bald darauf todt in seinem Bett gefunden. Das Gerücht 
verbreitete sich schnell, er sei der Pest erlegen j doch ergab die ärztliche 
Untersuchung keinerlei verdächtige Anzeichen. 

^ In den Kämmereirechnnngen findet sich nuter dem 4. Novbr. eingetragen: 
„wegen der Infection auf dem Haraburgerberg zu den Verpflegungskosten 
321 je /3" ; und am 5. Decbr. : für die inficirten armen Leute an Kost 
und Verpflegung eiuscldiesslich des Monatsgeldes für die [Pest-] Barbiere 
•238G V^ n ß. 

^) Dies erheUt aus dem Bericht des hannoverschen Residenten Gräfe vom 
2G. November 1712. 



r^ii 



oh Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Besorgnisse, als das seit einiger Zeit weit schlimmer als Hamburg 
von der Pest heimgesuchte Altona dem Rachegericht Stenbocks 
zum Opfer gefallen. Es wurde bereits erwähnt, wie ungerecht- 
fertigt die früher gegen die Hamburger erhobene Beschuldigung 
war, dass sie den unglücklichen Bewohnern der Nachbarstadt 
hartherzig ihre Thore verschlossen hättep. Wahrscheinlicher ist, 
dass man in der entgegengesetzten Richtung zu weit ging und, 
sei es aus Mitleid, sei es aus Fahrlässigkeit^ selbst von 
der Seuche ergriffene Altonaer Flüchtlinge durchschlüpfen liess. 
Wenigstens klagte der Hamburger Pestarzt Dr. Eyssener am 
21. Januar 1713, dass der Altonaer Pestmedicus Hermanni *) nebst 
dem Pestbarbier Richter mit etlichen Patienten in seiner Nachbarschaft 
Quartier genommen, und dass sie mit Leuten aller Art verkehrten, 
während doch die Hamburger Pestärzte und Pestbarbiere sich nach 
dem Willen des Raths in ihrem Umgang sehr einzuschränken hätten* 
Jenen Altonaern wäre es zuzuschreiben, wenn die Pest in Hamburg 
wieder mehr überhand nehmen würde.*) 

Die von Dr. Eyssener ausgesprochene Besorgniss sollte sich 
jedoch als unbegiündet erweisen. Während der nächstfolgenden 
Wochen und Monate ist kein Pestfall in Hamburg bekannt geworden. 
Trotzdem war der Rath weit davon entfemt, sich einer allzu optimi- 
stischen Auffassung der Sachlage hinzugeben. Wenn er am 2 1 . Febr. 171*} 
die übliche Petrimahlzeit ausfallen liess, so dürfte ihn dazu — neben 
dem Hinblick auf die unberechenbaren Folgen der nordischen Kriegs- 
wirren für Hamburg — auch die Besorgniss vor der Wiederkehr der 
Pest bestimmt haben. 

Während des Februars war freilich der Gesundheitszustand 
in Hambui'g in keiner Weise beunruhigend. Dies erhellt namentlich 
aus den Berichten der beiden hannoverschen Beamten in Harburg, 
des Oberhauptmanns Georg Friedr. von Spörcke und des Amtmanns 



^) Der bereit« erwähnte Physicns Job. Baltbasar Hermanni war zeitweilig mit 
den Functionen eines Pestarztes betraut worden. (Alt. A.) 

2) „Wann min auf meiner Nachbarschaft vom Pestmorbo böse Begebenheiten 
vorfaUcn, werde ich entschuldiget sein und die Ursache diesen Leuten 
zuschreiben müssen ; denn es wundert mir, dass Unser Hochweiser Rath mich 
mit meinen Barbiers in Umgang der Leute sehr constriugiret, ja auch ein 
jeder honetter und inhouetter dieser Stadt Einwohner uns als Basiiiskcu 
scheuet, diese Leute aber wohnen bei Leuten in Häusern, curiren, verkehren 
und gehen mit allen ohn Unterscheid . um, sowohl in als ansscr ihrer 
Profession, da sie doch zehnmal mehr als wir mit Inficirten verkehret haben.** 
Eyssener, d. 21. Januar 1713. (Hamb. A.) 



Hambarg während der Pestjahre 1712—1714. 57 

Grupe,') die sich beide jener Zeit wiederholt persönlich nach 
Hamburg begaben, um über den dortigen Gesundheitszustand zuver- 
lässige Erkundigungen einzuziehen. Ausser lern besoldeten sie dort 
seit Anfang 1713 einen Chirurgen, der die sanitären Verhältnisse 
der Stadt in der Stille beobachten und über jeden verdächtigen Krank- 
heitsfall berichten sollte. Selbst das hannoversche Ministerium gewann 
aber allmählich den Eindruck, dass der mit der Rolle eines hygienischen 
Spähers betraute Wundarzt Feder, um die Erwartungen seiner Auf- 
traggeber zu befriedigen, einen gewissen üebereifer bekundete und 
eher geneigt war zu übertreiben als zu vertuschen. Doch auch dieser 
veimochte zunächst nichts Nachtheiliges über den Gesundheitszustand 
in Hamburg zu melden. 

Um den sich dennoch vermuthlich hier und da äussernden 
Argwohn zu beschwichtigen, gaben am 1. März 1713 der Physicus 
und der Subphysicus die eidliche Erklärung ab, dass in Hamburg keinerlei 
bösartige oder verdächtige Krankheit hersche.*) 

Bald darauf verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand 
in Hamburg aufs neue. Zuerst am 8. März und in der Folge wieder- 
holt berichteten die Harburger Beamten nach Hannover, dass in 
Hamburg hitzige Fieber grassiiten. Am 11. und 15. heisst es sogar, 
dass von diesen Fiebern viele dahingerafft würden; doch wird aus- 
drücklich hinzugefügt, dass dabei keinerlei Pestsymptome hervor- 
getreten seien, und dass sich niemand scheue, bei den Patienten 
ein- und auszugehen. Nachdem die beiden Harburger Beamten gegen 
Ende des Monats wieder in Hamburg gewesen, meldeten sie freilich. 



^) Im Staatsarchiv zu Hannover. — Die hannoverschen Contagionsacten scheinen 
nicht mehr vollständig erhalten zu sein. Doch genügt das im hannoverschen 
Staatsarchiv vorhandene nnd dnrch Acten anderer Archive ergänzte Material, 
um erkennen zn lassen, mit welcher Energie nnd Umsicht die kurhrann- 
schweigische Regierung der ihre Lande von verschiedenen Seiten bedrohenden 
Gefahr der Ansteckung entgegenzuwirken suchte. Ihre Massnahmen haben 
damals und später Anerkennung gefunden. Mit besonderem Lobe gedenkt 
ihrer u. a. der Bremer Arzt Dr. Arnold Wienholt in seiner bereits angeführten 
Schrift über die Pest in Bremen. Doch konnte es nicht ausbleiben, dass der 
Eifer, den die hannoverschen Beamten bekundeten, um das gefürchtete Uebel 
fem zu halten, hin und wieder zu Uebertreibungen führte und dadurch den 
Spott herausforderte. Li seinem Bericht vom 25. März 1713 fügt Lehmann 
zn der Angabe, laut einer 3Ieldung des Amtmanns von Harburg sei in 
Buxtehude die Pest wieder hervorgetreten, die sarkastischen Worte hinzu: 
dies sei nicht gleich für Wahrheit auszugeben, weil die hannoverschen 
Beamten ^gleich einen Ort für inficirt hielten, wenn nur anderthalb Mann 
drinnen sterbe und einer krank sei^. Dresd. A. 

^ Hamb. A. 



58 Hambui:g während der Pesljahre 1712—1714. 

dass sich dort wieder zwei verdächtige Fälle zugetragen hätten, und 
dass das Haus, in dem die Erkrankungen statt^eftinden, geräumt und 
geschlossen woi-den sei. Aus dem letztem Umstand darf man jedoch 
nicht schliesseu, dass der Wiederausbruch der Pest bereits damals 
anerkannte Thatsache gewesen. Sicher ist nur, dass in Hamburg 
wählend des Frühlings und während der ersten Sommermonate des 
Jahres 1713 zahlreiche Fiebererkrankungen vorkamen. Diese verliefen 
offenbar meist in ganz unbedenklicher Weise. In einzelnen Fällen 
stellten sich freilich Anzeichen ein, die für Symptome von Fleckfleber 
ausgegeben wurden, bei denen sich jedoch die Besorgniss nicht ganz 
abweisen Hess,, dass möglicherweise ein schlimmeres Uebel zu 
Grunde liege. 

Nicht nui' in Hambui*g, sondern auch au vielen anderen Orten 
ging der Constatining der Pest eine Periode voraus, in der man zwar 
das Erkranken zahlreicher Individuen nicht ableugnen konnte, dieses 
aber nur auf hitzige Fieber oder allenfalls auf Fleckfieber zurück- 
führte und meist aus besonderen localen und klimatischen A^erhältnissen 
zu erklären suchte. Man räumte — nach modernem Sprachgebrauch 
zu reden — das A^orhaiulensein der pestis nostras ein, deren Auf- 
treten, wie bedauerlich auch immerhin, die Gemüther nicht mit 
gleichem Entsetzen wie das der orientalischen Bubonenpest erfüllte. 
Es dürfte auch wohl ausser Zweifel sein, dass thatsächlich eine solche 
minder gefilhrliche Epidemie in manchen Gegenden vor Ausbruch der 
wirklichen Pest oder auch noch gleichzeitig mit dieser grassiile.') 
Ausserdem muss man sich vergegenwärtigen, dass es für die Aerzte 
in der damaligen Zeit schwierig, ja in manchen Fällen geradezu un- 
möglich war, zwischen einer Erkrankung an Fleckfieber und einem 
gelinder auftretenden Pestfall zu miterscheideu.*) Dass die augeblich 



Hacser (Lehrbuch der Gesch. der Mediciii und der epidemischen Kraukheiten, 
3. Bearbeitung, 3. Band, S. 454.) bemerkt über die damalige Epidemie Über- 
haupt: „Auch diesmal ist unmöglich zu unterscheiden, was derEinschleppnug 
des Contagiums und was der Entwicklung einheimischer Fieber zu pest- 
gleicher Bösartigkeit zugeschrieben werden muss. Gewiss ist nur, dass 
beide Ursachen in vollstem Masse wirksam waren." 

^) Der freilich auch in seiner Zeit nicht als Autorität betrachtete Hamburger Arzt 
Dr. Andreas Christian Diderich (vgl. über ihn Gernet a. a. 0. S. 290 f.) sprach 
in seiner 1710 erschienenen Historia pestis^ S. 27, sogar die Ansicht aus, „dass 
zwischen Pest und Fleckfieber nicht mehr ein Unterschied sei, als zwischen 
dem anfangenden Wachsthum und abbrechenden Ausgang der Pest mit der 
Pest in ihrer vollen Kraff M. H. Dencker, Dr. med. in Norderditmarschen, 
redet in seiner Schrift „Regimen in peste curanda" (Hbg. 1712) S. 5 von 
,. giftigen, hitzigen Fiebern, die oft beinahe so gefährlich sind, als die sogenannte 



Hamburg währeud der Pestjahre 1712—1714. 59 

zuverlässigsten Pestsymptome sich niclit bei allen Pestkranken ein- 
stellten, wurde bereits hervorgehoben. Auch mochte das, was dem 
einen Arzt als Pestbeule oder bösartiger Karbunkel galt, dem anderen 
als ein minder bedenkliches Geschwür erscheinen. Es begreift sich 
daher, dass die Urtheile über die in Hamburg seit Ende März 1713 
hervorgetretenen Krankheiten auseinandergingen. Um jedoch unter 
allen Umständen nichts verabsäumt zu haben, wurde von Seiten des 
Hamburger SanitätscoUegiums in allen zweifelhaften Fällen genau so 
vorgegangen, als ob die Pest sicher constatirt sei. Man brachte die 
Patienten ins Lazareth, deren nicht erkrankte Hausgenossen ins 
Quarantainehaus und verbrannte den giftfangenden Hausrath, den man 
in den geräumten Wohnungen vorgefunden. Von Wichtigkeit war femer, 
dass fortdauernd aus öflfentlicheu Mitteln für die ärztliche Behandlung 
und Yerpfl^ung der armen Patienten Sorge getragen und dadurch 
sowohl füi' die Erkrankten selbst, wie fiir deren Angehörige die Ver- 
suchung, etwas zu verheimlichen, erheblich verringert ward. 

In der Hoffnung, auf diese Weise das etwa sich von neuem 
regende Pestübel im Keime zu ersticken, gab der Hamburger Senat 
nach allen Seiten beruhigende Erklärungen. Doch scheinen gerade 
die ergriffenen Voi^ichtsmassregehi und speciell der Umstand, dass 
der Transport der Kranken in der Regel zur Nachtzeit stattfand, 
einen gewissen Argwohn hervoi-genifen zu haben. Im Widerspruch 
mit den Angaben des ßaths entsandten die Harburger Beamten auf 
Grund der Mittbeilungen Feders zunehmend ungünstigere Berichte. 
Ihre Besorgnisse wunlen freilich vorläufig von dem hannovei^schen 
Ministerium nicht getheilt. Dieses wanite vielmehr, nicht jedem 
fliegenden Gerüchte zu trauen und namentlich nicht den Angaben 
eines Mannes, der sein Interesse dabei finde, dass die Besorgnisse 
lange dauerten.^) Zu einer günstigeren Auffassung des hamburgischen 
Gesundheitszustandes mochte die hannovereche Regierung um so eher 
geneigt sein, als die Berichte ihrer diplomatischen Vertreter in Hamburg, 
des Hofrath Gräfe, sowie des Secretär Schlüter, durchaus nichts 
Beängstigendes enthielten. 

Pest selbst, davou sie nur gradu diiferiren." Aehnlichen Anschauungen 
begegnen wir jener Zeit auch sonst. Die neueren Mediciner unterscheiden 
bekanntlich zwischen der Pest und den verschiedenen Typhusformen aufs 
schärfste. Aber auch Griesinger, der (Infectionskrankheiten S. 219) die Pest 
als eine ganz specifische Krankheit bezeichnet, weist doch darauf hin, dass 
das Fleckfieber zuweilen „eine der Pest höchst ähnliche Gestaltung annehme". 
*) Ministerialschreiben vom 18. Juli 1713. (Hann. A.) Zufolge dieses 
Schreibens wurde noch ein anderer Chirurg von Harburg nach Hamburg 
geschickt, dessen Berichte anfänglich minder ungünstig ausfielen. 

m 

B* 



60 Hambuig während der Pestjahre 1712—1714. 

Gegen Gräfe wurde freilich später, als der Wiederausbitich 
der Pest constatirt war, von dem preussischen Residenten Bui'clmrd 
der Vorwurf erhoben, dass er in seiner Eigenschaft als hamburgischer 
Bürger, um die Stadt vor Schaden zu bewahren, die hannoversche 
Regierung durch schönfärberische Berichte längere Zeit über den 
wahren Sachverhalt getäuscht habe.*) Indessen lässt sich dieser 
Verdächtigung gegenüber anführen, dass andere Diplomaten noch 
Ende Juli ihre Regierungen über den Gesundheitszustand in Ham- 
burg zu beruhigen suchten, und dass Burchard selbst, der gewiss 
von dem Vorwurf frei war, auf die Interessen der Hamburger über 
Gebühr Rücksicht zu nehmen — soweit ersichtlich — bis Anfang 
Juli seinem Hofe keine Mittheiluugen gemacht hatte, die ernstere Be- 
sorgnisse erwecken konnten.*) 

Trotz der Harbui-ger Berichte ist es daher walirscheinlich, 
dass die Pest in Hambuig in der Zeit von Ende März bis Anfang 
Juli 1713 entweder gar nicht oder nur sporadisch auftrat. 

Noch am 3. Juli 1713 konnte der präsidirende Bürgermeister 
von Bostel bei der Eröffnung der Rath- und Bürgerschaftssitzung 
seiner Befriedigung darüber Ausdruck geben, dass man diese Zu- 
sammenkunft „annoch bei gesunder Luft" halten könne. 

Das Wörtchen „annoch" deutet vielleicht darauf hin, dass 
man sich nicht mehr völlig sicher fühlte. 

Acht Tage später meldete Burchard seiner Regierung, die 
Fleckfieber und andere hitzigen Fieber seien in Hamburg derartig 



Burchard, den 17. October 1713. 

^) Lehmann schrieb am 22. Jali: „Man hat zwar seit 14 Tagen sehr viel Redens 
gehabt, dass mehr Leate als gewöhnlich hiesigen Orts sterben, es befindet 
sich auch insoweit wahr, dass wöchentlich 30—40 Personen mehr als sonst 
begraben werden. Ich hi\be aber doch noch nicht veniommeu, dass an- 
steckende Krankheiten grassircn.*' Auch Hagedorn berichtete noch am 
25. Juli, dass die Zahl der Todesfälle in der vorausgegangenen Woche mit 
Rücksicht auf die Jahreszeit nicht auffallig erscheinen könne. Erst am 
8. August schrieb er: „Bei meiner Abwesenheit von hier hat das Sterben iu 
etwas zugenommen und will man nicht sonderlich leugnen, dass bei den ge- 
ringen Leuten etwas Pestilenzialisches vorhanden, man hoffet aber etc/' 
Burchard hegte schon früher Verdacht, wie sein Bericht vom 1 1. Juli zeigt. 
Aus der Zeit vom 22. April bis zum 11. Juli scheinen sich keine Relationen 
von ilim erhalten zu haben. Es ist nicht unmöglich, dass er schon in einem 
der verlorenen Berichte über den Gesundheitszustand in Hamburg ungünstige 
Mittheilnngeu gemacht hat Allarmirend aber können sie nicht gewesen 
sein, sonst würde nicht die prenssische Regierung noch am 15. Juli die Ver- 
hängang von Sperrmassregeln gegen Hamburg von dem Vorausgehen Han- 
novers abhängig gemacht haben. 



Hamburg während der Pentjahre 1712—1714. 61 

im Zunehmen, dass der Verdacht, es möchte eine böse Seuche 
darunter verborgen sein, anwachse. Er fugte hinzu, aller nur ersinn- 
lichen Vorsichtsmassregeln ungeachtet lebe der Rath zwischen Furcht 
und Hoffnung. 

Wie lange in den leitenden Kreisen Hamburgs das Urtheil 
über die sanitären Verhältnisse der Stadt schwankend war, und ob 
man auch nach der Erkenntniss, dass das Geflirchtete eingetreten, eine 
Weile zögerte, den Sachverhalt zur allgemeinen Kenntniss zu bringen, 
zur Verhütung von Angst und Schrecken, die für einen Hauptzunder 
der Ansteckung galten*), oder um Absperrungsmassregeln der Nach- 
barstaaten zu vermeiden, darüber ist aus dem vorliegenden Quellen- 
material ein bestimmtes Urtheil nicht zu gewinnen. Sicher ist, dass 
es innerhalb der hamburgischen Bevölkerung für uppatriotisch galt, 
durch verfrühte oder übertriebene Sclireckensnachrichten Hamburg 
in Misscredit zu bringen, und sehr wahrscheinlich, dass man noch eine 
Weile, als der Zweifel bereits geschwunden, sich die unlieilverbeissenden 
Thatsachen kaum zuzuflüstern wagte, bis endlich der Ausbnich der 
Epidemie in Hamburg eine weltkundige Thatsache geworden war. 

« 

Es schreckten Dich des Nachts die todbeladnen Wagen, 
Und davon durfte ja kein Mensch ein Wörtchen sagen. 
Doch brach es endlich aus: Hamburg ist angesteckt! 
Darüber manches Land von Herzen sich erschreckt.^ 

So hiess es in einer nach dem Erlöschen der Epidemie ent- 
standenen Dichtung. Die hier ins Auge gefasste Enthüllung der 
uneifreulichen Sachlage dürfte in die Mitte des August des Jahres 
1713 zu setzen sein. 

Am 11. August hatte sich der dänische Resident Hagedorn, 
der noch vor kurzem an seinen Hof in beruhigendem Sinne ge- 
schrieben, mit den Vertretern Hollands und Preussens vereinigt, um den 
Senat in einer gemeinsamen Note über die in Hamburg herschenden 
Krankheiten zu interpelliren.*) In diesem Schriftstück heisst es u. a.: 



*) Vgl. den Titel der S. 53 erwähnten Publication. Der Altonaer Physicns Joh. 
Balth. Hermanni citirt in seiner Schrift „Consilinm de peste'^ S. 17 den franzö- 
sischen Arzt Pigray, der die Furcht ^pabulnm et instmmentum pestis" nannte, 
nnd bekennt sich überhanpt im Anschluss an verschiedene mediciuische 
Schriftsteller zn der Ansicht: „quod plnres tempore pestis fere metu pestilentiae 
et mortis inficiantur quam a contagio." 
^ Ans dem „Beschlüssnngs-Spmch zn D. J. Riemers Dankpredigt." 
*) Aus Hagedoms Bericht vom 11. ergibt sich, dass der Text dieser Inter- 
peUation zunächst zwischen ihm und van den Bosch, dem holländischen 
Residenten, vereinbart wurde, und dass Burchard sich ihnen nachträglich 
anschloss. 



62 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Die Gesandten hätten mit Bestürzung vemommen, dass der Verdacht 
von dem Auftreten einer pestilenzialischen Seuche immer mehr an- 
wachse. Ehe sie jedoch die Sperrung eines so grossen Handelsplatzes 
bei ihren Regierungen beantragen wollten, erachteten sie es flir ge- 
boten, beim Rath anzufragen, ob er die wahrheitsgemässe Versicherung 
geben könne, dass der Verdacht unbegründet sei. Der Rath möge 
in Erwägung ziehen, dass durch eine unzeitige Verhehlung nicht nur 
das ganze Reich, sondern auch verschiedene auswärtige Königi'eiche 
und Republiken, mithin das Leben vieler tausend unschuhligei* 
Menschen in Gefalir gesetzt und dennoch der guten Stadt niclit 
geholfen werde. 

Fünf Tage später erfolgte die Antwort.^) Bedeutsam war diese 
Kundgebung schon durch den negativen Umstand, dass sie eine Zurück- 
weisung des Gerüchts über den Ausbruch einer pestilenzialischen 
Seuche nicht enthielt. Ueberdies wurde eingeräumt, dass „seit 
einigen Wochen hin und wieder in der Stadt hitzige ansteckende 
Krankheiten sich geäussert" hätten.*) Annähernd ähnlich lautende 
Erklärungen hatte der Rath freilich schon früher abgegeben, dabei 
aber stets angedeutet, dass es sich um unbedenkliche, in der 
heissen Jahreszeit regelmässig wiederkehrende Krankheitserscheinungen 
handle.*) Bei dem Fehlen eines solchen beschwichtigenden Zusatzes 
konnte der Ausdiiick „hitzige ansteckende Krankheit" nur als ein 
Euphemismus für Pest gelten. Die Erklärung des Senats enthielt 
somit — wenn auch in etwas gewundener Form — das Bekenntniss, 
dass der von den Gesandten erwähnte Verdacht nicht unbegründet 
sei.^) Es vermochte die schwerwiegende Bedeutung dieses Zugeständ- 
nisses nur wenig zu verringern, dass der Rath gleichzeitig unter 
Hinweis auf die ergriffenen Vorsichtsmassregeln und auf die ab- 
nehmende Hitze der Hoffnung Ausdruck gab, das Uebel werde 
weder für die Stadt, noch für andere Länder schlimme Folgen nach 
sich ziehen. 



Die Yerzögening erklärte Hagedom durch den Hinweis, dass der Rath in- 
zwischen wegen der Hundstagsferien nicht yersammelt gewesen seL (Bericht 
vom 15. Angnst.) 

') Auszug aus dem Hamb. SenatsprotokoU vom IG. August bei den preussischen 
und dänischen Oesandtschaftsberichten. 

^ So z. B. noch in der vom 18. Juli 1713 datirten Antwort auf ein Auskunfts- 
gesuch der Königl. Begierung in Olückstadt vom 12. Juli. (Schlcsw. A.) 

*) So fasst es auch Burchard auf, der am IS. August schrieb, die Antwort des 
Magistrats gebe genugsam zu verstehen, dass die pestilenxialische Seuche 
sich wirklich hereingeschlichen habe. 



Hamburg wäbroud der Pcstjahrö 1712—1714. 63 

Dass durch den erneuten Ausbruch der Pest in Hamburg 
andere Länder ins Unglück gerathen sind, ist niclit erweislich. Die 
schlimmen Folgen för Hamburg aber Hessen nicht auf sich warten. 
Die Krankheit nahm dort während der nächstfolgenden Wochen 
immer mehr überhand. Audi beeilten sich fast alle Staaten, die zu 
der Stadt in commerzieller Beziehung standen, den Personen- und 
Waarenverkehr mit ihr zu untersagen oder doch unter strenge 
ControUe zu stellen. Dazu kam, dass Hamburg fast völlig von 
Truppen umringt wurde. Im Süden zogen die Hannoveraner, im 
Norden die Dänen ihren Cordon. Die Aufstellung der Letzteren er- 
regte um so grössere Bestürzung, als sie vorzugsweise auf hamburgi- 
schem Gebiete stattfand und dadurch die Unabhängigkeit der Stadt 
zu bedrohen schien. Die Rede, mit der Bürgermeister von Bostel 
aln 31. August die Rath- und Bürgerschaftssitzung eröffiiete, schlug 
daher einen ganz anderen Ton an, als die vom 3. Juli. Da hiess 
es u.a.: „Der niemals genug zu bedauernde jetzige klägliche Zustand 
unserer werthen Stadt liegt uns allen nur gar zti empfindlich vor 
Augen." Doch auch jetzt noch gelte es, den Muth nicht sinken zu 
lassen. „Wir müssen dennoch, wie in keiner, also auch in dieser 
schweren Noth nicht verzagen." 

Die Mittheilungen des Senats an die Bürgerscliaft bezogen sich 
zum Theil auf die Besetzung des hamburgischen Gebiets durch die 
Dänen, zum Theil auf die Verhandlungen mit den noch in Hamburg an- 
wesenden fi-emden Gesandten über die Art, wie der Stadt unter den 
erforderlichen Vorsichtsmassregeln die Zufuhr von Lebensmitteln und 
die Aufrechterhaltung eines gewissen Handelsverkehrs zu sichern sei. 
Hierüber, wie überhaupt über das Verhalten der auswärtigen Staaten 
gegen Hamburg in dieser Zeit, soll weiterhin im Zusammenhang die 
Rede sein. Zunächst gilt es, uns zu vergegenwärtigen, was von den 
Behörden der Stadt zur Bekämpfung der Seuche und des durch sie 
hervorgerufenen Nothstandes geleistet wurde. 

Das Sanitätscollegium hatte seit Jahren, und namentlich 
während der letzten Zeit, eine von allen Seiten anerkannte Thätigkeit 
entwickelt. Unter den obwaltenden besonders schwierigen Umständen 
erscliien es erwünscht, diese Behörde im Interesse schneller und 
durchgreifender Wirksamkeit mit noch umfassenderen Befugnissen 
auszustatten, ihr gleichsam eine dictatorische Machtvollkommenheit 
einzuräumen. Der Senat richtete deshalb an die Bürgerschaft den 
Antrag, dass das Sanitätscollegium in Zukunft von der Verpflichtung, 
sich bei seinen Massnahmen mit den anderen CoUegieu zu verständigen, 
befreit sein solle. Die Bürgerschaft trug jedoch auch unter solchen 



64 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

aussergewöhnlichen Verhältnissen Bedenken, eine derartige Abweichung 
von dem hergebrachten und verfassungsmässigen Geschäftsgang gut- 
znheissen. Sie stellte den Gegenantrag, dass Syndicus Sillem, der 
als Präses der Sanitätscommission seine volle Arbeit habe, von 
anderen Geschäften im Senat entbunden werde. Dieser Vorschlag 
bedeutete ein Vertrauensvotum für Syndicus Sillem. Offenbar war 
die Bürgerechaft der Ansicht, dass wenn dieser bewährte, durch Er- 
fahrung und persönliche Autorität ausgezeichnete Patriot seine ganze 
Kraft ungeschmälert dem Sanitätswesen widme, die einer schneUen 
Erledigung der Geschäfte entgegenstehenden Schwierigkeiten stets 
leicht überwunden werden könnten. 

Gleichzeitig beantragte der Senat, die Bürgercapitäne zu 
bestimmen, in allen Fällen, da man ihrer Unterstützung bedürfe, wie 
z. B. um zu controlliren , in welchen Häusern sich Pestkranke 
befänden, und ob die Almosen richtig ausgetheilt würden, sich dem 
Rath und dem Sanitätscollegium zur Verfiigung zu stellen. Die 
Bürgerschaft war hiermit einverstanden. Ebenso erklärte sie sich 
bereit, in Anbetracht der gesteigerten Ausgaben, welche die Lage 
erforderte, eine ausserordentliche Steuer zu bewilligen. 

Ein Mandat vom 8. September 1713 verfolgte den Zweck, 
das Publicum einerseits zu beruhigen und anderseits zu strenger 
Gewissenhaftigkeit zu ermahmen. Die hervoi'getretenen ansteckenden 
Krankheiten — so hiess es darin — seien nicht so schlimm, wie 
man an fremden Orten angenommen;*) auch bestehe die Möglichkeit, 
sie binnen kurzem zu dämpfen, wenn nur jeder Bürger und Einwohner 
seine Pflicht erfüllen wolle. Im Uebrigen wurden die frülieren Vor- 
schriften aufs neue ergänzt und verschärft. Bemerkenswerth ist, 
dass für nothwendig erachtet wurde, das Publicum zu ermahnen, 
(verdächtige) Kranke nicht aus dem Hause zu stossen, sondern bei 
dem Praeses des SanitätscoUegiums anzumelden. 

Einige Wochen später wurde bekannt gemacht, dass eine 
Subdeputation des SanitätscoUegiums täglich mehrere Stunden auf 

^) Die iu den zeitgenössischen bamburgischen Docnmenten häafig wiederkehrende 
Klage, dass das in Hamburg herschende Uebel auswärts übertrieben werde, 
war nicht angerechtfertigt. So heisst es z. B. in einem Brief des Landdrosten 
V. Cioster in Jever an seinen Landesherrn, den Fürsten Karl WUhelm Ton 
Anhalt-Zerbst, vom 29. August 1713: „Inmittelst ist es leider an dem, 
dass wir in gedachter Stadt Emden die sichere Zeitung (so auch hier 
confirmirt wird) erhalten, gestalt die Contagion zu Hamburg bereits in 
solchem Wachsthnm grassire, dass daran fast täglich hundert und mehr 
Menschen dahinsterben, bei nächtlicher Weile nackend ans der Stadt 
geschleppet und abo eingescharret werden." (Old. A.) 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 65 

dem Herrensaal des Eimbeckschen Hauses versammelt sei, und dass 
an diese alle auf das Sanitätswesen bezüglichen Anzeigen und Be- 
schwerden gerichtet werden müssten. 

Wie weit es den Veranstaltungen der Sanitatsbehörde zu danken 
war, dass die Seuche in Hamburg auch jetzt keine so verheerende 
Wii*kungen übte, wie z. B. vordem in Danzig und Kopenhagen, iRsst 
sich begreiflicherweise nicht feststellen. Nach ihi-em erneuten Ausbruch 
grassirte die Pest vorzugsweise in denselben Quartieren, die bereits 
im vorausgegangenen Winter vereinzelt betroffen worden waren, in 
den Gängen, Höfen und Sählen der Neustadt und des St. Jacobikirch- 
spiels. Am schlimmsten hauste das Uebel an der sogenannten Wasser- 
kante.*) Wiederum wurde namentlich die ärmere Bevölkerung stark 
heimgesucht. Doch verlautete uin die Mitte des Septembers, dass auch 
einige Personen des Mittelstandes betroffen worden wären. Von der 
Mitte bis gegen Ende des Septembers scheint überhaupt die Physiog- 
nomie der Stadt eine besonders unheimliche gewesen zu sein. Die 
Pestwagen rollten bei Tag und Nacht. Häufiger sah man von der 
Krankheit plötzlich Ergriffene auf der Strasse zusammenbrechen. 
Etwas besser wurde es im October; doch heisst es in einem Bericht 
vom 14. dieses Monats, dass die Seuche sich ziemlich durch die 
ganze Stadt auszubreiten anfange.*) Es wurden daher fortdauernd 
alle verfügbaren Kräfte zur Bekämpfung des Uebels angespannt. 

Mit der Behandlung der Kranken (sowie mit der Visitation der 
inficirten Wohnungen) waren 4—6 Pestärzte und 12 Pestchirurgen, 
unter denen ein Oberchirui-g war, speciell betraut. Doch scheint 
es, dass in der Zeit, da die Pest am schlimmsten wtithete, eine 
grössere Zahl liamburgischer Privatärzte in die Lage kam, sich 
Pestkranker annehmen zu müssen, so sehr sie sich vermuthlich mit 
Rücksicht auf ilire übrigen Patienten dagegen gesträubt haben niögen.^) 

Bei dem raschen Umsichgreifen der Krankheit war es offenbar 
auch nicht durchweg ausführbar, die Inficirten und ihre Angehörigen 
aus der Stadt zu schaffen. Wo es möglich war, die erforderlichen 



') Bereits am 18. Angust 1713 berichtet Bnrchard, dass die Seuche „sonderlich 
.an der Wasserseite, am sogenannten Doyenfleet und im Eichholz an der 
Wasserpforte ganze Strassen eingenommen"*. 

*) Burchard den 15. nnd 19. September, Lehmann den IG. September nnd 
14. October. Bemerkenswerth ist anch die Angabe Lehmanns in seinem 
Berichte vom 14. October, dass im Waisenhans, wo sich 11)00 Kinder 
befänden (nach Vogelsang, das Hamburger Waisenhaus S. 24, waren dort im 
Jahre 1713 1173 Zöglinge), noch alles gesund sei, während man aus dem 
Zuchthans über 200 Personen weggebracht habe. 

^ Dies und das Folgende meist nach Schriftstücken im Hamb. A. 



66 Hamburg: während der Pestjahre 1712—1714. 

Vorsichtsmassregeln anzuwenden, wurden die Erkrankten in ihren 
Häusern verpflegt. Für diese standen 120 Wärterinnen zui' Ver- 
fügung, die nach einer bestimmten Taxe bezahlt werden mnssten. 

Immerhin wurde stets eine grosse Zahl von Patienten in die 
IVstlazarethe gebracht, deren zeitweilig vier in Betrieb waren. Die 
gesunden Hausgenossen der in die Lazarethe abgeführten Kranken, 
ebenso wie diese selbst, sobald sie für genesen erkläit worden, 
kamen auch jetzt in das Ende 1712 begründete Quarantainehaus oder 
in die neu angelegte Filiale desselben. 

In diesen vei-schiedenen Sauitätsanstalten waren 30 „Pflege- 
weiber" thätig, um den Pfleglingen die erforderliche Handreichung 
zu leisten und auch für die Reinhaltung, bezw. Durchräucherung der 
Räumlichkeiten zu sorgen. 

Femer wirkten im Dienste des Sanitätscollegiums mehrere 
Exspectanten und sonstige Assistenten der Aerzte und Chirurgen, 
2 Masterschmierer, 2 Pesthebammen, 40 Pestträger, 4 Lieger. 

Den Pestträgem war der lYansport der Kranken und Todten 
anvertraut. Vor Ueberaahme ihres Amtes mussten sie u. a. geloben, 
die Leichen ja nicht die Treppe hinunter zu weifen, auch nicht wie 
das Vieh zu schleppen und zu handliaben, sondern sie in aller Stille 
aus den Wohnungen zu tragen, in den Sarg zu legen, diesen auf den 
Todtenwagen zu setzen und ohne Gezänk, Geschrei oder anderen 
Muthwillen wegzuführen. 

Die „Lieger" hatten die Aufgabe, in den inficirten Häusern, 
in denen noch einzelne Kinder oder Kranke zuiückgeblieben, aufzu- 
passen, dass nichts gestohlen werde. Die seit längerer Zeit that- 
sächlich geübte Praxis bezüglich der Räumung, Verschliessung und 
Desinfection der inficirten Wohnungen wurde jetzt aufs strengste vor- 
geschrieben. Die amtlich geschlossenen Häuser sollten nicht früher 
wieder dem Verkehr übergeben werden, als bis sie nach Anweisung 
eines hiermit besonders betrauten Pestarztes desinficirt worden wai*en. 
Die Desinfection bestand, abgesehen von der Hinausschaflfung und 
Verbrennung des giftfangenden Hausgeräths, in gründlichem Scheuern, 
Lüften und Durchräuchern. Auch von neuem Weissen der Wände 
ist gelegentlich die Rede. Auf das Eindringen in amtlich ver- 
schlossene Wohnungen und das Wegnehmen des geringfügigsten 
Gegenstandes daraus war Todesstrafe gesetzt. 

Für die Pestleichen war vor dem Dammthor ein besonderer 
Pestkirchhof eingerichtet worden. Immerhin wurden fortdauernd nicht 
wenige der an der Pest Verstorbenen auf den Kirchhöfen in der 
Stadt begi'aben. 



Hamburg: während der Pestjahre 1712—1714. 07 

Die Bediensteten des Sanitätscollegiums wurden angewiesen, 
mit aller Höflichkeit und Bescheidenheit zu verfahren. Die Ein- 
wohner aber wurden ermahnt, sie bei ihrer Amtsthätigkeit nicht zu 
behindern oder gar zu beschimpfen. Im Fall der Widersetzlichkeit 
sollten Miliz und Nachtwache den Sanitätsbeamten zu Hülfe kommen. 
Die Bürgerschaft äusserte gelegentlich den Wunsch, dass diese Beamten, 
die zu ihrer Legitimation mit besonderen Papieren versehen waren, 
auch durch Abzeichen kenntlich gemacht würden, um zu verhindern, 
dass sie sich unter Gesunde mischten.^) Der Senat aber machte 
dagegen geltend, dass solche äussere Kennzeichen der Pestbeamten 
erfahrungsgemäss „Alteration und Schrecken" hervorriefen und dadurch 
verderblich wirkten. 

Zu dem vom Sanitätscollegium angestellten Personal gehörten 
schliesslich noch zwei Pestprediger, von denen einer sich der Seelsoige 
der Pestkranken in der Stadt, der andere dem gleichen Beruf in den 
Lazarethen widmen sollte. 

Neben dieser umsichtigen und vielseitigen Fürsorge für die 
Erkrankten betrachteten die Behörden es als eine üirer wichtigsten 
Aufgaben, die Noth der unbemittelten Bevölkening, auch soweit sie 
nicht von der Pest betroflfen war, nach Kräften zu lindem. 

In der richtigen Erkenntniss des Zusammenhangs von Dürftig- 
keit und Krankheit hatte das Sanitätscollegium alsbald nach seiner 
Einsetzung eine verbesserte Annenordnung ins Leben genifen.*) In 
ungeahnter Weise aber waren seit dem August 1713 die der Annen- 
pflege zufallenden Aufgaben gewachsen, insofern durch die Epidemie 
und die fast vollständige Handelsstockung das Elend der ärmeren 
Volksklassen aufs äusserste gesteigert war und viele Tausende der 
öffentlichen Unterstützung bedürftig wurden.^) 

Für die Hebimg des allgemeinen Gesundheitszustandes kam 
es jetzt vor allem darauf an, der ärmeren Bevölkerung auch bei 
nicht ansteckenden Krankheiten wirksame Hülfe zu sichern. Es 
gereicht den Hamburger Aerzten zur Ehre, dass sie sich damals in 



') R. u. B.-R. vom 12. October 1712. 

^ Vgl. R. u. B.-R. vom 22. Januar 1711 und W. von MeUe, die Entwicklung 
des öffentlichen Armenwesens in Hamburg S. 54 f. 

') In einem hamburgischen Actenstück vom October 1713 (Rationes gegen die 
Abschliessung des Ochsen- und Billenwerders von der Stadt Hamburg) wird 
angeführt, dass die Stadt „mit Unterhaltung von mehr als 30 000 Personen, 
so sich wegen Hemmung des Commercii nicht zu ernähren vermögen, be- 
schwert sei". In den Berichten Burchards vom 12. und 19. September wird 
die Zahl der unterstützungsbedürftigen Einwohner Hamburgs sogar auf mehr 
als 40000 angegeben. 



68 HamLnrg während der Pestjahre 1712—1714. 

ihrer Gesammtheit bereit erklärten, die unvermögenden Kranken un- 
entgeltlich zu behandeln. Dennoch hielt die Behörde es für zweckmässig, 
6 besondere Armenärzte anzustellen, deren Pflicht es war, den Armen 
des ihnen angewiesenen Kirchspiels in allen erforderlichen Fällen 
ttne ärztliche Fürsorge zu Theil werden zu lassen, die allerdürftigsten 
auch ohne Entgelt mit Arzneien zu versehen, überhaupt — wie es 
in ihrer Instruction lieisst — sich der ihnen zuertheilten Patienten 
bis zu deren völligen Genesung oder Tode anzunehmen und sich dabei so 
zu betragen, wie es gewissenhaften und getreuen Aerzten zukomme. 
In diese Verpflichtung war jedoch keineswegs einbegriffen, an der 
Pest erkrankte Arme zu behandeln. Diese sollten vielmehr sofort 
einem Pestarzt übei-wiesen w^erden.*) 

Neben der unentgeltlichen ärztlichen Behandlung wurde den 
Hülfsbedürftigen auch das Unentbehrlichste zum Unterhalt gewährt. 

Femer war unter den Massregeln zur Linderung des Noth- 
standes bemerkenswerth, dass der Rath um die Mitte des Octobers 
sämmtliche Holzhändler auf das Rathhaus fordern Hess, ihnen 
einen bestimmten Preis voi*schrieb imd gleichzeitig ein ziemliches 
Quantum kaufte, um es unter die ärmere Bevölkenmg vertheilen zu 
lassen. *) Einem ähnlichen Zweck diente ein Mandat vom 25. October, 
in welchem verboten wurde, durch Aufkaufen von Torf eine Preis- 
erhöhung herbeizuführen, da die Steigening dieser der Armut so 
unentbehrlichen Feuening nicht gestattet werden könne. 

Nicht minder bezeichnend für die socialpolitischen Bestrebungen 
jener Tage war ein Katli- und Bürgei-schlnss vom 12. October, der 
die Brauordnung in einigen Punkten modificirte, um einer missbräuch- 
lichen Ausnutzung der Braugerechtsanie entgegenzuwirken und zu 
verhüten, dass der ärmeren Bevölkerung schlechtes und gesundheits- 
widriges Bier dargeboten werde.^) 

Es konnte nicht andei-s sein, als dass allen diesen Massnahmen 
die Anerkennung der in Hamburg anwesenden Diplomaten zu Tlieil 
wurde. Ueberhaupt finden sich in den aus Hamburg stammenden 



^) Instruction der Annenärzte im Hauib. A. 

*) Bericht des mit der Vertretung; HA^edoms betranten dänischen Gesandt- 
schaf tssecretärs Schwartz v. 17. October 1713. (Kophg. A.) Die Mittel für 
diese Feuemng.ssspeuden waren von der Erbgesessenen Bürgerschaft am 
12. October bewilligt worden. 

^) Nach Burchards Bericht hätten einige die damals grassirenden Krankheiten 
„dem elenden Getränk'^ zugeschrieben. (Bericht Bnrchards vom 13. October.) 
Anden tnngen dieser Art finden sich in dem Gesnch der „GeTollmächt igten 
hiesiger Krüger*' an das Colleg der ISOger vom 28. Angnst 1713. (Beilage 
zu den R. u. B.-ß. vom 12. October 1713.) 



Hamburg wähi'cud der Pestjalire 1712—1714. ^J^ 

Gesandtschaftsbericliten dieser Zeit gar manche Aeusserungeii der 
Sympathie für die Stadt und ihre Behörden. Daneben wird freilich 
wiederholt der Vorwurf erhoben, dass man in Hamburg die Grosse 
des herschenden Uebels zu verheimlichen suche. Solchen Verdächti- 
gungen glaubte das Sanitätscollegiura am erfolgreichsten durch regel- 
mässige amtliche Veröffentlichungen entgegenwii'ken zu können. 

So wurde denn zuerst im Eelationscourier vom 8. September 
über die in der Woche vom 27. August bis zum 2. September erfolgten 
Sterbefälle, unter genauer Angabe der Todesui'sachen, berichtet und 
mit dem Abdruck solcher Listen bis zum Erlöschen der Epidemie 
allwöchentlich in den Freitagsnummern des genannten Blattes fort- 
gefahren. 

Obwohl hin und wieder Zweifel an der Eichtigkeit dieser 
Zahlen erhoben wurden, so ist es doch ausser Frage, dass die Zu- 
sammenstellung mit grösster Gewissenhaftigkeit erfolgte. Bereits am 
3. November war im Anschluss an das Verzeichniss der jüngst vor- 
gekommenen Todesfälle verkündigt: wer darthun könne, dass mehr Be- 
gräbnisse, als angfegeben, stattgefunden hätten, solle für jeden einzelnen 
Fall eine Belohnung von 10 Keichsthalern ausbezahlt erhalten.*) 
Vier Wochen später wurde eben dieser P^rklärung eine ausdrückliche 
Beschwerde daiüber hinzugefügt, dass gewissenlose Buben sich nicht 
scheuten, die Eichtigkeit der amtlichen Sterbelisten auswärts zu 
verdächtigen, weshalb eine Belohnung von 100 Eeichsthalern dem- 
jenigen zukommen solle, der einen oder den andern von solchen 
Erzcalnmnianten zu entdecken und seiner Bosheit zu überführen wisse. 

* 

Nach den ei'wähnten ^Verzeichnissen wären in der Zeit vom 
27. August 1713 bis zum 10. März 1714 gegen 2900 Menschen an 
verdächtigen Krankheiten, d. i. an der Pest, gestorben. Doch sind 
wahrscheinlich noch zahlreiche andere Todesfälle, namentlich viele von 
den 1200 und etlichen, bei denen hitzige Fieber als Ursache angegeben 
w^aren, mit der vorhersehenden Seuche in Zusammenhang zu bringen. 
Jedenfalls dürfen wir auf Grund des gesammten vorliegenden 
statistischen Materials annehmen, dass Hambui-g während der 



') In derselben Notification findet sieb die Mittbeilung:, „dass, weil der Hani- 
burgerberg von der Stadt durch die Köuigl. dänische Postirung gänzlicli 
abgesclilossen sei, und mau also von den dortigen Todteu keine eigentliche 
Nachricht einziehen könne'', diese fortan nicht mitaufgeführt werden sollten. 
Die vorausgegangenen Verzeichnisse hatten meist (aus dem angegebenen 
Grund nicht sicher verbürgte) Zahlenangaben über die wöchentlichen Sterbe- 
fiille auf dem Hamburgerberg gebracht, die zwischen 9 und 20 schwankten. 



70 Hamburg während der Pestjahrc 1712—171-1. 

Jahre 1712—1714 zufolge der Epidemie und des durch die kriege- 
rischen Zeitläufe im allgemeinen verschlechterten Gesundheitszustandes 
9—10000 Menschenleben eingebüsst hat.*) 

Ihren Höhepunkt eneichte die Sterblichkeit in Hamburg in 
der letzten Septemberwoche, in der nach dem ofSciellen Verzeichnisse 
im ganzen 744 Menschen, an „verdächtigen Krankheiten" 327, au 
Fleckflebern 15, an hitzigen Fiebern 75 gestorben sind.*) Vier 
Wochen später finden sich jedoch nur 449 Todesfälle verzeichnet, 
von denen 179 auf verdächtige Krankheiten und 9G auf hitzige Fieber 
zuiückgeführt wui'den. 

In den folgenden Wochen sank die Zahl der Todten noch 
erheblich mehr, und am 7. November meldete der preussische Resident 
Burchard, die Krankheit habe an Heftigkeit derartig nachgelassen, 
„dass man es bei den ineisten fast keine Pest mehr nemien könne." 

Obwohl somit die Epidemie nur etwa ein Vierteljahr lang zu 
schwereren Besorgnissen Anlass gab, so dauerten doch die Spernnass- 
regeln der auswärtigen Staaten sehr viel länger fort. 

Hamburg selbst hatte sich, wie wir gesehen, solange es 
pestfrei war, gegen inficirte Plätze abzuscliliessen gesucht ; es konnte 
daher nicht befremdlich erscheinen, dass die Nachbani der Stadt, wie 
überhaupt die mit ihr in Handelsverkehr stehenden Staaten ihrerseits 
Vorsichtsmassregeln ergriffen, um sich vor der Gefahr der Ansteckung 
zu schützen. Doch wurde das unveimeidliche Leid für Hamburg 
noch durch eine Reihe besonderer Umstände erhöht. 

Am härtesten wurde die Stadt durch das Vorgehen Dänemarks 
betroffen. Um jedoch das dänische Verfahren gegen Hambuig richtig 
zu beurtheilen, muss man im Auge behalten, dass Dänemark und 
Schleswig-Holstein ja erst einige Zeit vorher äusserst schwer von 

') Nach dem Diarium Hamburgeuse, das die Verzeichnisse der Begräbnisse von 
1702—1714 enthält, trugen sich in den pestfreien Jahren 1702—1711 durch- 
schnittlich ungefähr 3000 TodesfäUe zu, 1712—1714 zusammen IS 72S 
(1712 : 4126, 1713 : 10 801, 1714 : 3801) Vgl. auch M. Necfe, Aeltere Nach- 
richten über Hamburgs Bevölkerungswechsel in der Statistik des Hamb. 
Staats, Heft VIEI. S. 6G, — Besitzen wir somit eine — wenn auch, vom 
modcnieu Standpunkt beurtheilt, unzureichende — Statistik der Todesfälle 
jener Zeit, so fehlt es dagegen vollständig an einer Statistik der Erkrankungen. 
Nur vereinzelte einschlägige Zahlenangaben sind uns überliefert. Die wich- 
tigsten sind die, welche sich in einem Actenstück des Sanitätscollegiums vom 
17. October 1713 finden. Danach waren damals in den Lazarethen 725, in 
den Quarantainehäusern 167 Personen. Wir ersehen aus dem gleichen Document, 
dass für die Verpflegung der Ersteren 3 JC per Woche, für die der Letzteren 
2 J/i angesetzt waren. Hamb. A. 

') Hamburger Relations-Courier vom 6. October 1713. 



Hamburg während der Pestjaliro 1712—1714. 71 

der Pest heimgesucht waren, und dass man sich dort daher mit 
vollem Grund verpflichtet glaubte, alles daran zu setzen, um ein 
neues Aufflackern des Uebels zu verhüten. Hatte es nun die dänische 
Regiening für recht und billig gehalten, eine Eeihe der ihr unmittel- 
bar untergebenen Städte, sobald die Seuche in ihnen ausgebrochen, 
durch Truppenaufstellungen von dem übrigen Lande abzusperren,*) 
so konnte es nicht auffällig erscheinen, dass sie mit Hamburg nicht 
glimpflicher verfuhr. Der jener Zeit hervorgetretene Argwohn, dass 
Dänemark bei seinem damaligen Vorgeben gegen Hamburg noch 
andere als sanitäre Zwecke verfolgt habe, ist aller Wahrscheinlichkeit 
nach völlig grundlos gewesen. Immerhin erscheint es sehr erklärlich, 
dass dieser Argwohn entstand, nicht nur wegen des fortdauernd ge- 
spannten Verhältnisses zwischen der Stadt und der dänischen Krone, 
sondern namentlich auch weil die sanitären Schutzvorkehrungen in 
einer Weise in Scene gesetzt wurden, als ob es sich um einen feind- 
lichen Uebeifall handelte. 

Ein vom 17. August datirtes I^oject des dänischen Generals 
Schölten enthielt den Voi-schlag, Hamburg von der Elbe bis an die 
x\lster und von dieser bis an die Bille einzuschliessen.^) Hierzu ertheilte 
der König am 20. seine Zustimmung und befahl zugleich, dass General- 
Major Ingenhaven das Commando bei der Postirung führen sollte. 
Die erste Durchführung der Sperrmassregeln behielt jedoch Schölten 
in seiner Hand. Ihm erschien es nothwendig, die zur Abschliessung 
Hamburgs bestimmten Truppen zum guten Theil auf hamburgischeni 
Gebiet imd zwar in ziemlicher Nähe der hamburgischen Befestigung 
aufzustellen. Von dem Teirain der heutigen Vorstadt St. Pauli war 
damals fast nur der an Altona grenzende Strich bebaut, sodass es 
sein* viel leichter war, den. sogenannten Hamburgerberg von Hamburg 
als von Altona abzusperren. Dass ersteres geschehe, hielt Schölten 
für unbedingt geboten, um Altona vor erneuter Infection zu behüten. 
Dass ferner am linken Alstenifer Hamm und Hörn von der Stadt 
abgeschlossen wiU'den, erachtete er für zweckmässig, weil es sonst 



') Ueber die Absperrung von Helsingör und Kopenhagen vgl. Mansa, die 
enropäische Pest am Anfang des XVIII. Jahrhunderts in Dänemark, in der 
Ztschr. Janus, 3. Band (Breslau 1S4S) S. 119 f., über die Absperrung 
holsteinischer Städte Mahr, Histor. Ueberblick über die Pest in Schleswig- 
Holstein im J. 1711, im Deutschen Archiv f. Gesch. der Medicin, 2. Band S. 265, 
und speciell bezüglich Glückstadts Detlefsen, Gesch. der holsteinischen Eib- 
marschen, 2. Band, S. 281 f. 

^ Dieses und das Folgende nach der Correspondenz des General von Schölten 
im Kophg. A. 



72 Hamburg während der Pestjahre 1712 -1714. 

schwierig sei, ein Hinansschleichen durch die dortigen Gärten zn 
verhindern. Um allen Reclamationen des Hamburger Senats vorzu- 
beugen, bezeichnete er es femer flir rathsam, diesen erst zu 
benachrichtigen, wenn die Trappen vor den Thoren von Hamburg 
ständen. Der Senat musste allerdings darauf gefasst sein, dass 
Dänemark so gut wie Hannover und Preussen seinen Cordon zum 
Schutz gegen die Seuche ziehen werde; von den beschlossenen Mass- 
nahmen aber erfuhr er um so weniger, als die dänische Begierang 
es für gut befand, auch ihren Residenten Hagedom darüber im Unklaren 
zu lassen. Andemfalls würde dieser wahrscheinlich gegen eine so 
enge Einschliessung der Stadt Voretellungen gemacht haben. *) Ihm, 
wie dem Hamburger Eath, wurde das Vorhaben erst mitgetheilt, als 
die Ausführung bereits im Werke war. 

In der Mittagsstunde des 26. August stellte sich beim 
Bürgermeister von Bostel ein dänischer Oberst ein, um zu veranlassen, 
dass der Rath ein Paar Deputirte zu dem auf der Mühle in Eppen- 
dorf vei-weilenden dänischen General entsenden möge. *) Man beeilte 
sich, der Weisung Folge zu leisten, vermuthlich in der Hoffnung, ein 
etwa bevorstehendes Unheil abzuwenden oder doch mildem zu können. 
Doch schon unterwegs stiessen die Rathsdeputirten auf dänische 
Soldaten. In Eppendorf aber, wo sie den General Schölten nebst, 
seinen Offizieren und den ebenfalls dorthin entbotenen Hagedorn bei 
der Mittagstafel trafen, wurde ihnen zuerst gesprächsweise und dann 
in fonnellerer Weise mitgetheilt, dass der König es für nöthig ge- 
funden, eine Trappenaufstellung vom Hamburgerberg über Eimsbttttel 
und Eppendorf und am linken Alsterufer über Wandsbeck nach dem 
Hammer Baum ins Werk zu richten, ferner die Eibinseln Peute, 



*) Der sächsische Agent Lehmann meldet aUerdings bereits in seinem Bericht 
vom 19. August 1713, der dänische Gesandte habe die Schliessung sowohl 
der Elbe, wie des Holsteinischen für den Anfang der nächstfolgenden Woche 
in Aussicht gestellt. (Dresd. A.) Dass jedoch die Einzelheiten der 
beabsichtigten Massnahmen nicht mit Hagedom vereinbart worden waren, 
ergibt sich n. a. aus dem Bericht des Letzteren vom 29. August Es heisst 
darin: er habe (am 36.) ungern vernommen, dass die Postimng bis an den 
Hammer Baum fast gleich an das Nene Werk gehen und alle hambnrgischen 
Gärten, worauf die Besitzer derselben sich zu erfrischen und ihrer Gesundheit 
wahrzunehmen pflegen, von der Stadt abgeschnitten werden sollten, weil 
daraus em grosses Geschrei noth wendig entstehen dürfte. (Kophg. A.) 

^ Nach den Anlagen zu R. u. B,-B. vom 31. August, dem Berichte Hagedoms 
nnd Burchards vom 29. August und dem Schreiben des Hamb. Ratlis an den 
König von Preussen. Das Folgende meist nach verschiedenen Gesandtschafts- 
berichten und den ihnen beigefügten Urkunden. 



Hamburg währeud der Pestjahre 1712—1714. 73 

Vecldel und Grevenhof zu besetzen und überdies die Elbe mit Fregatten 
zu belegen. Der Eatli möge die Einwohner warnen, sich der Postiiiing 
zu nähern, da auf jeden geschossen werde, der sich mit Gewalt oder 
heimlich aus der Stadt zu entfernen suche. Der dänische General 
fügte dann noch einige beruhigende Erklärungen hinzu. Er betheuerte, 
die Postirung solle nui' zur Sicherheit des dänischen Gebiets, nicht 
aber Hamburg zur Ombrage gereichen, auch würden Einrichtungen 
getroffen werden, um Hamburg mit Lebensmitteln aus dem Holsteini- 
schen zu versehen. 

Trotzdem ei'weckte das Vorgehen der Dänen gegen Hambui-g 
die grösste Bestürzung und die lebhaftesten Besorgnisse. Während 
einiger Tage war die Stadt auf der Noi'd- und Westseite absolut 
gespent, nicht nur dass man niemand herausliess, es wurde zunächst 
auch niemand hereingelassen, auch Hambui'ger Einwohner nicht, 
die sich auf ihren Gärten aufgehalten hatten, selbst ahnungslose 
Kirchgänger fonden sich plötzlich auf ihren Wegen gehemmt. 
Nachdem die l*08tiiiing vollständig organisiit worden, ward der 
Eintritt in die Stadt allerdings nicht mehr behindert. Dennoch 
erschien die Nähe der dänischen Truppen als eine stete Gefahr. 
Befand sich dodi eine Abtiieilung von ihnen auf der Contrescaipe 
des Neuen Werks, d. h. unmittelbar unter den Kanonen der Stadt. 
Dazu kam, dass die Dänen alsbald, der Ankündigung ihres 
Generals gemäss, ihie militärische Machteutfaltung auch auf die Elbe 
und die holsteinisclien Eibinseln südlich von Hamburg erstreckten. 
Trotz aller beschwichtigenden Erkläiiingen von Schölten und Hagedorn 
bestand daher die Besorgniss fort, dass die Dänen etwas gegen 
Hamburg im Schilde führten und vielleiclit gar die ausserordentlichen 
Umstände benutzen wollten, um sich der Stadt zu bemächtigen oder 
von ihr die Erbhuldigung zu erzwingen. Wie immer, wenn deraitige 
Befürchtungen auftauchten, wurden Vorstellungen an alle diejenigen 
Regierungen gerichtet, von denen man vermuthen durfte, dass sie 
auf Hamburgs Geschicke Einfluss zu üben geneigt und im Stande 
seien. Auch bei dieser Gelegenheit bekundeten namentlich die Höfe 
von Berlin, Hannover und Wolfenbüttel ilu-e Theilnahme für Hamburg. 
Dass die dänischen Trappen, gegen deren Aufstellung zur Isolimng 
Hamburgs man an sich nichts einwenden konnte, statt durchweg au 
der nahen holsteinischen Grenze, zumeist auf hamburgischem Gebiet 
Posto gefasst hatten, erschien den Eegierungen, die es stets für ihre 
Pflicht erachtet, sich Hamburgs gegen Dänemark anzunehmen, ebenso 
ungerechtfertigt, wie bedrohlich. Insbesondere trat jetzt wieder 
Preussen hervor. Bereits am 1. September hatte der Minister 

G 



74 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Ilgeii^ dem König in nachdrücklicher Weise zu Gemütlie geführt, wie 
sehr es dem preussischen Interesse unter den obwaltenden Umständen 
entspreche, für Hamburg einzutreten, und wie bedenklich und unzuträg- 
lich es für Preussen wäre, wenn Dänemark seine Machtstelhing an der 
unteren Elbe noch weiter verstärken würde. Friedrich Wilhelm 
stimmte seinem Minister zu und billigte die von diesem vorge- 
schlagenen diplomatischen Schritte.*) In Folge dessen wurden 
bereits am 2. September eine Reihe von Schriftstücken zu Gunsten 
Hamburgs ausgefertigt: Briefe des preussischen Königs an den 
König von Dänemark, sowie an den Kurfürsten von Hannover 
und den Herzog von Braunschweig, femer Erlasse an Bm'chaixl und 
an die preussischen Gesandten in Wien, London und im Haag und 
endlich ein königliches Schreiben an den Hamburger Senat.*) In 
dem letzterwähnten Schriftstück gab der König seine besondere Theil- 
nähme an dem Geschick, das Hambui'g betroffen hatte, zu erkennen. 
Wenn er selbst auch Schutzmassregeln wegen der in Hamburg her- 
seilenden Epidemie habe ergreifen müssen, so sei dies doch in einer 
Weise geschehen, aus der genugsam ersichtlich, dass er der Stadt 
wehe zu thun, ihr Unglück zu mehren nicht gewillt sei. Für den 
Nothfall sicherte er der Stadt seinen Schutz zu, docli deutete er zu- 
gleich an, wie erwünscht es sei, dass der Rath selbst es nicht an Vor- 
sicht Dänemark gegenüber fehlen lasse. 

Wahi'scheinlich zufolge dieser Mahnung, die noch durch 
mündliche Vorstellungen Burchards verstärkt ward, richtete der Senat 
an die Bürgerschaft den Antrag, die Garnison zeitweilig um 1000 Manu 
zu verstärken, damit die Stadt vor einer Ueberrumpeluug gesichert 
sei. Ein solches Ansinnen würde die Bürgerschaft unter anderen 
Umständen wahrscheinlich im Hinblick auf die Kosten und aus Furcht, 
dass durch solche Vermehrung des Militärstandes der bürgerlichen 
Freiheit eine Gefahr erwaclisen könne, zurückgewiesen haben. F^s 
zeugt daher ftir die Lebhaftigkeit der Besorgnisse, die man damals 
vor Dänemark hegte, dass die Bürgerschaft sich mit dem Senats- 
antrag sofort einverstanden erklärte. Die Bewilligung galt freilich 
zunächst nur für drei Monate, doch wurde sie nach Ablauf dieses 



auf Grund eines Berichts von Burchard vom 28. August, der am selbigen 

Tage auch schon eine VorsteUung an Ilagcdum gerichtet hatte. 
') Verschiedenen der von llgen zu Gunsten Hamburgs gemacliten Vorschläge 

fügte Friedrich Wilhelm am Rande ein eigenhändiges „fcfer flul)t" hinzu. 
') Dieses Schreiben findet sich auch unter den Anlagen zu R und B.-R. vom 

7. September, das übrige auf die preussische Intervention bezügliche Acten* 

material im BerL A. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 75 

Zeiüaums für fernere drei Monate und schliesslich nochmals für 
zwei Monate verlängert. Man verzichtete erst auf diese Ver- 
stärkung der Garnison, als die dänischen Truppen das hamburgische 
Gebiet geräumt hatten. 

Aus der Zeit der ersten Bewilligung ist noch bemerkenswerth, 
dass damals auf Veranlassung der Bürgerschaft an den Commandanten 
der Stadt, der sich seit einigen Monaten auf seine Güter in Westfalen 
begeben hatte, geschrieben ward, wenn er sich nicht binnen 8 Tagen 
einfinde, so werde man sich „fürs künftige seiner Dienste halber be- 
danken" und einen Nachfolger wählen. Ausserdem wird berichtet, 
dass man sofort die Wachen verdoppelte und das Geschütz auf den 
Wällen verstärkte. 

Hagedorn spottete allerdings über die Ausgaben, die 
Hamburg sich aus unbegründeter Furcht auf den Hals gezogen.') 
Indessen waren sie nicht ganz so unnütz, wie der dänische 
Resident meinte. Es hatte doch seinen moralischen Werth, dass 
Hamburg auch in dieser trüben Zeit vor aller Welt zeigte, dass es 
für die Erhaltung seiner Unabhängigkeit Opfer zu bringen bereit 
war. Ueberdies wurde duich die Anwerbung von 1000 Soldaten 
zugleich ebensoviel erwerblosen Bewohnern Hamburgs ein anständiger 
Unterhalt gesichert und somit durch diese Massregel zur Abwehr 
auswärtiger Feinde nicht unerheblich zur Milderung des socialen 
Elends im Innern der Stadt beigetragen. Es ist bezeichnend genug, 
dass sich nach dem Bath- und Büigerschluss vom 7. September inner- 
halb eines halben Tages hinreichendes Material für die bezweckte 
Verstärkung der Hamburger Garnison zur Verfügung stellte; ja es 
heisst, es wäre nicht schwer gefallen, sofort die sechsfache Zahl 
aufzubringen.-) 

Auch die diplomatische Verwendung erwies sich der Stadt 
heilsam. Stets aufs neue war von dänischer Seite betheuert worden, 
dass bei der militärischen Aufstellung vor Hamburg nichts bezweckt 
worden sei, als die eigenen Lande vor Ansteckung zu schützen, und 
dass man nur, imi dieses Ziel desto wirksamer und mit weniger 
Truppen /.u eiTeichen,. die Postirung auf hamburgischem, statt auf 
holsteinischem Boden voigenommen habe. Diese Erklärungen hatten 
jedoch nicht genügt, das Gerede von dänischen Nebenabsichten und 
die dadurch hervorgerufenen diplomatischen Anfragen, Vorstellungen 
und Proteste zum Schweigen zu bringen. Um deswegen den fort- 



') Hagedoms Bericht vom 8. September 1713. (Kophg. A.) 
^ Burchard, den 12. September. 



0* 



7G Hauiburg wäbreud der Pestjalire 1712—1714. 

dauernden Argwohn Hamburgs und seiner Gönner wirksamer zu be- 
seitigen, entschloss sich die dänische Eegierung, die Postirung zu 
erweiteni, d. h. auf die besonders anstosserregende Truppenaufstellung 
nahe dem Neuen Werk zu verzichten und zugleich den Hamburgeni 
ihre Gärten in Hamm und Honi wieder zur Verfügung zu stellen.^) 

Dieses Zugeständniss bedeutete einen Erfolg, den die nicht 
zum wenigsten von Hagedom vertretenen politischen Erwägungen 
über den militärischen Standpunkt eines Schölten und Ingenhaven 
davontrugen. Auch hiervon abgesehen erlangte Hagedom einige 
Milderungen der Abspermngsmassregeln. Immerhin würde die Lage 
Hamburgs, wenn es allein nach dem Wunsche der Dänen gegangen 
wäre, von der einer blockirten Stadt nur wenig verschieden 
gewesen sein. 

Der Zusage Scholtens gemäss zeigte man sich allerdings 
bereit, für die Verproviantirung Hamburgs gewisse mit der sonstigen 
Abschliessung vereinbare Einrichtungen zu treffen. Seltsam genug 
war freilich der Marktverkehr, der damals von dänischer, wie 
von hannoverscher Seite zugestanden wurde. Die Hauptbedingung 
war, dass Käufer und Verkäufer in keine persönliche Berührung mit 
einander kamen, sondern sich vielmehr in einem vorgeschriebenen 
Abstand von einander hielten. Die feilgebotenen Lebensmittel 
wurden in einer neutralen Zone niedergelegt. Erst nachdem der 
A'erkäufer sich entfernt, durften sie in Empfang genommen und die 
Zahlung geleistet werden, die wiederum ei*st, nachdem der Käufer 
sich zurückgezogen, eincassirt werden konnte. Später scheint ein 
etwas vereinfachtes Verfahren in Anwendung gekommen zu sein; 
wenigstens wii'd überliefert, dass man sich zur Darbietung der 
Waaren und des Geldes langer mit Netzen und Beuteln versehener 
Stangen bedient habe. 

Auch im übrigen war der Verkehr Hambuigs mit der Aussen- 
welt aufs äussei*ste erschwert. Auf hannoverscher Seite war man 
wenigstens sofort auf Einrichtung von Quarantaineanstalten bedacht^. 



*) Erlass au Hagedorn, Gottoif, d. 7. September 1713. Acht Tage später berichtete 
Burchard, dass sich die dänische Postirung, die bei Hamm und Hom gestanden, 
nach dem letzten Heller zurückgezogen habe. 

^ Schon der kurfiirstl. Erlass an die Beamten von Harburg, Winsen, Moisburg, 
und NViUielmsburg vom 15. August, der die ersten AbsperrnngsmaHsregeln 
anordnete, enthielt zugleich den Befehl, auf dem Reiherstieg oder auf WiUielnis- 
burg oder an sonst geeigneter SteUe einige Häuser für Quarantainezwecke 
auszusuchen. (Berl. A.) 



Hamburg während der Pestjahrc 1712—1714. 77 

wovon die dänischen Beliorden zunächst nichts wissen wollten. Nur 
mit besonderer Eiiaubniss der dänischen Regierung wurden einzelne 
angesehene Persönlichkeiten au der holsteinischen Grenze aus Hamburg 
herausgelassen. Selbstverständlich wurde die regelmässige Post- 
beforderung von Passagieren aus Hamburg durchweg eingestellt. Briefe, 
die von Hamburg abgesandt werden sollten, mussten vor der 
Einlieferung durchräuchert und auf dem Postamt durch Essig 
gezogen werden. Gleiche Vorsichtsmassregeln wurden für die Ham- 
burger Zeitungen angeordnet.^) Auch auf die Beförderung von Geld 
und Packeten mit unverdächtigem Inhalt erstreckte sich ein Ende 
August in Berlin ausgearbeitetes Project, wie der Postverkehr 
zwischen Hamburg und den preussischen Landen während der Pest- 
zeit zu gestalten sei.*) Wie umfassend aber auch die hier vorge- 



*) Naclulem derartige Verordimnfjen der fremden Reffiernnpren, die in Hambnrg[ 
Posten besasscn, voranflgegangen , scliärfte auch der Hamburger Ratli zur 
Bembignng des auswärtigen Publicums ein: „dass ein jeder seine Briefe, 
insonderheit aber die Avisen, Stück für Stück, vor der Versiegelung, und ehe 
sie ins Postromptoir gebracht werden, wohl dunhriluchere." Vgl. Hamb. 
Relations-Courier vom G. Octbr. 1713. 

') Der Entwurf, vom J50. August 1713 datirt, findet sich im Lüb. A. Die 
wichtigeren Bestimmungen mögen hier angeführt werden: Alle diejenigen, 
die Briefe in das preussische Postamt zu Hamburg geben wollen, müssen das 
zur (Korrespondenz zu verwendende Papier wohl durchräuchern, ehe sie darauf 
schreiben. Die in Hamburg der Post übcrgebenen Briefe sind in Boitzenburg 
mit dem in der preussischen Postordnung verordnetem Räucherpulver zu 
durchräuchern und in Lenzen durch Pestessig zu ziehen (dies jedoch mit 
solcher Vorsicht, dass die Schrift keinen Schaden leidet, damit die Korrespon- 
denten sich nicht von den königlichen Posten abwenden mögen). Wenn die 
Briefe getrocknet, sollen sie in Lenzen nochmals und zuletzt bei ihrer An- 
kunft in Berlin beräuchert werden. 

Die zur Aufnahme der Briefe von und nach Hamburg bestimmten 
FeUeisen soUen aus glattem Leder gemacht und auch mit Leder, keineswegs 
aber mit Leinen gefüttert sein. Auch soUen sie in Hamburg, Boitzenburg 
und Lenzen in- und auswendig mit Pestessig besprengt und durchräuchert 
werden. 

Die Postillons, die zwischen Hamburg und Lenzen Dienste thun, haben 
sich mit Praeservativen zu versehen. 

Das von Hamburg zu entsendende Geld muss eine Viertelstunde in 
scharfer Lauge liegen und darauf in fest zugebundenen, versiegelten, mit 
Zeichen versehenen Lederbeuteln befördert werden. 

Von der Postpacketbeförderung ist eine grössere Reihe (giftfangender) 
Gegenstände gänzlich ausgeschlossen. Zuzulassen sind dagegen Seide, 
Gold, Silber, Gewürz, Droguen, Farben, Wein, Citronen u. dergl. Die be- 
treffenden Gegenstände müssen in Risten oder kleinem Fässern verpackt 



78 Hambarg während der Pestjahre 1712—1714. 

schlagenen Vorsichtsmassregeln waren, so konnte doch der Entwnif 
wegen der noch strengeren Abschliessung der Hamburg unmittelbar 
benachbarten Staaten, insbesondere Dänemarks, nicht zu vollständiger 
Ausftiluning gelangen. 

Noch erheblicheren Bedenken, als der Postbetrieb, begegnete 
damals begreiflicherweise der Waarenumsatz im Grossen. Hamburgs 
Handel und Schiffahit schienen wenigstens in der Zeit unmittelbar 
nach dem Kundbarwerden der Pest zu vollständigem Stillstand ver- 
urtheilt zu sein. Selbst die hanseatischen Schwesteretädte, Bremen, 
wo die Epidemie zwar ebenfalls, doch in schwächerem Masse grassirte, 
und Lübeck, das diesmal gänzlich verschont geblieben, sahen sich 
veranlasst, sich gegen Hamburg abzuschliessen, um nicht ihrerseits dem 
Schicksal der Abspeming anheimzufallen.') 

Ein besonders empfindlicher Stoss war es für die Stadt, dass 
die kursächsische Regierung sie am 26. August in Yennif erklärte 
und verkündete, dass von dort kommende Güter gar nicht melir, und 
Pei'sonen aus Hamburg nur dann zugelassen werden sollten, wenn 
sie ein Attest darüber brächten, dass sie an einem unverdächtigen 
Orte ausserhalb Sachsens in Quarantaine gewesen und überdies beim 
Eintritt in Sachsen ihre Reiseeftecten einer Desinfection unterworfen 
hätten.*) Da die sächsische Regierung übrigens die commerziellen 
Interessen nicht mehr als nothwendig zu beeinträchtigen wünschte, 
so bemühte sie sich, die Anschauungen der hannovei'schen Regierung, 
sowie der Leipziger Kaufmannschaft über diesen Gegenstand in 
Erfahning zu bringen. Doch traten zufolge dieses Meinungsaustausches 



werden, doch so, das» nnr weisses, feines und stark durchräuchertes Papier 
beigepackt und weder Leinen und Stroh noch Stricke oder Bindfaden in 
Anwendang gebracht werden dürfen. Um die Packete tot Begen nnd Nässe 
zn schützen, soll ein Ueberzng von gntein Wachstuch gestattet sein, 
vorausgesetzt, dass dieses znvor mit scharfem Essig befeuchtet und nnr mit 
kleinen Nägein befestigt wird. 

') Das Brem. RathsprotokoH vom 25. August 1713 enthält dos Conclusum: 
n Wegen Hamburg wäre in Conformität der vorigen . Disposition die An- 
ordnung zu Wasser und zn Lande zu machen, dass dahero nichts mag ein- 
gelassen werden." (Brem. A.) Die lübeckischen Absperrungsmassregcln 
erfolgten auf Andrängen der hannoverschen Regierung nnd traten am 
24. August zuerst in Kraft Doch war der Lübecker Bath, wie er dem 
Hamburger Ratli schrieb, „zur vorsichtigen ferneren Commnnication sehr 
geneigt." Ein Lübecker Rathsbeschlnss vom 30. August verfügte bezüglich 
Hamburgs: „Personen müssen Quarantaine halten, die Waaren, so kein Gift 
fassen, und was uneröfTnet fort soll, mag hei ein." (Lüb. A.) 

') Dies und das Folgende nach Acten des Dresd. A. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 79 

in dem Verhalten gegen Hamburg nur geringe Modiflcationen ein.^) 
Am 18. September wurde im Interesse des Messhandels zugestanden, 
dass ans Hamburg gekommene Waaren, die sich mindestens 6 Wochen 
in Leipzig befunden oder im Hannoverschen ausgepackt gelegen oder 
umgepackt worden, ohne weiteres, sonstige Waaren, die aus Hamburg 
vor der erfolgten Speirung abgegangen und die durch das sächsische 
Contagionsmandat nicht ohnehin verboten waren, nach dreitägiger 
Auswitterung unter freiem Himmel zugelassen werden dürften. Den 
Hamburger Kaufleuten, die zur Leipziger Messe wollten, aber wurden 
noch bestimmtere Bedingungen, als durch den Erlass vom 26. August, 
vorgeschrieben. Sie sollten nicht nur eine Bescheinigung darüber 
vorlegen, dass sie sich im Kurfttrstenthum Hannover der Quarantaine 
unterzogen, sondern überdies durch Atteste und persönliche Eides- 
leistung jeden Zweifel darüber beseitigen, dass sie sich unterwegs an 
keinem inficirten oder pestverdächtigen Orte aufgehalten.^) 

Es fehlt nicht an Andeutungen darüber, dass die sächsische 
Regierung nicht abgeneigt gewesen, den durch diese Verfügungen 
äusserst beschränkten hamlmrgisch- sächsischen Verkehr innerhalb 
weiterer Grenzen zu dulden, wenn es den beim haniburgischen Handel 
noch unmittelbarer betheiligten Staaten gelungen wäre, einen Modus 
zu finden, um den sanitären und commerziellen Interessen gleich- 
massig gerecht zu werden. 

An Bemühungen in dieser Richtung hat es nicht gefehlt. 
Alsbald nach der Absperrung der Stadt trjiten der preussische, der 
hannoversche, der dänische und der holländische Gesandte mit Raths- 
deputirten zn Conferenzen zusammen, um zu überlegen, in welcher 
Weise ungeachtet der Pest und der Postiningen der Handel mit 
Hamburg aufrecht erhalten werden könne. Obwohl diese Berathungen 
von keinem sehr erheblichen praktischen Nutzen gewesen sind, so ist 



^) Daj^egen wnrden die Verfügungen gegen Bremen, anf das sich die Verrufs- 
erklämng vom 2G. Angust miterstreckt liatte, „in gewissem Masse relaxirf 
Wie es scheint, hatte dies Branen namentlich der Fürsprache der hannover- 
schen Regierung zu danken, der zumal nach der Sperrung Hamburgs an dem 
Fortbestehen des Bremer Handels gelegen sein musste. Ausserdem hatte sich 
der Bremer Rath in einem Schreiben vom 7. September direct an die sächsische 
Regierung gewandt und sich darin bezüglich des sanitären Zustands der Stadt 
auf das Zeugniss des Kurfürsten von Hannover berufen, dabei auch nicht 
unterlassen geltend zn machen, dass die Stadt Hamburg noch 26 gute 
Stunden von Bremen jenseit der Elbe gelegen sei. Dresd. A. 

') Dass trotz solcher Erschwerungen einzelne hamburgische Kaufleute die 
Leipziger Herbstmesse 1713 besucht haben, bezeugt n. a. Burchards Bericht 
Tom 17. October. 



80 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

es doch von niclit geringem Interesse, sich die hierbei hervorgetretenen 
Ansichten und Bestrebungen zu vergegenwärtigen. 

Von erheblichem Einfluss auf den Gang der Verhandlungen 
war es, dass sich die Tendenz geltend machte, die Nothlage der Stadt 
Hamburg zu dauernder Förderung der beiden bisher vergeblich mit ihr 
coucurrirendeu Eibstädte auszunutzen. Die hannoversche Regierung 
war der Ansicht, dass für die Verwirklichung des seit einiger Zeit 
gehegten Projects, Harburg in einen grossen Handelsplatz zu ver- 
wandeln, nunmehr der günstige Augenblick gekommen sei. Den 
Dänen waren begreiflicherweise Bestrebungen, die darauf gerichtet 
waren, einen bedeutenden Theil des Eibhandels nach dem linken 
Eibufer zu ziehen, nicht sehr erwünscht, sie hofften vielmehr, dass 
Altona in seinem Wettbewerb mit Hamburg unter den obwaltenden 
Umständen einen Vorsprung gewinnen könne. In Preussen war 
man den hannoverschen Elbhandelsplänen noch minder günstig, als 
den dänischen. Hieraus erklärt sich, dass während der erwähnten 
Conferenzen der preussische und der dänische Gesandte dem hanno- 
verschen gegenüber hin und wieder gemeinsame Sache machten. 

Gelegentlich zog man auch in Berlin in Erwägung, ob nicht 
dem eigenen Lande aus der Speming Hamburgs der eine oder andere 
Nutzen erwachsen könne. So wurde z. B. auf die Möglichkeit hin- 
gewiesen, dass die Hemmung des hamburgischen Kornhandels Königsberg 
und Colberg zu statten komme. *) Auch wurde in einer Weisung 
an den preussischen Residenten in Amsterdam hervorgehoben, der 
preussisch-holländische Handel könne vielleicht fortan vortheilhafter 
betrieben werden, wenn mit Umgehung von Hamburg die Umladung 
an einem andern dazu bequemen Platz stattfinde und auf diese Weise 
Abgaben und sonstige Spesen gespart würden.*) Im Glossen und 
Ganzen aber herschte in Berlin die Voretellung , dass es dem 
preussischen Interesse entspreche, wenn der hamburgische Handel 
möglichst wenig geschädigt wei'de. *) 

Bereits am IG. August hatte das preussische Sanitätscollegium 
ein Project entworfen, unter welchen Bedingungen und Einschrän- 



*) Project eines Reglements, nach welchem das Commercinm zwischen den 
preussischen Landen und der Stadt Hamhnrg hei der in selbiger eingerissenen 
Pest zwar einzuschränken, jedoch auf gewisse Masse annoch beizubehalten 
sein möchte. IC. August. Beri. A. 

') Erlass an den Residenten Romswinckel in Amsterdam vom 22. August 17 13. 

3) Hinsichtlich des en^'ähnten Widerstreits zwischen den dänischen und hanno- 
verschen Wünschen äussert Burchard gelegentlich: „weil es ein hambnrgisches 
Commercium, so mttsste es weder an dänische noch an kurbrannschweigische 
Orte gezogen werden." Bericht vom 1. September. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 81 

kangeä der Handel zwischen den preusslschen Landen und Hamburg 
beizubehalten sei. ^) Dieses Actenstück diente dem Residenten Burchard 
als Anregung, seinerseits einen Entwurf zu einer allen betheiligten 
Staaten annehmbaren Vereinbarung über den Handelsbetrieb mit 
Hamburg während der Pestzeit auszuarbeiten und dem Rath vorzu- 
legen.*) Die darin enthaltenen sachlichen Vorschläge können 
hier übergangen werden ^ da sie zum Theil in einem anderen, 
genauer zu besprechenden Docüment wiederkehren. Dagegen 
mögen hier diejenigen Sätze eine Stelle finden, in denen das rein 
menschliche Mitgefühl für Hamburg und der Wunsch, dass Hambui-gs 
Handelsblüthe nicht dauernd verkümmert werde, in wohlthuender 
Weise zum Ausdruck gelangen. Nachdem Burchard darum ersucht 
hat, ihm mitzutheilen , was die Stadt an Holz, Getreide und 
andern in den königlichen Provinzen befindlichen Waaren benötliige, 
fügt er hinzu: Se. Königliche Majestät wolle, „dass der guten Stadt 
damit fordersamst an die Hand gegangf^n werde, massen Sie mit 
derselben betrübten Zeiten ein solches Mitleid trage, als wenn 
dero eigenen Piovinzen sothanes Unglück widerfahren wäre." An 
einer anderen Stelle ermahnt der Gesandte die Stadt, „den Muth 
nicht sinken zu lassen, vornehmlich aber das Commercium, soviel 
immer möglich, bei sich zu behalten und in Consideration zu ziehen, 
dass bei ihren ungemein herrlichen Anstalten durch Gottes Gnade das 
Contagium in gai- kurzer Zeit sich von selbst legen dürfte und also 
man zu bereuen hätte, wenn der mittlerweile andei^swohin transportirte 
Handel und Wandel liiernächst nicht völlig wiedeikommen sollte." 
Weiterhin versichert Burchard noch, dass er sich eine Fi-eude daraus 
machen werde, der Stadt in allem Thunlichen zu willfahren; er hoffe, 
dass das hiesige ansehnliche Commercium dadurch in Flor erhalfen 
werden könne, wozu er alles beizutragen speciell instruirt sei. 

Wenn Burchard dem Hambuiger Senat gegenüber früher und 
später häufig einen recht scharfen Ton angeschlagen hat, so ist 
davon in seinen Noten aus dieser Zeit der Bedrängniss wenig zu 
bemerken. Er gibt sich darin fast durchweg als freundschaftlichen 
Berather und Helfer. Offenbar wusste er, dass dies im Sinne seines 
Königs war, der seinen Antheil an Hamburgs schwerem Geschick 
mehrfach bekundet hatte. Zugleich schwebte ihm der Gedanke vor, 
dass Preussen durch wohlwollendes Entgegenkommen in den Zeiten 
der Noth sich in Hamburg dauernd massgebenden Einfluss, ja viel- 



Siehe S. 80, Anm. 0. 
*) Comm. A. 



82 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

leicht eine Art von Protectorat sichern könne,*) Doch kam fttr ihn 
bei dem vorliegenden Anlass wohl in erster Linie der ^irthschaft- 
liche Gesichtspunkt in Betracht, dass durch eine dauernde Schädigung 
des hamburgischen Handels auch die preussischen Verkehrsinteressen 
empfindlich geschädigt würden. 

Die Mahnung, den Muth nicht sinken zu lassen, war offenbar 
an die Adresse derjenigen Männer des Raths und der Kaufmannschaft 
gerichtet, die lieber auf allen Handel verzichten, als sich den vor- 
geschlagenen Bedingungen unterziehen wollten. 

Der Entwurf Burchards bildete, neben einer Skizze des 
Syndicus Sillem^, die Grundlage der erwähnten Verhandlungen 
zwischen den Senatsdepulirten und den in Hamburg anwesenden 
Diplomaten. Da von den Letzteren jeder einen besonderen Standpunkt 
vertrat und die Rathsdeputirten von der Gesammtheit des Raths 
abhängig waren, der sich seinerseits mit dem Colleg der Sechziger 
ins Vemehmen zu setzen und die Wünsche der Commerzdeputation 
tlumlichst zu berücksichtigen hatte, so war es um eine Verständigung 
zwischen allen in Betracht kommenden Factoren keine leichte Sache. 
Dass schliesslich doch in verhältnissmässig kurzer Zeit ein Resultat 
zu Stande kam, dürfte namentlich dem Eifer und Geschick Burchards 
beizumessen sein. Um zum Ziele zu gelangen, konnte er niclit umhin, 
dem dänischen Residenten, seinem Bundesgenossen den hannovei'sclien 



') Bei einer spät^^r zu erwähnenden Gelegenheit, da es sich nm diw Eintreten 
Prenasens für Hamburg den hannoverschen Fonlenmgen gegenüber handelte, 
schrieb ßnrohard: „ich hoffe, dass dadurch diejenige Affection und Liebe, so 
bishero der Magistrat und die Stadt gegen Se. Kurfürstl. Dnrchl. zu Braun- 
schweig jederzeit blicken lassen, auf Ew. Königl. Majestät redundiren und 
vielleicht sich Gelegenheit ereignen wünle, den Weg zu einer Specie 
advocatiae annatae, wie hiebe vor Braunschweig-Zelle selbige gehabt, zu 
bahnen/ (Bericht vom II. October 1713.) Aehuiiche Ideen beschäftigten 
Burchard schon vorher. 

^ Das von diesem ausgearbeitete „Project über den Handel Hamburgs mit 
Brandenburg und Lüneburg während der Pestzcit^ findet sich nebst den 
Aendernngsvorschlägen der Commerzdepntation (vom 2'X August) unter den 
Acten der Letzteren. Das Charakteristische der von Sillem vorgeschlagenen 
Bestimmungen ist, dass nach ihnen die sanitäre Controlle den Hambnrgeni 
selbst überlassen werden sollte. Nach Artikel I seines Entwurfs soHten 
„Leute von Condition, wie im gleichen wohlbekannte Kauflente und derselben 
Handelsdiener" passiren können, wenn sie auf der ühlenhorst einige wenige 
Tage QuarantAine gehalten und dariiber ein Attest beigebracht hätten. Die 
Beförderung von Waaren aus und nach Hamburg sollte theils bei Bergedorf, 
theils beim Bunten Hanse unter den erforderlichen Vorsieh tsmansregelu 
stattfinden. 



Hamburg während der Pestjabre 1712—1714. 83 

Ansprüchen gegenüber, einen gewissen Einfluss auf das Werk ein- 
zuräumen. Auch dem holländischen Residenten durfte man einzelne 
Zugeständnisse nicht versagen. 

So kam denn am 1. September das Project einer Verein- 
barung über den Betrieb des haniburgischen Handels (sowie auch 
über Quarantaine- und Yerproviantirungseinrichtungen) während der 
Pestzeit in 12 Artikeln zu Stande^). Der Inhalt war im wesentlichen 
folgender: 

Art L Kaufleute und Handlungsdiener, die auf die Messe 
zu reisen wünschen, können unter folgenden Bedingungen zugelassen 
werden : 

1) sie dürfen nichts als Geld und die nothwendigste Wäsche bei 
sich fuhren, 

2) sie müssen mit beeidigten Attesten vom Eath versehen sein, 
in denen ihnen bezeugt wiid, dass sie aus einem gesunden 
Hause kommen, in dem innerhalb der letzten 6 Wochen niemand 
an einer hitzigen ansteckenden Krankheit unpässlich gewesen 
oder gar gestorben sei, 

3) sie müssen sich in Bergedoif oder am Zollenspieker einer 
6— Stägigen Quarantaine unterziehen und dari\ber ein Attest von 
dem Amtsverwalter in Bergedorf oder von dem Zöllner beim 
Zollenspieker vorweisen (welche beide Beamten mit in der Stadt 
Lübeck Eid und Pflicht stehen „und jetzo von Ltibeck, als dem 
Directorio, hauptsächlich dependiren"). 

NB. Die Hamburger Wachmannschaften in Bergedoif und 
b(»im Zollenspieker dürfen bis auf weiteres nicht abgelöst werden, 
die etwa nöthige Verstärkung soll nicht aus Hamburg, sondern 
aus Lübeck beschaflt werden. Die an beiden Orten befindlichen 
Wachen sollen angewiesen werden, aus Hamburg nur solche 
Personen zuzulassen, die sich zur Quarantaine melden und mit 
den vorgeschriebenen Pässen versehen sind. 

Art. II. Waaren, die nicht in den von den einzelnen Staaten ver- 
öfl'entlichten Pestedicten verboten sind, können aus Hamburg- zugelassen 
werden, wenn der Rath durch eidliches Attest bezeugt, dass sie aus 
einem seit 6 Wochen „reinen" (d. h. nicht inficirten) Hause stammen 
und daselbst von „reinen" und gesunden Leuten hantirt und, falls eine 
Emballage nöthig, in vorgeschriebener Weise (d. h. ausschliesslich 



*) Den Protokollen der Rath- und Bürgerschaftssitzungen, wie der Commerz- 
depntation nnd verschiedenen Gesandtschaft^ berichten ans dieser Zeit als 
Anlage beigefügt 



84 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

unter Anwendung von russischen Matten, bereitetem Leder, Wachstuch 
und getheerten Stricken) gepackt sind. 

Alle in den Packen befindlichen Güter müssen eidlich speci- 
flcirt und mit Eathszeichen versehen sein. Auch sollen die Güter 
aus Hamburg von hamburgischen Fuhrleuten oder Schiffern nach 
Bergedorf gefülirt, dort auf offenem Felde mitsammt den Frachtbriefen 
im Angesicht der dort befindlichen Wache niedergelegt und, nachdem 
die Hamburger Fuhrleute oder Schiffer sich auf eine gewisse Distanz 
zurückgezogen, von unverdächtigen Fuhrleuten wieder aufgeladen 
werden. Doch soll die Weiterbeförderung erst erfolgen, sobald das 
Bergedorfer Amt ein Attest darüber ertheilt hat, dass alle vor- 
geschriebenen Vorsichtsmassregeln beobachtet worden. 

Art. in. Auf entsprechende Weise können die Güter, die 
aus dem Reich kommen, von den Hamburger Fuhrleuten oder Schiffern 
vor Bergedoif wieder abgeholt werden. 

Art. IV. Die nöthigen Lebensmittel sollen der Stadt alle 
Tage auf drei vei^chiedenen Marktplätzen zugeführt werden, 

1) auf dem Grasbrook diejenigen Lebensmittel, welche die Elbe 
herab oder herauf kommen, 

2) beim Hamburgerberg die Lebensmittel, die aus dem Lande 
zwischen Niederelbe und Alster oder sonst die Elbe herauf- 
kommen, und 

3) zwischen Wandsbeck und dem Lübschen Baum die Lebensmittel, 
die aus der Gegend zwischen der Alster und der Oberelbe 
kommen. 

Alle diese Plätze sollen dercartig aptirt werden, dass Käufer 
und Verkäufer siuf eine zulängliche Entfernung von einander getrennt 
bleiben und keine gefSlbrliche Commuuication mit einander haben 
können. 

Art. V. Als Quarantaineplätze sind vom dänischen Gesandten 
die Droge, Stelling, Wandsbeck und Schiffbeck vorgeschlagen worden, 
und zwar der erstgenannte Ort für diejenigen, die nach dem Stift 
Bremen, der zweite für die, welche nach Holstein zwischen Niederelbe 
und Alster, und endlich der dritte und vierte Ort für die, welche 
nach Holstein zwischen Alster und Oberelbe, sowie nach Meklenburg 
und Lübeck zu reisen wünschen. Der hannoverache Gesandte h<at, 
abgesehen vom Zollenspieker, Hoopte, Wilhelmsburg und den Reiher- 
stieg zur Quarantaine proponirt. 

Art. VL Die mit Waaren die Oberelbe herunterkommenden 
Schiffer sollen zu grösserer Sicherheit beim Bunten Hause ilireu Weg nicht 



Hamburg währcud der Pestjahre 171 "2— 1714. 85 

diesseits, sondern jenseits, d. Ii. durch die Suderelbe und den Reiher- 
stieg nehmen. Sie müssen sich von dem daselbst zu bestellenden han- 
noverschen CJontrolleur ein Attest darüber ertheilen lassen, dass sie 
dort vorüber gefahren, und alsdann unterhalb Hamburg unweit Altona 
bei dem zwar auf dem Gebiet der Stadt Hambm-g gelegenen, jedoch von 
dieser und ihren Thranbrennereien durch Palisaden und die jetzige 
königlich dänische Postining getrennten sogenannten Packersraum 
landen. Dort sollen die Waaren diu'ch fremde Schiffersknechte oder 
andere unverdächtige Leute gelöscht und nach Verlangen derjenigen, 
an welche sie adressii-t sind, entweder in den genannten Packersraum 
oder bei der Postining ans Land gebracht oder in ein von den 
oberländischen Schiffern mitgebrachtes Fajirzeug in einer gewissen 
Entfernung diesseits der Postining niedergelegt werden. 

Die Postining, sowie die eigens dazu bestellten, von den 
Gesandten sämmtlicher beim Eibhandel interessirteu Mächte beeidigten 
(nicht aber in der Stadt Eid genommenen) Controlleure^) haben Acht 
zu geben, dass bei dieser Ausladung keinerlei Communication mit 
Hamburgern stattfinde. Eret, wenn die fremden Scliiffer sich ziuück- 
gezogen, dürfen die Hamburger die niedergelegten Waaren zu Lande 
oder zu Wasser je nach dem Wunsche der Eigenthümer abholen. 

Art. YIL Bei der Wiederbefrachtung der oberländischen Schifte 
ist zu unterscheiden, ob die Güter ans der See oder aus Hamburg ge- 
kommen. Hinsichtlich der ans See in den Packei*sraum gebrachten 
Waaren wird niu' ein Attest des Controlleurs darüber verlangt, dass 
sie durch fremde Schifler oder andere gesunde innerhalb der Postirung 
befindliche Leute eingeladen worden. Bei den aus Hamburg 
kommenden, durch die Pestedicte nicht verbotenen Waaren ist zu- 
nächst darauf zu achten, dass sie mit gar keiner oder der im 
Artikel II vorgeschriebenen Emballage, sowie mit den erforderliehen 
Pässen versehen sind. Hat es hiermit seine Richtigkeit, so dürfen 
die Hamburger ihre A\ aaren den oberländischen Schiftern zu Wasser 
bis auf eine gewisse Distiinz oder zu Lande bis auf 40 Schritt von 
der Postirung entgegenbringen. Sobald die Hamburger sich zurück- 
gezogen, dürfen die oberländischen Schiffer die Waaren abholen und 
sie in ihre innerhalb der Postining liegenden Schiffe laden. 

Art. VIII. Die oberländischen Schifter haben sich vor ihrer 
Rückfahrt von dem erwähnten CoutroUeiir ein von diesem unter- 



*) In der Folge ist immer nur von einem Controllcur die Rode, Audi sonst 
erkennt man an rerschiedenen Stellen, dass bei der Redaction der Artikel 
etwas eilfertig verfahren ist. 



86 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

schiiebeiies und niit dem ihm anvertrauten Siegel des bamburgischen 
SanitätscoUegiums bekräftigtes (unentgeltlich zu ertheilendes) Attest 
ausstellen zu lassen, in welchem bestätigt wird, dass alle vorge- 
schriebenen Vorsichtsmassregeln bei der Ab- und Einladung richtig 
beobachtet worden. Ihren Rückweg müssen sie ebenfalls durch die 
Süderelbe nehmen und ihre Pässe am Reiherstieg und wo es sonst 
üblich unterschreiben lassen. Wenn sie diesen Vorschriften insge- 
sammt Genüge geleistet, brauchen sie sich an ihrem Bestimmungsorte 
keiner Quarantaine zu unterziehen. 

Art. IX. Wenn grosse Schiffe mit Ladung aus der See auf 
die Elbe kommen und wegen der Untiefen nicht aufsegeln können, 
sondern linten setzen müssen, sollen sie dort so lange Uegeu 
bleiben, bis die fremden Güter und die hamburgischen Effecten, die 
zur Weiterbeförderung bestimmt sind, durch dänische und andere 
gesunde Schiffer oder Ewerfübrer, die in sechs Wochen an keinem 
inficirten Ort gewesen sind, gelöscht worden. Erst wenn alle fremden 
und besonders die den Altonaern und anderen dänischen Unterthaneu 
gehörigen Güter ausgeladen sind, dürfen die Schiffe ungehindert 
heraufsegeln und in den Baum kommen. 

Die hamburgischen Schmacken- und Ewei-führer, denen als- 
dann die Löschung der für die Stadt bestimmten Waaren obliegt, 
sollen weder an dem einen, noch an dem anderen Ufer innerhalb 
der Postirung zugelassen werden. 

Durch ein besonderes Placat soll allen Schiffeni kundgemacht 
werden, dass bei Leibes- und Lebensstrafe sicli keiner gelüsten lasse, 
(auf der Fahrt von Hamburg) an einem der beiden Eibufer oder an 
der dänischen Seeküste anzulegen, oder gar Personen und Güter ans 
Land zu setzen, wenn nicht zuvor eine 4Utägige Quarantaine ge- 
halten worden. 

Den Schluss des Artikels bildet das Angebot des dänischen 
Gesandten, dass den hambiirgischen Kaufleuten, wenn sie es unter 
den gegenwärtigen Verhältnissen wünschten, in Altona bequeme Pack- 
räume als Niederlage der von ihnen zu' spedirendeu Güter für einen 
billigen Preis angewiesen werden sollten. 

Art. X. Wenn die Hamburger ihnen gehörige Schiffe nach 
Portugal, Spanien, Frankreich, England, Italien u. s. w. befrachten, 
so können die Güter von den Hamburger Eweiführeni an Bord gebracht 
werden, doch nur unter der Bedingung, dass diese au keinem der 
beiden Ufer ans Land gehen und sich von der freien Elbe wieder 
in die Stadt zurückbegeben. 



Hamburg während der Festjakre 1712—1714. 87 

Art. XI. Holzwaareu, die in „reinen" holländischen Schiffen 
ausserhalb der Stadt geladen werden^ sollen unbehindert in See gehen 
können, wenn der Schiffer und 2—3 seiner Schiffsknechte vor dem ge- 
nannten ControUeur, der sich stets innerhalb der dänischen Postirung 
aufliält, eidlich versprochen haben, nicht nach Hamburg zu kommen und, 
sobald die Ladung gesclieheu, ungesäumt heimzukehren, ohne dabei 
an einem der beiden Eibufer ans Land zu treten. 

Art. Xn. Femer ist auf Andrängen des holländischen Gesandten 
verabredet, dass zu grösserer Erleichterung des Handels die aus der 
See vor Altona kommenden holländischen Schmacken, die daselbst 
etwas ausladen müssen, bei „löschbarem" Wetter dort nicht länger als 
24 Stunden aufgehalten werden sollen. 

Es ist ersichtlich, dass in diesem Entwurf keineswegs alle 
in Betracht kommenden Punkte geregelt worden. Insbesondere blieb 
jedem der betheiligten Staaten anheimgegeben, welche Waaren er 
aus Hamburg zulassen wolle. Auch abgesehen von solchen Mängeln 
war das Project nicht dazu angethan, in Hamburg grosse Befriedi- 
gung hervorzurufen.*) Unzweifelhaft hatte ihm der Kath nur unter 
dem Druck der Zeitverhältnisse zugestimmt. Immerhin wäre durch 
eine schleunige und gleichniässige Diuxhfühiiing des Abkommens die 
Lage Hamburgs erheblich gebessert worden. lnd(jssen vergingen 
mehrere Wochen, bis sich sämmtliche betheiligte Kegierungen über 
den Entwurf äusserten, und es fehlte viel, dass sie ihn unbedingt 
gebilligt hätten. 

Verhältnissmässig günstig fiel der Bescheid aus, den Burchard 
nach längerem Hairen und wiederholtem Drängen von seiner Begieiiing 
erhielt.^) Diese erkläile sich mit dem I^oject im wesentlichen ein- 
vei-standen. Allerdings wurden die im ei^sten Artikel enthaltenen 
Bedingungen für den Eintritt in das preussische Gebiet noch durch 
einige Zusätze verschärft. Die Passagiere sollten ausser der bereits vor- 
gesehenen Quarautaine in Bergedorf oder beim ZoUeuspieker vor Ueber- 
sclireitung der preussischen Grenze noch eine viertägige Quarautaine 
halten, während dieser ihre Kleidungsstücke und Wäsche lüften und 
stark durchräuchern, das Geld, das sie bei sich führten, in scharfer 
Lauge sieden lassen und überdies durch persönliche Eidesleistung 



') Die Comnierzdepatation füj«:te dem ihr am -1. September mit^etheilteii Project 
eiue grosse Auzahl monita hinzu nud bezeiclinete das Ganze als „dem commer- 
cirendeu Kaufmann in vielen Punkten sehr schädlich und prüjudicirlich." 

^ Die königliche Resolution ist vom IG. September, die Zustellung an den 
Hamburger Rath durch Burchard vom 22. September datirt. 



88 Hamburg während der Pestjahrc IT 12— 17 U. 

bekräftigen, was scliou in ihrem vorgewiesenen Attest besagt war 
(dass sie nämlich sechs Wochen vor ihrer Abreise aus Hamburg dort 
in keinem inficirten oder pestverdächtigen Hause gewesen), femer, 
dass sie sich selbst frisch und gesund befunden, und dass sie ausser 
den von ihnen angegebenen Sachen nicht das Geringste bei sich 
luhrten oder verborgen hätten. 

In den Bemerkungen zu mehreren anderen Artikeln wurde 
bezüglich der zuzulassenden Waaren und ihrer Verpackung auf die 
von dem preussischen SanitätscoUegium stammende Beilage hingewiesen. 
In dieser Letzteren wurden drei Gattungen von Waaren unterscliieden: 
solche, die als durchaus giftfangend anzusehen und daher gar nicht 
einzuführen seien*), solche, die mit besonderen Vorsichtsmassregeln 
(d. h. nachdem sie gelüft;et, geräuchert oder mit Essig abgewaschen) 
zugelassen werden könnten*), und endlich solche, deren Einfuhr bei 
ungefiihrlicher Verpackung unbedenklich sei.^) 

Auf die Abänderungsvorschläge des Hamburger Senats war 
die preussische Kegierung allerdings nicht eingegangen, immerhin 
hatte sie im Vergleich mit den übrigen Staaten, die an dem Handel 
mit und über Hamburg betheiligt waren, ein sehr bemerkenswerthes 
Entgegenkommen bezeigt. 

Wenige Tage nach der preusssischen Resolution traf in Hamburg 
ein Schreiben des Herzogs Karl Leopold von Meklenburg ein, in 
dem er sich bereit erklärte, den Verkehr mit Hamburg auf der 
Grundlage des Projectes vom 1. September zu gestatten, falls die 
Regierungen, deren Gesandten bei dem Abkommen betbeiligt gewesen, 



*) a) aUe zur Kleidung gebrauchte Sachen, sie seien von Leinen, WoUe oder Seide; 

b) Betten und Hausrath; 

c) Flachs, Wolle, Hanf, Wei'g, Garn, Zwini und was daraus fabricirt worden, 
auch Halbseidenzeuge ; 

d) alle Arten von Pelzwerk, Haare von Menschen und Vieh, Federn u. dgl; 

e) unbereitete Häute, sowie bereitete, an denen noch Haare sind; 

f) frisches und geräuchertes Fleisch, Speck und Fischwaaren, abgesehen 
von den (Aum. ') bezeichneten Ausnahmen; 

g) Talg, Lichte, Fett, Käse und Thran. 

^ Farbhölzer, Seiden- und Silberwaaren, bereitetes Leder, Butter, Thran, Oel, 
Papier. Bei einigen dieser Waaren war noch besonders bestimmt, dass sie 
in Hamburg nicht umgepackt werden soUten. 

') Gewürz, raffinirt-er Zucker, Citronen, Pomeranzen, medicinische llaterialien, 
Drognen, Farbstoffe (abgesehen von Farbhölzeni), alle Mineralien und 
Metalle, alles Getreide, Wein, Branntwein, Essig, Glas, Pulver, Fischbein, 
Juchten, Wachs, Hering, Stock* und Klippfische, Austern und Schollen. 



Hamburg während der Pestjahre 1712— 1714. 89 

dasselbe bestätigten.*) Zuvor schon hatte der Fürst Leopold von 
Anhalt-Dessau eine ebenfalls günstige Erklärung abgegeben.*) 

Alle diese dankenswerthen Kundgebungen hatten jedoch nur 
geringen praktischen Werth, Avenn nicht Dänemark und Hannover, 
von deren Gebieten Hamburg umschlossen war, sich zu gleichen 
Zugeständnissen bereit erklärten. 

Dass die dänische Regierung dem Abkommen im wesentlichen 
zustimmen werde, hatte ihr Resident Hagedorn umsomehr erwartet, 
als von ihm in seinen Berichten ausdrücklich geltend gemacht worden 
wai*, es sei in den Artikeln nichts enthalten, was nicht auch dem 
Interesse Altonas entspreche.^) Trotzdem lautete die dänische Resolu- 
tion vom 4. September so abweisend, dass Hagedom eine Weile 
zögei-te, sie den übrigen Gesandten und den Rathsdeputirten mitzu- 
theilen. Yermuthlich hoffte er, noch einige Modificationen zu erwirken. 
Ein königlicher Erlass vom 14. bedeutete ihm aber, dass hieran nicht 
zu denken sei ; und so veranlasste er denn seinen Secretär Schwartz,*) 
den uneifreulichen Bescheid^) an die betheiligten Kreise gelangen 
zu lassen. 

Für die Anschauungen und Tendenzen der dänischen Regie- 
rung sind ihre Bemerkungen zu den einzelnen Artikeln des Entwurfs 
ungemein bezeichnend. 

Zu Artikel I. Wenn Hannover und andere Staaten die Reise 
über Bergedorf und den Zollenspieker gestatten wollten, so habe der 
König nichts dagegen einzuwenden. Wenn aber die Hamburger 
Passagiere das königlich dänische Tenitoiium zu berühren gedächten, 
so mlissten sie eine sechswöchige und vollständige Quarantaine halten ; 
doch vorläufig („bis man siehet, wie es mit der Krankheit hinauswill") 
könnten sie auch unter dieser Bedingung nicht zugelassen werden. 

Zu Artikel II. Der König werde aus Hamburg auch solche 
Waaren, die nicht in den Pestedicten verboten und mit beeidigten 



') Herzog Karl Leopold an den Kath von Hamburg, Schwerin, d. '25. Sept. 1713. 
^) ,,werde anch, soviel an mir ist, nicht unterlassen, was in Conforniität der 

desfalls gemachten Anstalten und Concerten zur frei und sichern Passage 

Ihrer Unterthanen und Waaren diensam sein möchte." Fürst Leopold an 

den Rath von Hamburg, Dessau, den 18. September 1713. 
^) Dies und das Folgende nach den Berichten Hagedorns und den Weisungen 

au ihn im Eophg. A. 
*) Dieser nahm in der Folge die Geschäfte der Gesandtschaft w^ahr, nachdem 

Hagedom Hamburg verlassen, um bis zum Fiühjahr 1714 einen Posten bei 

der dänischen Regierung in Stade zu bekleiden. 
•'■) Datirt vom IG. September, bei den dänischen und prenssischen Gesandt«chafts- 

berichten. 



90 Hamburg während der Pestjahrc 1712—1714 

Attesten versehen seien, nicht zulassen, da erfahiaingsinässig derartigen 
Attesten nicht immer Glauben geschenkt werden könne. 

Zu Artikel III. Aus unverdächtigen Orten kommende, nach 
Hamburg bestimmte Güter könnten unter den vorgeschlagenen Yor- 
sichtsmassregeln dort eingelassen werden; Waaren von dort heraus- 
zulassen, sei unstatthaft. 

Zu Artikel IV. Der Marktverkehr auf dem Grasbrook wird 
nicht gutgeheissen. Dänischen Unterthanen solle es nicht gestattet 
sein, ihre Waaren dorthin zu bringen. 

Zu Artikel V. Dieser Artikel sei hinfallig, soweit er sich 
auf Dänemark beziehe, weil man vor der Hand niemand aus Hamburg 
herauslassen könne. Ei-st später, wenn die Pest sich zu legen 
beginne, werde man einige Oite zur Quarantaine vorschlagen. 

Gegen Artikel VI erfolgt keine Einwendung. 

Zu Artikel VII. Zur Umladung der aus der See gekommenen 
Güter, die elbaufwärts befördert Averden sollten, wird Altona als der 
geeignetere Platz in Vorschlag gebracht. 

Zu Artikel VIII. Auch mit Attesten versehene iSchiffe von 
Hamburg elbaufwärts fahren zu lassen, wird beanstandet. 

Artikel IX wird in der Hauptsache genehmigt; doch sollten 
die grossen Schiffe, sobald sie einmal in den Hamburger Baum ge- 
kommen, während der Dauer der Contagion nicht wieder heraus- 
gelassen werden. Noch ausdrücklicher, als in der Vorlage, wii'd es 
als unzulässig bezeichnet, dass die Hamburger Ewer und sonstigen 
kleinen Schiffe den Seeschiffen entgegenfahren, um die Ladung abzuholen. 

Artikel X wii'd verworfen, weil der König während der 
Dauer der Contagion kein Fahrzeug aus Hamburg herauslassen könne, 
und weil die grossen Schiffe nothwendig bei Neumühlen geladen 
werden müssten, wobei es leicht geschehen könne, dass die Leute aus 
den kleinen hamburgischen Ewem und sonstigen Fahrzeugen, welche 
die Waaren dahinbrächten, ans Land träten und andere ansteckten. 

Artikel XI wird gutgeheissen. 

Zu Artikel XII. Es wird versprochen, die holländischen 
Schmacken vor Altona nicht über Gebühr aufzuhalten, wenn aucli keine 
bestimmte Zeit zum Löschen der Waaren zugesichert werden könne. 

Nicht völlig so ablehnend verhielt sich die hannoversche 
Regierung. *) 



Der Bescheid der hannoverschen Regierung iiher das Projcct vom l. Sept. 
wnrde dem Hamburger Bath von dem Residenten Gräfe nnt^r dem Datnm 

des 2S. Sept. zugestellt. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 91 

Sie bestimmte für die mit genügenden Attesten versehenen 
Kauflente und Handlungsdieuer eine Quarantaine von 20 Tagen. 
Thatsächlich wurde diese Zeitdauer für Kaufleute, die durch das 
hannoversche Land hindurch auf die Messen im Innern Deutschlands 
reisen wollten, mitunter bis auf 12, ja bis auf 8 Tage ermässigt. 
Auch wurde von Hannover die Waarenausfuhr aus Hamburg 
wenigstens nicht völlig untersagt. Freilich sollten von dort zunächst 
nur Wein, Branntwein, Weinessig, Eisen, Stahl, Blei, Holzwerk und 
Heringe zugelassen werden.^) 

In verschiedenen Einwendungen und Gegenvorschlägen, die 
sich in der hannoverschen Resolution über das Project vom 1. Sept. 
finden, tritt der Wunsch, die Situation zum Nutzen des eigenen 
Landes zu verwerthen, unverkennbar hervor.*) 

In den Bemerkungen zu Artikel VI wird dagegen Verwahrung 
eingelegt, dass die Umladung der elbabwärts kommenden Güter auf 
einen bestimmten Ort beschränkt werden solle. Der in Vorechlag 
gebrachte Packersraum bei Altona sei wegen der Nähe von Hamburg 
etwas verdächtig. Auch empfehle er sich nur dann, wenn die in den 
Schiffen befindlicljen Ballen so gross seien, dass sie ohne Krahn- 
winden niclit gehandhabt werden könnten, „wiewohl auch dergleichen 
im Köhlbnind zu veranstalten sein würde". 

Unverhüllter noch tritt die angedeutete Tendenz in den Be- 
triebsbestimmungen hervor, die bei der Erörterung der Artikel VII 
und IX des Abkommens in Voi-schlag gebracht wurden. 

Zu Artikel VII. Alle elbabwärts kommenden Schiffe müssen 
zu HarbiU'g anlegen und die in ihnen enthaltenen zur Ausfuhr in See 
bestimmten Waaren von dort aus in die betreffenden Seeschiffe 
befordert werden. 

') lu der weiterhin angeführten Instniction für den Aufseher Fesca wird die 
Ausfuhr von Metallen nnd Mineralien im Allgemeinen als statthaft bezeichnet; 
Hulzwerk wird da nicht ausdrücklich unter den erlaubten Ausfuhrartikeln 
genannt, doch ist von Transport der Waaren in Fassem und Tonnen die Rede. 

') Dies gilt auch von einer (vom 4. September datirten) hannoverschen Ver- 
ordnung, „wie es mit der Schiffahrt auf der Elbe in Sr. Kurfürstl. Durchlaucht 
Landen, so lange die in Hamburg seiende Contagionsgefahr währet, es ge- 
halten werden soll.** Charakteristisch ist schon der Beginn: „1) soll durch 
den Arm des Eibstroms, welcher von Hamburg hergehet und sonst die 
Nonlcrelbe genannt wird, überaU kein Scliiffsgefass , auch nicht ein Kahn, 
weder auf, noch nieder passiren." — Die Commerzdeputation, vom Senat 
aufgefordert, wegen dieser Verordnung ihre Monita vorzubringen, leistete 
darauf Verzicht, „masscn sie bei so schwerer der Sache Exercirang lieber 
wollten stille sitzen und nichts ihnen Nachtheiliges eingehen"*. Comm. A. 

7* 



92 Hamburg während üer Pestjabre 1712—1714. 

Zu Artikel IX. Von den aus der See eintreffenden Schiffen 
sollen die Waaren, die elbaufwärts oder (zu Lande) ins Reich zu 
gehen bestimmt sind, durch lüneburgische oder harburgische Ewer 
abgeholt werden. 

Mehr noch, als dui'ch diese Bestrebungen, die ja nicht ohne 
Zustimmung der übrigen beim Eibhandel betheiligten Staaten ver- 
wirklicht werden konnten, wurde die öffentliche Meinung in Hambui^ 
durch verschiedene hannoversche Anträge erregt, welche das ham- 
burgische Interesse in unmittelbarster Weise berührten. 

In der Bemerkung zu Artikel IV des Projects war der 
Grasbrook als Niederlage für die nach Hambui'g bestimmten Lebens- 
mittel und sonstigen Waaren genehmigt worden*). Eine Instniction 
der hannoverschen Regierung an den Aufseher Fesca (vom 6. October) 
enthielt die genaueren Anordnungen hierüber. Diese entsprachen im 
Grossen und Ganzen der damals unter solchen Umständen allgemein 
üblichen Praxis. Immerhin befanden sich unter den Voi-schrifteu über 
die Art, wie der Verkehr zwischen den beiden auf dem Grasbrook 
zu eirichtenden, 40 bis 50 Schritt von einander entfernten Barrieren 
zu regeln sei, manches, was den Hamburgeni befremdlich schien. Die 
Durcliführung der angeordneten Voi-sichtsmassregeln und die üeber- 
wachung des zugestandenen Verkehrs war dem genannten Aufseher 
Fesca zugedacht. Diesem sollte eine hannovei-sche Wache zur Seite 
stehen. Den eigentlichen ÄEarktverkehr gedachte man auf vier Tage 
in der Woche, und zwar auf die Stunden von 9 Uhr Vormittags bis 
3 Uhr (sobald die Tage kurzer Avürden, nur bis 2 Uhr) Nachmittags 
zu beschränken. Zum Einkauf sollte der Hamburger Rath nur solche 
Leute bestellen, deren Gesundheit ausser Zweifel sei, und zwai* nie 
mehr, als zwölf auf einmal. Wenn sich eine grössere Zahl einstellte, 
sei der Markt sofort aufzuheben; auf die Hambui*ger, die in solchem 
Falle sich nach erfolgtem Zuruf nicht schleunigst entfernten, sollte 
gefeuert werden.*) 



*) Dass tbatsächlich der Grasbrook schon vorher dem Marktverkehr gedient hatte, 
ergibt sich n. a. ans Arnold Amsinck's Hamb. Chronik (die niederländ. n. 
hamb. Familie Amsinck, Anlage XVI S. V): „den 2. September wurde anif 
den grassbrook Marrkt gehalten, den es war mit latten was abgemacht, an 
eine seite waren die verkeuffer, anff der andern Seite die Keuffcr, dabey waren 
hannoverische wacht und auff der ander seite unsere wacht, es war ein 
Pfal mit eine teerton anffgesteckct, dass sie sehen Kunten, wo sie mußten 
anlegen** u. s. w. 

^ Hiergegen wurde hamburgischerseits moniil: solches werde „in einer Stjult, 
worinncn der gemeine Mann sich nicht zwingen lasset, grQ.<iHes Unglück 
anrichten." 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 93 

Für den erlaubten Export aus Hamburg sollte ein fünfter Tag 
reservirt werden; denn dieser Tlieil des Verkehrs schien besonders 
strenger üeberwachung bedürftig. Die aus Hamburg ausgeführten 
Fässer und Tonnen sollten vor Fescas Augen von den Hamburgern selbst 
„wohl abgewaschen und stark begossen", alsdann, um Einscldeppung 
verbotener Waaren zu verhüten, von dem genannten Aufseher angebohrt 
und auf ihren Inhalt gepiiift werden. Stellte sich irgend ein üntersehleif 
heraus, so sollten die Fässer sammt ihi em Inhalt sofoil verbrannt werden. 

An einem sechsten Wochentag sollten auf dem Grasbrook 
Gespräche zwischen Einwohnern Hamburgs und Auswärtigen stattfinden 
können, doch nur so, dass die sich miteinander Unterredenden durch 
den Abstand zwischen beiden Bameren von einander getrennt waren '). 

Es konnte nicht andei*s sein, als dass die vorgeschlagenen 
Veranstaltungen den Hamburgern lästig und auch für bescheidene 
Verkehrsbedtirfnisse unzureichend erschienen. Was aber bei ihnen 
am meisten Anstoss erregte, war die Forderung, dass die hannoversche 
Wac«he bei Tag und Nacht auf dem Grasbrook bleiben, und dass der 
Aufseher Fesca zum Zweck wirksamerer Controlle dort eine auf 
Pfählen errichtete Wohnung beziehen sollte. Man erblickte hierin 
eine Bedrohung der Unabhängigkeit Hamburgs, die umso schmerz- 
licher empfunden wurde, als sie von einer Kegiening ausging, bei 
der man so hänfig den Gewaltstreichen der Dänen gegenüber Schutz 
gesucht hatte. 

Dazu kam von derselben Seite noch eine andere Zumuthung, 
die nicht nur an sich sehr unbequem war, sondern als ein emeuter 
Anschlag auf die Selbständigkeit der Stadt ei-schien: nämlich die 
Foixlerung, dass die Landschaften Billwenler und Ochsenwerder durch 
lübeckische Truppen von Hamburg abgespent würden. 

Diese Angelegenheit spielt in den hamburgischen Rith- und 
Bürgerschaftsverhandlungen und in den diplomatischen Acten der zu 
Hamburg in näherer Beziehung stehenden Staaten keine ganz un- 
erhebliche Rolle. Es ei'scheint deswegen geboten, ihre Bedeutung in 
der Kürze zu erläutern, zumal da sich dabei Gelegenheit bietet, einige 
fiühere Mittheilungen zu ergänzen. 

In seinem ersten Project über die Anstalten zur Abschliessung 
Hamburgs hatte der dänische General Schölten es als wünschens- 



*) Ans den gleichzeitigen Qesandtschaftsberichten geht hervor, dass derartige 
Untcrrednngen mit vurgeschriebener Distanz, bei denen man sich als Telephons 
nnr eines weithintönenden Organs bedienen konnte, namentlich zu diplo- 
matischen Zwecken sowohl anf dem Grasbrook, wie bei der dänischen Postirung 
stattgefunden haben. 



94 Hamburg während der Pestjahre 1712—1711. 

werth bezeichnet, dass Hannover den Hamburgern nicht nur die 
Oberelbe sperrte, sondern auch Billwerder besetzte. Letzteres war 
nicht geschehen, da die kurfürstliche Regierung vorläufig vor einer 
solchen Missachtung der territorialen Rechte Hamburgs Scheu tragen 
mochte. Zufolge dessen war wenigstens auf einer Seite die Um- 
schliessung Hamburgs minder eng und driickend. Zwischen Bille und 
Elbe befand sich keine Postirung in der Nähe der Stadt. Die Dänen 
und Hannoveraner begnügten sich, ihre Truppen auf dem holsteini- 
schen, bezw. lauenburgischen Gebiet nahe der Grenze Billwerders 
und der Vierlande aufzustellen. Dadurch war allerdings der sanitäre 
Grenzschutz in jenen Gegenden nur unvollkommen bewerkstelligt. 
Die Besorgniss lag nahe, dass die Seuche von Hamburg in die 
Vierlande und von dort auf das jenseitige Eibufer vordringen könne. 
Um dies zu verhüten, war von Hannover bereits Ende August die 
Forderung gestellt worden, dass die genannten, den beiden Städten 
Hamburg und Lübeck gemeinsam gehörenden Landschaften zeit- 
weilig dem gewohnten Verkehr mit ersterer Stadt entsagten.') Der 
Hamburger Senat war hiermit umsoinehr einverstanden, als es nur 
unter dieser Bedingung möglich war, das auch vom hamburgischen 
Standpunkt sehr erwünschte Project, in Bergedorf und beim Zollen- 
spieker Quarantiaine-AnstÄlten zu schaffen, zu verwirklichen. Sofern 
es zum sanitären Schutz der Vierlande einer Postinmg bedurfte, 
erschien es auch dem Hamburger Rath als das geeignetste Auskunfts- 
mittel, die dortige Besatzung von Lübeck aus verstärken zu lassen. 



') Dies und das Folgende nach Acten des Berl. nnd Lttb. A., sowie dem Conccpten- 
biich des Bergedorfer Amtsverwalters. Aus letzterer Quelle er^fibt sich, dass 
der Verkehr Bergedorfs mit Hamburg in der That schon Ende August auf- 
hörte. Die Bergedorfer empfanden dies doppelt schmerzlich, da sie trotzdem 
von den Nachbargebieten abgeschlossen blieben. Die trostlose Lage, in der 
sich die Vierlande damals befanden, erhellt u. a. ans einem Schreiben des 
Amtsverwalters an den Lübecker Rath vom 2. September, in dem er klagt, 
„dass wir dermassen fast rund hemm beschlossen, dass wir fast nicht einstcn 
nöthig hätten, unsere Posten zu besetzen, allermasscn wir solchergestalt von 
den fremden Postinmgen bewachet werden, dass fast nichts zu uns kommt, 
nnd allhier so todt stille, als wenn keine Reisende noch Commercium mehr 
in der Welt wäre. Indessen sind doch die Landpöste geestwärts noch mit 
fünf Hansleuten jedweder besetzet, zu Verhütung, dass keine inficirte Leute 
einschleichen. Längs der grossen Elbe darf ebenmässig kein Fahrzeug, wie 
gross oder klein es auch ist, sich sehen lassen, noch die Unsrigen einen Fuss 
an jener Seiten an Land setzen, ja mit den Ueberelbeschen nicht einsten, mit 
Bedräuung gleich Feuer darauf zu geben, von ferne reden, nicht anders, als 
wann wir inficirte Leute wären, da sie doch uns für rein nnd gesund halten 
und in unseren Landen die Quarantaine Fremden anweisen.'' 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 95 

In der That wurden (am 20. September) aus letzterer Stadt 
20 Mann der Garnison nebst einem Oberoffizier nach Bergedorf 
entsandt. Wenige Tage später fanden nicht weit von dort in 
Buschmanns Garten zu Billwerder zwischen Hamburger und Lübecker 
Rathsdeputirten und dem lauenburgischen Landdrosten von Werpup 
Berathungen darüber statt, wie die Absperrungsmassregeln in jenen 
Gebieten dem allseitigen Interesse gemäss ins Werk zu setzen seien. 
Das Resultat war ein am 20. September unterzeichnetes Abkommen, 
das freilich, um Geltung zu erlangen, der Bestätigung aller drei 
betheiligten Regierungen bedurfte. Dem hamburgischen Interesse 
war daiin in erwünschter Weise Rechnung getragen. Um die Ver- 
proviantinmg der Stadt aus den Vierlanden einigermassen zu er- 
möglichen, war vereinbart worden, dass einige Einwohner dieser 
Lande sich während der Dauer der Epidemie in Hamburg nieder- 
lassen sollten, um dort die ihnen aus den heimatlichen Ortschaften 
unter bestimmten Voi-sichtsmassregeln zugeflihrten Producte abzusetzen. 

Von noch weit grösserer Wichtigkeit aber war es für die 
StAdt, dass ihr der völlig freie Verkehr mit Billwerder und Ochsen- 
werder belassen wurde; denn ganz abgesehn davon, dass sich dort 
sehr zahlreiche Gartenwohnungen befanden, in welche sich viele 
Familien während der Pestzeit zurückgezogen hatten, konnten beide 
Gebiete als die eigentlichen Vorrathskammern Hamburgs gelten, deren 
Werth damals, als die Vereorgiing der Stadt mit Lebensmitteln im 
übrigen fast ganz von der Gnade Dänemarks und Hannovers abhing, 
geradezu unschätzbar war. Mit Rücksicht hierauf war in dem Ab- 
kommen ausdrücklich vereinbart, dass durch die lübische Postinmg 
zwar die Vierlande, nicht aber Billwerder und Ochsenwerder von 
Hamburg abgesperrt werden sollten. 

Diesen Punkt genehmigte die hannoversche Regierung jedoch 
nicht. Sie machte geltend, dass das linke Eibufer nicht genügend 
gegen Ansteckung geschützt sei, so lange die Verbindung von Bill- 
werder und Oöhsenwerder mit Hamburg ungehemmt bleibe, und 
forderte deshalb, dass auch diesen Landschaften die Communication 
mit der Stadt genommen werde. 

Es dürfte nach dem eb<m Erwähnten verständlich erscheinen, 
dass dieses Ansinnen den Hambui-gern eine höchst unangenehme 
Ueberraschung bereitete; umsomehr, da die Drohung hinzugefügt 
ward, dass, wenn die Stadt sich dem Verlangen des Kurfürsten nicht 
füge, letzerer die Abschliessung durch seine eigenen Truppen bewerk- 
stelligen oder deswegen mit dem Könige von Dänemark gemeinsame 
Sache machen werde. 



9G Hamburg wakrend der Pefltjahrc 1712- 1714. 

Allen diesen unliebsamen Eventualitäten hoffte der Senat am 
ehesten entgehen zu können, wenn er dem berechtigten Wunsch der 
hannoverschen Regierung, die eigenen Unterthanen vor Anstecknng 
durch jene Ortscliaften zu schützen, in anderer, dem hamburgischen 
Interesse minder naclitheiliger Weise zu entsprechen suchte. Er 
beschloss, einige hundert Mann hamburgischer Truppen, die aus 
unverdächtigen Quartieren und Wohnungen gezogen,') dorthin zu 
verlegen, und ertheilte ihnen difr Weisung, aufs strengste darüber 
zu wachen, dass keinerlei Verkehr zwischen Billwenler und Ochsen- 
werder einei-seits und den Vierlanden, sowie den benachbarten 
lüneburgischen, lauenburgischen und holsteinischen Landscliaften 
anderseits stattfinde. Ueberdies wurde solcher Verkehr durch ein 
besonderes Mandat vom 9. October bei Leibes- und Lebensstrafe 
untersagt. Diese Massregeln befriedigten jedoch die kurfürstliche 
Regierung keineswegs. Vielmehr drängte sich ihr die Besorgniss 
auf, dass durch die Verlegung hamburgischer Truppenabtheilungen in 
das bisher von der Pest vei*schonte Gebiet der Ausbreitung des 
Uebels erst recht Vorschub geleistet werde. Die hannovei-sche 
Forderung wurde daher im wesentlichen aufrecht erhalten und nur 
nacli einiger Zeit dahin modificirt, dass es den wohlhabenden Ham- 
burgern nicht ganz benommen sein sollte, auf ihren in jenen 
Landschaften gelegenen Gärten Erfrischung zu suchen. 

Inzwischen hatte sicli der Rath wiederum hülfesuchend nach allen 
Seiten gewandt. Auch dieses Mal traten die Directoren des nieder- 
sächsischen Kreises, insbesondere der König von Pieussen, für Hamburg 
ein.*) Die hannovei-sche Regierung vertheidigte freilich das von ilir 
an die Stadt gerichtete Ansinnen *) durch den Hinweis auf die Gefahr, 
welclie für die Nachbargebiete entstehe, wenn Billwerder und 
Ochsenwerder von der Pest ergriffen würden, sowie durch das 
Vorgeben, dass die dahin gesandte hamburgische Mannschaft einer 
inficirten Garnison entnommen sei, und dass, seitdem sie dort ein- 
gerückt, die Contagion sich bereits in einigen Häusern zu Kirch- 
werder gezeigt habe. *) Von der Ausftlhrung gewaltsamer Massregeln 



Der Vorsicht we8:en untersagte man diesen Tmppen jeden Umgang mit ihren 
Franen und Kindern; anch sollten sie nicht abgelöst werden. 

*) Friedrich Wilhelm L an den Kurfürsten Georg Ludwig, den 17. October 
1713. (Berl. A). 

') Georg Ludwig an Friedrich WiUielm L, den 25. October 1713. (Berl. A.) 

*) Dem gegenüber constatirte der hamburgische Rath, dass die nach Billwenlcr 
und Ochsenwerder geschickten Truppen ebenso wie die von ihnen besetzten 
Gebiete von aller Infection frei geblieben. Die Pestfälle in Kirchwerder 
waren freilich unbestreitbar, doch konnte der Untli mit Recht darauf hinweisen, 



Hamburg wäbrend der Pesfjahre 1712-1714. 97 

wurde jetlocli Abstand genommen, sei es in Rücksicht auf die Ver- 
wendung der Kreisdirectoren, sei es zufolge der mündlichen Vorstellung 
des hamburgischen Syndicus Anderson, der vom Utrechter Congress 
zurückkehrend sich auf Weisung des Senats Anfang October nach 
Hannover begeben hatte, und mit Piifer und Geschick bestrebt war, 
die kurfürstliche Regierung zu einer Aenderung ihres Verhaltens 
gegen Hamburg zu bestimmen. 

Seinen Bemühungen war es jedenfalls zuzuschreiben, dass die 
in der Instmction «an Fesca enthaltenen Anordnungen in einzelnen 
Punkten eine für Hamburg annehmbarere Gestalt erhielten. Die kur- 
fÜi'stliche Regierung erklärte sich damit einvei-standen, dass die 
hannoversche Wache auf dem Grasbrook des Nachts nur aus 8 Mann 
bestehe, und dass der Aufseher Fesca sich doi-t nur am Tage auflialte. 
Die vorschriftsnulssige Entfernung zwischen beiden Barrieren sollte 
auf HO Schritt, die Zahl der gleichzeitig znm Markt zuzulassenden 
Hamburger auf 20 festgestellt wenlen. Bei der Bestimmung der Tage 
nnd Stunden für den Markt- und Handelsverkehr, sowie für Unter- 
redungen an den Banieren sollte der Aufseher, ohne an eine allzu 
enge Voi*schrift gebunden zu sein, die thatsächlichen Bedürfnisse, 
Wind und Wetter, Ebbe und Fluth in Betracht zielien. Auch erklärte 
sich die hannoversche Regiening bereit, speciell für die Versorgung 
Hamburgs mit Kom, Holz und Kohlen einen etwas vereinfachteren 
Betrieb zu gestatten. 

Von dem Wunsche erfüllt, dass die Stadt den Verkehr mit 
den kurbraunschweigischen Landen nicht völlig einbüsse, war der 
Senat geneigt, diesen abgeänderten Voi*schlägen seine Zustimmung 
zu ertheilen. Die Bürgerschaft aber verhielt sich ablehnend, da 
ihrer Ansicht nach die hannoverschen Anträge auch jetzt noch mehr 
Nachtheiliges als Voitheilhaftes enthielten. Ihr besonderes Missfalleii 
scheint der Umstand erregt zu haben, dass noch immer an der 
Forderung einer Tag und Nacht auf hambui-gischem Gebiet zu 
postirenden hannoverschen Wache festgehalten wurde. Durch Nach- 
giebigkeit in diesem Punkte besorgte sie, ähnliche Praetensionen 
anderer Mächte hervorzurufen.') Somit bestand der Conflict der 

dass dieser Ort nicht yon hambnrgischcn, sondern von Lübecker Tmppcn 
besetzt sei; anch sprach er die Verranthnng aus, dass die Senche dorthin 
ans dem Holsteinischen eingeschleppt sein raügc. (Schreiben des Hamb. 
Kaths an den Kurfürsten von Hannover vom 11. November, an den Herzog 
von Braunschweig vom 2. Deceraber 1713 im Berl. nnd Wolfb. A). 
*) R. n. B,-R. vom 27. October 1713 nnd Bnrchards Bericht vom selben Tage 
im Berl. A. 



1)8 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Stadt mit der hannoverschen Regierung fort. Es hing völlig 
von dem Belieben der Letzteren ab, welchen Grad von Strenge 
sie in der Abspermng Hamburgs walten lassen wollte. Ein Ein- 
vernehmen war in keinem Punkte erreicht. Auf das Verlangen einer 
wirksameren Abspennmg Billwerders und Ochsenwerders kam die kur- 
fürstliche Regiening freilich nicht zurück, sie behielt sich jedoch vor, 
Hamburg dafüi* verantwortlich machen zu wollen, falls die Epidemie 
durch jene Gebiete ins Hannoversche übertragen werde. Inzwischen 
Hess sie — abgesehen von der am linken Eibufer gelegenen hani- 
burgischen Landschaft Moorbnrg — Moorwerder mit dem Bunten Haus 
besetzen, um auf diese Weise an der Stelle, wo Norder- und Sttderelbe 
sich scheiden, die erwünschte Controlle über die Eibschiffahrt ausüben 
zu können.^) 

Wie schon angedeutet, war es für Hamburg besonders nach- 
theilig, dass bei dem obwaltenden Missverhältniss zu Hannover und 
den überaus strengen und umfassenden Sperrmassregeln Dänemarks die 
liberaleren Grundsätze, zu denen sich Preussen und einige kleinere 
Staaten bekannt hatten, nicht zur Anwendung gelangen konnten. 
Immerhin wurde die commerzielle Lage Hamburgs noch erheblich 
verschlechtert, als auch die preussische Regierung auf Grund des Ver- 
dachts dass einige, brandenbui'gische Ort»schaften, in denen sich Pest- 
fölle zugetragen, von Hamburg aus inficiit seien, durch einen Erlass 
vom 7. November den Schiffalirtsveikehr mit dieser St^dt vollständig 
untersagte. 

Die Bemühungen des hamburgischen Senats, die Aufliebung 
oder Mildenmg dieser Massregel zu erwirken, blieben längere Zeit 
resultAtlos. Die leitenden Ginndsätze, zu denen sich die preussische Re- 
gierung bei dieser Gelegenheit bekannte, waren einerseits: „dass das 
Commercium nicht durch allzu giosse Schärfe olnie Noth rniniit wei-deu 
dürfe" *) und anderseits, „dass der aus dem Commercio entspringende 
Vortheil gegen die Pestgefahr und gegen das daraus entspringende Un- 
glück und Verderben der ünteithanen für nichts zu achten sei." *) Dem- 
entsprechend bevollmächtigte der Könijg am 28. December in Ver- 
anlassung wiederholter Hamburger Gesuche das preussische Sanitäts- 
collegium, unter Vermeidung der Extreme und mit Berücksichtigung 
der wechselnden Verhältnisse nach bestem Wissen und Gewissen 
über den zu gestattenden Verkehr Anordnungen zu treffen. Da 



*) Burchard, d. 31. October und 7. November. 

3) Friedrich Wilhelm I. an das SanitätscoUeginra d. 2S. Decbr. 1713. (Berl. A.) 
') Decret Friedrieb Wilhelms!, vom 20. Jnnnor 1714 anf des Collegii Sanitatis 
VorsteUung vom 5. und 15. d. M. (Berl. A.) 



Hamburg wälirend der Pestjabre 1712—1714. 99 

jedocli Friedricli Wilhelm dieser Behörde nicht nur die volle Ver- 
antwortlichkeit für alle ilire Verfügungen aufbürdete, sondern 
sie zu brandmarken drohte, wenn durch ihr Verschulden die Pest 
ins Land käme,') so begreift es sich, dass zunächst von einer 
Wiederherstellung des Eibhandels zwischen Hamburg und Preussen 
nicht die Rede war. 

Es hängt hiermit zusammen, dass Burchard, der im Anfang 
der Pestzeit bei der Beförderung und Befürwortung der commerziellen 
Interessen Hamburgs in erster Linie gestanden, nunmehr in den 
Hintergrund trat. Statt seiner spielte eine Zeitlang der kaiserliche 
Resident Kurtzrock den Anwalt des Projects vom L September.*) 
Erklärte sich aber auch der Wiener Hof damit einverstanden, dass 
Waaren, von denen man annahm, dass sie das Pestgift nicht an 
sich ziehen könnten, aus Hamburg in die kaiserlichen Erblande ein- 
geführt würden,^) so waren doch auch Kurtzrocks Bemühungen, die 
Hamburg benachbarten Staaten zu gleichen Zugeständnissen zu 4)e- 
stimmen, durchaus resultatlos. 

Wenn unter den geschilderten Umständen Hamburgs Handel 
und Schiffahit während der Peslzeit nicht völlig stockten, so war 
dies zum guten Theil der sorgloseren Art des holländischen und eng- 
lischen Handelsbetriebs beizumessen. Die Generalstaaten hatten 
freilich gegen Ende des August angeordnet, dass vier Wochen hindurch 
weder Waaren noch Personen aus Hamburg im niederländischen Ge- 
biete zugelassen werden sollten. Doch scheinen diese Anordnungen 
nicht sehr streng befolgt worden zu sein. Auch war es der holländische 
Gesandte van den Bosch, der den dänischen Sperrmassregeln in Ham- 
burg zuerst erfolgreich entgegentrat. Als eine dänische Jacht hollän- 



') Dem Krlass, der dem prenssischen Sanitätscollegium die erwähnte VoUmacbt 
ertbeilt, fugte König Friedrich Wilhelm I. die eigenhändigen Worte hinzu: 
„flcfd)tel)ct ein ungeUiflc! üon bcr Pest bier im 2a\\\>t fo W)t ficfe ba§ ßanfic 
Collegimnb in ad)t gu nebmen gcbranbt Margcft ,ut inerben, attminiftrieren fic 
bic Commerce fo baS feine Pest inn lonbe toiiiet üetncd&cre eS in ollen 
neble()öenen occasonen bangdbaftr an cvjcigen". Da das Sanitätscolleginm sich 
gegen den ersten Theil dieser Knndgcbnng VorsteUnngen zu machen erlaubte, 
erklärte der König (am 20. Januar 1714), dass das Collcgium nur dann 
^«responsable seie, wann dnrch desselben Wissen and Willen dem Lande ein 
Unglück zugezogen wird''. Indessen fehlt es nicht an Anzeichen dafür, dass 
der König auch später noch geneigt war, das Sanitätscolleginm für den 
Erfolg seiner in Veranlassung der Pest ergriffenen Massregeln unter allen 
Umständen verantwortlich zu machen. (Berl. A.) 

') Bnrchard den 14. und 17. November. (Berl. A.) 

^ Lehmanns Berichte vom 25. November und 2. December. (Dresd. A.) 



100 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

dische Schiffe an der Ausfaliit aiis dem hamburgisclien Hafen hindern 
wollte, und Generalmajor Ingenhaven dies guthiess, gab van den Bosch 
zu verstehen, dass er in der Lage sei, die Stadt Altona das Ver- 
halten der dänischen Behörden entgelten zu lassen. Er hatte nämlich 
früher versprochen, die commerzielle Begünstigung Altonas seiner 
Regierung besonders ans Herz zu legen, wie es denn überhaupt in 
seiner Macht stand, zum Nutzen, aber auch zum Nachtheil dieser Stadt 
zu wirken. Es scheint, dass die Erwägung dieses Umstandes dazu 
\ beitrug, die dänische Regierung zum Einlenken zu bestimmen. An- 

fang September befahl sie, den holländischen Schiffem — ebenso wie 
gleichzeitig den englischen Schiffem, die sich ebenfalls deswegen 
an Ingenhaven und Hagedorn gewandt hatten — die Ausfahrt aus 
dem haniburgischen Hafen zu verstatten, wenn sie sich eidlich ver- 
pflichteten, unterwegs keines der beiden Eibufer zu berühren. 

Diese Erlaubniss konnte zunächst nnr auf diejenigen holländi- 
schen und englischen Schiffe bezogen werden, die Anfang September 
zur Absegelung bereit lagen, also aller Wahi'scheinlichkeit nach vor 
der Spemmg der Stadt in dem Hamburger Hafen eingetroffen waren. 
Doch auch nach der Constatinmg der Pestgefahr Hessen sich die 
Kauffahrer der beiden gen«annten Nationen nicht abschrecken, den 
gewinnbringenden Verkehr mit Hamburg fortzusetzen. Das Auslaufen 
der während der Pestzeit dorthin gekommenen auswärtigen Schiffe 
zu gestatten, hiess jedoch mit den kurz zuvor kundgegebenen 
Grundsätzen vollständig brechen, weshalb die dänischen Militärbehörden 
aufs neue Einspruch erhoben. Indessen bewirkten die diplomatischen 
Vorstellungen des englischen Gesandten in Kopenhagen, dass die 
dänische Regierung an ihren Vertreter in Hambui^ (am 4. November) 
eine Weisung erliess, laut welcher den englischen und holländischen 
Schiffen, die von Hamburg abzusegeln wünschten, auch ferner keine 
Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden sollten.') 

War nun aber einmal das Princip der unbedingten Schiffahrt^- 
sperre aufgegeben, so konnte es nicht anders sein, als dass auch 
Hamburger Kauffahrer den Ven?uch machten, ähnlicher Vergünstigungen, 
wie • die Schiffer fremder Nationalitäten, theilhaftig zu werden.*) 



*) Kopiig. A. In einem Schreiben des älteren Wich, des englischen Gesandten 
beim niedersächsischen Kreise, an den Hamburger Senat (London, den 
13. October) legte sich ersterer das Verdienst bei, die englische Intervention 
beim Kopenhagencr Hofe zu Gnnstcn der Elbschiffahil und überhaupt zu 
Gunsten der Befreiung des hamburgischen Gebietes angeregt zu haben. 
(Comm. A.) 

^ Dies gcschaih schon im September 1713, wie aus den Prot4)koUen der 
Commerzdeputation vom 8., 11. und 13. September d. J. ersichtlich. 



Hamburg während der Pestjahre 1712-1714. 101 

Sicher ist, dass es den Moscovienfabreni zugestanden ward, ungehemmt 
ein- und auszupassiren, wobei ihnen die Fürsprache des russischen 
Residenten Böttiger zu gute gekommen zu sein scheint.*) 

Wie aus den früheren Mittheilungen erhellt, hatte die noch 
heute herschende Anschauung, dass das Pestgift nicht nur durch 
pestkranke Individuen, sondern auch durch Effecten, die der Pest- 
atroospbäre entstammen, verschleppt werden könne, auch damals 
eine fast allgemeine Geltung.') Die gleichmässig und consequent 
durchgeführte Absperrung Hamburgs wäre daher eine zwar sehr 
harte, aber durchaus begreifliche Massregel gewesen. Ein Absperrungs- 
system aber, das so viele Ungleichheiten und Lücken aufwies, wie 
das 1713 gegen Hamburg angewandte, war von jeglichem Stand- 
punkt anfechtbar. 

Gewiss nicht ohne Grund machte Burchard darauf aufmerksam, 
dass manche Waaren aus Hamburg auf dem Umwege über Holland, 
und dementsprechend veitheuert, ohne Anwendung irgend welcher 
Vorsichtsmassregeln ins Innere Deutschlands gebracht würden, wohin 
sie auch bei Beobachtung aller vorgeschriebenen Vorsichtsmassregeln 
auf dem directen Wege nicht eingeführt werden dürften.^) Auch von 



') Burchard (den 6. October) schreibt : „Köiiigl. Maj. in Dänemark haben unter- 
dessen die Passage nach und ans der See völlig geöffnet, und dass sowohl 
die Engländer und Holländer, wie auch die Moscovienfahrer in und aus der 
Stadt frei fahren, ohne die geringste Visitiition, was sie inhaben, wann sie 
nur im Ausfahren sich bei der dänischen Jacht anmelden und daselbst einen 
Eid schwören, die dänischen Lande nicht berühren zu wollen und weder auf 
der einen, noch anderen Seite ans Land zu kommen." (Berl. A.) Der 
guten Dienste des russischen Residenten gedenkt Lehmann den 4. October. 
(Dresd. A.) 

^) Einen exceptioncllen Standpunkt vertrat der Hamburger Pestarzt, Dr. Wolflfg. 
Matthias Brunner, der in seiner 1715 zu Regensburg erschienenen Schrift: 
„Observationes bei der sogenannten Contagiou, welche sich Anno 1712 in 
Hamburg angefangen und 17 U geendigt" auf Grund der von ihm in 
Hamburg gemachten Beobachtungen und Erfahrungen die Ansicht vertreten 
zu können meinte, „dass die politischen Anstalten, die da so wohl das 
Contaginm abhalten, als dasselbe durch die Reinigung wieder ausrotten 
sollen, nicht allein vergeblich, sondern denen, die es betrifft, weit schmerzlicher 
und 8chä(Uicher als die Pest selbst seien." Ueber Brunner als Anti- 
contagiouisten vgl. auch Haeser a. a. 0. 589. 

') Burchard fögt dieser Bemerkung noch die folgenden weiteren Betrachtungen 
hinzu: Dies sei „der Effect der kurbrauuschweigischeu allzugrosseu rigueur 
gegen eine Stadt, wie Hamburg, worin mehr Effecten und Kaufmannswaaren, 
als vielleicht in lialb Teutschland sind, sich befinden, und die Erfahrung lehret, 
dass wann Tod und Galgen zur Straf gesetzt sind, der Kaufmann dennoch, 
wann er siebet, dass ihm das Messer an die Gurgel gesetzet wird, per 



102 Hamburg während der Pestjahre 1712-1714. 

den Hamburg benachbarten Staaten klagte bald dieser, bald jener, 
dass ihm durch die Schuld des anderen Grenznachbareu verdächtige 
Hamburger Waaren zugeführt worden seien. 

Gewährten somit die zur Abschliessung Hambni*gs ins Leben 
gerufenen Einrichtungen keine völlige Garantie gegen die weitere 
Ausbreitung der Seuche, so waren sie doch mehr als hinreichend, 
um die Stadt und ihre Bewohner aufs nachhaltigste zu schädigen; 
denn diejenigen, die während des allgemeinen Unglücks ihren 
besonderen Vortheil zu wahren verstanden, bildeten doch immer nur 
eine verhältnissmässig kleine Minderheit. 

Auch würde die Lage Hamburgs, namentlich beim Eintritt 
des Winters, eine noch weit trostlosere gewesen sein, wenn nicht der 
fast stetige Rückgang der Krankheit die Hoffnung auf ein baldiges 
Ende der Leidenszeit erweckt hätte. 

In der letzten Novemberwoche wurde von dem hamburgischen 
SanitätscoUegium bei sämmtlichen in der Stadt practisirenden Doctoreu 
der Medicin — wie es scheint, abgesehen von den eigentlidien Pest- 
äi'zten — angefragt, seit wann sie mit keinem Patienten zu thun gehabt 
hätten, der an einer ansteckenden Krankheit (d. h. auch in diesem 
Fall: an der Pest) gelitten. Von ungeiahr einem Drittel der Aerzte 
liegen die Antworten vor, aus denen ei-siclitlich ist, dass ihnen zum 
Theil seit Anfang November, zum Theil selbsst seit Anfang October 
kein Pestkranker unter die Hände gekommen.*) 

Auch die amtlichen Begräbnisslisten zeugen von der erheblichen 
Abnahme der Epidemie beim Ablauf des Jalires. Sowohl die Zahl der 
Sterbefälle überhaupt, wie insbesondere der an „verdächtigen" Krank- 
heiten Gestorbenen, ging bis Weihnachten immer mehr zurück. Es 
war in Folge dessen, aJs ob ein Bann von der Bevölkerung genommen 
sei. Schon am 12. December berichtete Burchard, die Stadt habe ihr 
früheres Aussehen wiedergewonnen, die Kirchen, die Böi-se, alle 



ambages seine Waareu, sonderlich diejenigen, so einer Corniption unter- 
worfen, zu debitiren suchet und lieber ohne Profit handelt, als das Capital 
völlig verlieret, zu geschweigen, dass vei-schiedene hiesige Comraerciauten 
mit Holländern in Conipagnie stehen oder gar nur derselben Factoren oder 
sonst sehr nahe verwandt sind, da einer den andern oder sich selbst vom 
Ruin zu befreien suchet Ich will anjezo nicht anführen, dass holländische 
Schiffe bis auf eine gewisse Distanz von hier aus fortfahren, unterwej^ aber 
neue Frachtzettel aus Holland erhalten können, und solchergestalt^ als wenn 
• sie wirklich aus der See kämen, bei Neumühlen sich setzen und die Waaren 
in die oberländischen Schiffe oder zu Harburg ausladen können. Ehe man 
auch dagegen etwa Vorkehrungen aussinnet, ist der Coup geschehen.** 
') Hamb. A. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714, 103 

Gesellschaften seien fast mehr als vor dem Äusbrucli der Epidemie 
besucht, und in der Altstadt seien die Strassen oft so voll von 
Menschen, dass weder zu Fuss noch in der Kutsche einer dem anderen 
ausweichen könne. Ja er meinte, wer es nicht wüsste, würde es für 
Scherz halten, wenn man ihm angesichts dieses Treibens sagte, dass 
die Pest in Hamburg grassire. 

In der That wiegte man sicli schon beim Ablauf des 
Jahres 1713 in den Glauben ein, dass die Pest erloschen sei. 

„Doch nun ist alle Noth des Sterbens überstanden, 
Indem das Uebel sich mit diesem Jahre schliesst." 

So heisst es in einem Gedicht, das in der letzten Nummer des Re- 
lationscouriers von 1713 zum Abdruck gelangte. 

Auch meldet dieses Blatt in der ersten Nummer des Jahres 1714, 
dass am Neujahrstage auf Befehl des Raths von allen Kanzeln 
sowohl in den Predigten, als in einem besonders dazu verfassten Gebet, 
Gott für den Nachlass der Seuche gedankt worden sei. 

Völlig hatte die Epidemie freilich auch jetzt nicht aufgehört. 
Vielmehr nahmen im Anfange des neuen Jahres die Sterbefalle wieder 
ein wenig zu, um sich eret gegen Ende des Januars wieder zu ver- 
mindern. 

Im Relationscourier vom i). Febniar konnte endlich verkündet 
werden, dass die Epidemie in der Stadt geschwunden sei. Zwar 
kamen auch nach dieser Zeit noch einzelne pestartige Erkraukungeu 
vor, doch wurden in solchen Fällen die Patienten sofort ins 
Lazareth gebracht. 

Aus dem Relationscourier vom 2. Februar ist zu ersehen, dass 
von den vier während der schlimmsten Pestzeit benutzten Lazarethen nur 
noch eins im Betrieb war. Am 17. Februar befanden sich in diesem 
noch 93*), am 16. März aber nur noch einige zwanzig Pfleglinge, 
von denen ausdrücklich gemeldet wird, dass sie in der Genesung 
begriffen wären und demnächst ins Quarantainehaus geschickt würden.*) 

Der Senat und das Sanitätscollegium waren während der 
letzten Monate der Epidemie durch eine zwiefache Aufgabe in An- 
spnich genommen: einerseits zu verhindeni, dass dem J^Möschen der 
Seuche ein erneutes Aufflackern folgte, und anderseits den Nachbar- 
staaten die Ueberzeugung von der thatsächlich erfolgten Besserung 
des Gesundheitszustandes in Hamburg beizubringen. Um ersteren Zweck 



*) Diese Zahl findet sich in den S, 104 Aum. *) erwähnten „Unvorgreiflichen 
Gedanken**; die übrigen Angaben sind dem Belationscourier entnommen. 

^ Nach dem Bericht Lehmanns vom 31. März wäre am 29. das Pestlazareth in 
Hamburg vöUig geschlossen worden. 



104: Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

ZU erreichen, wurde die Desinfection der Wolmungen, in denen »ich 
Pestfulle zugetragen, womöglich mit noch grösserer Vorsicht als frttlier 
durchgeführt. Hin und wieder ist allerdings von den jener Zeit in Ham- 
burg anwesenden Gesandten darüber geklagt worden, dass bei der Räu- 
mung und Reinigung der Häuser die neugierig herandrängenden Pöbel- 
haufen nicht streng genug zurückgewiesen und verhindert worden seien, 
sich den herausgeschleppten Lumpen und Mobilien zu nähern.^) Indessen 
stehen den vereinzelten Rügen dieser Art die offlciellen Erklärungen 
gegenüber, in denen die bei dem Desinfectionswerk angewandte 
lühmliche Soi^falt ausdrücklich anerkannt wurde. Dass durch 
Ansammlung von Neugierigen die Krankheit aufs neue verschleppt 
worden wäre, ist jedenfalls nicht erweislich, und dass die Desinfection 
selbst eine zureichende war, glaubte das SanitätscoUegium darthun 
zu können, indem es gleichsam die Probe auf das Exempel machte. 
Es wurden nämlich die Bewohner der früher desinficirten Wohnungen 
einer nach dem andern vorgefoixlert, um nach ihrem Gesundheits- 
zustand ausgeforscht zu werden, wobei sich herausstellte, dass keines 
der zum Theil schon vor 5, 6, ja vor 10 Monaten von der Pest heim- 
gesuchten und danach vorschriftsmässig gereinigten Häuser aufs neue 
betroffen worden war. 

Abgesehen hiervon hatte das SanitätscoUegium bereits Ende 
Januar 1714 eine Generalvisitation aller Wohnungen angeordnet. Als 
dann iin Febniar d. J. von Dänemark und Hannover höhere Officiere, 
denen Aerzte beigegeben waren, nach Hamburg entsandt wurden, um 
sich über den dortigen Gesundheitszustand durch den Augenschein zu 
unterrichten, gab man diesen anheim, eine Nachvisitation zu veran- 
stalten, und erklärte sich bereit, es ihnen durch Vorlegung aller auf 
das hambuigische Sanitätswesen bezüglichen Actenstücke, sowie in 
jeder anderen möglichen Weise zu erleichteni, sich ein wahrheits- 
gemässes Urtheil zu bilden.*) 

Dass der Bericht der fremden Commissaie in einem für 
Hamburg möglichst günstigen Sinne ausfiel, war umso dringender 
ei-wünscht, als die Postinuigen auf allen Seiten der Stadt noch 



') Nach dem« Bericht des dänischen Secretärs Seh wartz vom G^Wkrz 1714 hätte 
der prenssische Resident Bnrchard dem Hamhurger Rath dringend anempfohlen, 
an dem einen oder andern der sich unbefujc^t Zudrängendeu „in Mitnehmung 
nach dem Walllazareth'* ein Exempel zu statiiiren. (Kophg. A.) 

^) Nacli dem Actenstück: „Unvorgreif liehe Gedanken, wie man den von den 
benachbarten Puissancen anhero gesandten Herren Officieren den reinen und 
gesunden Zustand dieser Stadt zu documentiren gemeinet". Dasselbe ist 
dem Bericht des Secretärs Seh wartz vom 23. Februar 1714 beigefügte 
(Küi)hg. A.) 



Hambnrg während der Pestjahre 1712— 17U. 105 

hnmer fortbestanden nnd der hamburgische Handel andauernd den 
mannigfachsten Hemmnissen begegnete. 

Dänemark hatte sich allerdings inzwischen zur Herstellung 
einer Quarantaineeinrichtung in Winterhude verstanden und im Januar 
1714 den Hamburger Kaufleuten, die auf den Kieler Umschlag 
wollten, die Passage gestattet. Ausserdem war seit Februar 1714 
den hamburgischen Schiffen insgesammt die freie Ausfahrt in See von den 
dänischen Behörden unter den gleichen Bedingungen, wie zuvor den 
englische und holländischen Schiffen, zugestanden worden. Immerhin 
fehlte noch viel an einer wirklichen Wiederbelebung des hamburgischen 
Seehandels. Für den wichtigen Verkehr mit dem deutschen Binnen- 
lande kam auch jetzt vorzugsweise die Haltung Hannovers in 
Betracht. Von hier war bereits seit Ende 1713 die Einfuhr einer etwas 
grösseren Zahl von Waaren zulässig erklärt worden, die Erlaubniss 
jedoch an so viele lästige Bedingungen geknüpft, dass — abgesehen 
von einigen durch die kurbraunschweigische Regierung besonders 
begünstigten Kaufleuten — der hamburgische Handelsstand wenig 
Nutzen davon zu ziehen vermochte. 

Noch in einer vom 14. März 1714 datirten Denkschrift *) 
setzte die Commerz-Deputation auseinander, dass die von hannoverscher 
Seite geforderten Vorsichtsmassregeln durchzufuhren unmöglich und 
ausserdem völlig überflüssig sei, weil während der ganzen Pestzeit 
kein Kaufinannshaus und kein Packraum in Hamburg inficirt worden 
und man doch nicht annehmen könne, „dass das Gift sich allein in 
die wohlverwahrten Waaren verkrochen habe." 

Ein Erfolg war von solchen Vorstellungen aber erst zu er- 
warten, sobald das vollständige Aufhören der Seuche ausser Frage stand. 

Um die Zeit des Frühlingsanfangs 1714 war das ersehnte 
Ziel erreicht worden. 

Somit konnte am 22. März mit grösserem Bechte, als am 
Neujahrstage, ein allgemeiner Dankgottesdienst veranstaltet werden. 

Laut dem Bericht des Belationscouriers waren an diesem 
Tage die Kirchen so voll, dass kein Apfel zm* Erde fallen konnte. 
In der St. Petrikirche wurde ein Tedeum unter Pauken und Trom- 
petenschall gesungen. Nachmittags um 4 Uhr wurden die Glocken 
geläutet, und schliesslich aus 81 Kanonen von den Wällen der Stadt 
und den Kriegsschiffen dreimalige Freudenschüsse abgefeuert. Die 
Menge der Carossen und das Gedränge des Volkes auf den Wällen 
war unbeschreiblich. Im Hafen hatten sich einige hundert Schiffe 

Conun. A. 

8 



106 Hamburg während der Pestjahre 1712--1714. 

mit Flaggen nnd Wimpeln geschmückt, und auch von den Fremden 
wurden dort so viele Freudenschüsse abgefeuert, dass trotz des 
hellen Sonnenscheins die Luft eine Zeitlang verfinrtert war. 

Unter dem Einfluss derselben hoffiiungsfreudigen Stimmung 
ist damals eine Medaille geprägt worden, die auf der einen Seite die 
thurmreiche Stadt und den belebten Eibstrom darstellt, darüber einen 
Engel, der das hamburgische Wappenschild hält, auf der anderen 
Seite die Sonne, vor deren Strahlen die Wolken weichen, und zugleich 
einen Begenbogen als göttliches Gnadenzeichen mit der Inschrift: 
Post flinera munera caeli.*) 

Ganz so glückverheissend, wie der Jubel vom 22. März und 
die Inschrift der Denkmünze es der Welt zu verkünden schien, war 
die Situation freilich nicht. Es vergingen noch fünf Wochen, bis die 
dänische Postirung zurückgezogen ward, und auch dann blieb der 
Verkehr an der hamburgisch -holsteinischen Grenze noch mancherlei 
Einschränkungen unterworfen. 

Erheblich länger noch zögerte die hannoversche Regierung, 
auf ihr Abspemmgssystem Hamburg gegenüber zu verzichten. Eine 
kurfürstliche Pi*oclamation vom 30. April erkannte zwar ausdrücklich 
an, dass, was Menschenwitz und Verstand in Vorkehrung guter An- 
stalten erreichen könne, in Hamburg geleistet worden sei; dennoch 
wurde für nöthig erklärt, die Zurückziehung der Postirung zu ver- 
schieben, bis durch die eintretenden wärmeren Tage der beständig 
anhaltende gute und gesunde Znstand der Stadt bestätigt worden sei. 
Nur soviel ward zugestanden, dass „feine, vornehme Personen, Kauf- 
leute und deren Bediente" auf Vorzeigung beschworener Pässe nach 
fünftägiger Qaarantaine passiren, und dass, abgesehen von Lumpen, 
Kleidungsstücken, Betten und Bettgewand, Federn, Flachs, Hanf, 
Rauchwerk und Sterbegütern, nunmehr sämmtliche mit vorschrifts- 
mässigen obrigkeitlichen Attesten versehene Waaren eingeführt 
werden konnten. 

' Auch der preussische Erlass vom 1. Mai, der die Wieder- 
herstellung des Handels zwischen Preussen und Hamburg vom 15. Mai 
ab verkündete, hielt noch recht erhebliche (durch ein Mandat vom 
14. Mai nur theilweise beseitigte) Beschränkungen im Personen- wie 
im Güterverkehr aufrecht. 

Erst als auch im Laufe des Sommers die Stadt von jeder 
ansteckenden Seuche frei blieb, wurden sowohl in den deutschen 



^) Vgl. Langermann, Hamburgisches Münz- und Medaillenyergnügen S. 250. — 
Andere bei dieser Veranlassung entstandene MedaUlen werden von Oaedecbens 
(Hamb, Münzen und MedaUlen, Abth. 2 S. 32, Abth. 3 S. 115) aufgeführt. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 107 

Staaten, wie im Ausland die zur Fernhaltung des hamburgischen Ver- 
kehrs aufgerichteten Schranken völlig beseitigt. 

Das Misstrauen gegen Hamburg war freilich keineswegs 
geschwunden und äusserte sich noch im Jahre 1715 mehrfach in 
einer für die Stadt und ihren Handel sehr unerwünschten Weise. 
Es genüge ein Beispiel, um zu zeigen, wie mitunter die geringfügigsten 
Anlässe ausreichten, dem Argwohn neue Nahrang zu geben. Um die 
Mitte des März 1715 empfing der Lübecker Rath einen Brief von 
dem lauenburgischen Landdrosten v. Werpup, in dem dieser über die zu 
ihm gelangte Kunde von erneutem Auftreten contagiöser Krankheiten 
in Hamburg berichtete und zugleich anempfahl, den Sachverhalt 
genauer zu ergründen und, wenn sich die Nachricht bewahrheite, 
Vorsichtsmassregeln zu ergreifen.^) Das Entstehen dieses Verdachts 
glaubten die Hamburger folgendermassen erklären zu können. In dem 
an der Elbe gelegenen Dorfe Tespe waren einige Personen von einem 
schnellen Tode dahingerafft worden. Man war dort sofort geneigt, diese 
Todesfalle auf eine ansteckende Seuche zurückzufiihren ; und da man in 
Tespe von der schlimmen hamburgischen Pestzeit gehört hatte, besann 
man sich darauf, dass eine Wiege für einen Sprössling des Dorfes aus 
Hamburg bezogen sei. Schnell combinirend, folgerte man, dass von dort 
das üebel eingeschleppt worden. Dass die Epidemie in Hamburg that- 
sächlich seit einem Jahr erloschen, schien dem gegenüber nicht ins 
Gewicht zu fallen, um so weniger, als die geschäftige Fama alsbald 
aussprengte, es würden in dem vormaligen Hamburger Pestlazareth 
wiederum heimlich Pestkranke behandelt. Der mehrerwähnte Auf- 
seher Fesca, der von der hannoverschen Regierung zur erneuten 
Prüftmg der gesundheitlichen Verhältnisse nach Hamburg geschickt 
war, musste sich freilich davon überzeugen, dass jenes Gerede 
unbegründet gewesen. Indessen wollten die Ankläger Hamburgs 
doch nicht einräumen, dass gar kein Anlass zum Verdacht vorliege; 
sie behaupteten nunmehr, es seien nicht sämmtliche Häuser, in denen 
während der letzten Epidemie Pestfälle vorgekommen, desinficirt 
worden. Und nicht nur in der Nachbarschaft Hamburgs, sondern 
selbst in Süddeutschland hatten sich allerlei der Stadt ungünstige 
Gerüchte verbreitet. Der Rath erliess deswegen am 10. April 1715 
eine Erklärung, in der er jeden, der solche Nachrichten aussprengte, 
als Calumnianten auf dem Rechtswege verfolgen zu wollen drohte. 
Demjenigen, der einen Pestkranken nachweisen könne, wurden 
50 Thaler verheissen. 



^) Dies nnd das Folgende nach Acten des Lüb. A. 



108 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Um das in dieser Proclamation angestrebte Ziel noch voll- 
kommener zu erreichen, wurden ihr von sämmtlichen bamburgischen 
Aerzten und Chirurgen unterzeichnete Atteste hinzugefügt und überdies 
Erklärungen der in Hamburg residirenden Gesandten, die auch ihrer- 
seits bezeugten, dass ihnen nicht die geringste Spur von einer Contagion 
in Hamburg bekannt sei, und zugleich die üeberzeugung aussprachen, 
„dass die Blame, so hiesiger guten Stadt zugezogen werden wollen, 
aus eines oder andern flbelintentionirten Menschen Privatabsicht 
geschehen." 

Selbstverständlich hatte sich auch der preussische Resident 
an dieser Kundgebung betheiligt. Trotzdem hielt das Berliner Cabinet 
die Wiedereinführung gewisser Beschränkungen des hamburgisch- 
preussischen Handelsverkehrs für geboten.^) 

In verstärktem Masse äusserte sich die Beunruhigung über 
den hamburgischen Gesundheitszustand, als im August des Jahres 
bekannt geworden, dass Altena aufs neue von der Pest ergriffen und 
auch der benachbarte Hamburgerberg von der Ansteckung nicht 
völlig frei geblieben sei.^ Die dänische Regierung liess damals Altena 
von dem übrigen Holstein militärisch absperren, und auch die Ham- 
burger entschlossen sich, auf Ani-egung der dänischen Regierung und 
zugleich im Interesse der Selbsterhaltung einen Truppencordon zu 
ziehen, durch den die eigene Stadt von Altena, wie vom Hamburger- 
berg völlig getrennt wurde. Ebenso betheiligte sich Hamburg etwas 
später auf Verlangen des Landdrosten von Pinneber^ an der Ab- 
sperrung der im Herbst 1715 gleichfalls von der Pest heimgesuchten 
Ortschaft Wandsbeck.*) 

Obwohl Hamburg somit jeden Verkehr mit den in seiner Nähe 
gelegenen Peststätten abgebrochen hatte und sich überhaupt während 
dieses Schlussactes oder Nachspiels der letzten nordischen Pesttragödie 
eines günstigen Gesundheitszustandes erfreute*), so war es doch 



Aus einem Schreiben der Regierung zu Minden an den Bremer Rath vom 
19. April 1715 ergibt sich, dass von Berlin ans der Handel mit giftfangenden 
Waaren, wie Wolle, Federn, Flachs, Pelzwerk n. dergl. zwischen den prenssi- 
sehen Landen und Hamburg damals gänzlich aufgehoben war. (Brem. A.) 

^ Nach den holsteinischen Berichten (im Schlesw. A.) wäre damals Altona vom 
Hamburgerberg aus, nach der hamburgischen Auffassung der Hamburgerberg 
von Altona aus angesteckt worden. 

') Schlesw. A. 

^) Ein Schriftstück des Brem. Archivs vom 20. August 1715 erwähnt aUer- 
dings, dass inficirte Leute aus Altona nach Hamburg gekommen und dort 
gestorben seien. Derartige Vorfälle mögen sich vereinzelt vor der Absperrung 
Altpnas zu^etra^en und zu schlimmereo Gerüchten Anlass gegeben haben. 



Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 109 

nicht ZU vermeiden, dass die Stadt hier und da für inficirt oder doch 
pestverdächtig ausgegeben wurde. Der Senat veranlasste daher die zu 
jener Zeit anwesenden Diplomaten aufs neue zu bestätigen, dass 
in Hamburg keinerlei verdächtige Krankheit hersche. Dies geschah 
am 30. August. Trotzdem verschwand der Argwohn nicht vollständig. 
Noch gegen Ende des Jahres wurde die Zulassung hamburgischer 
Schiffe in den spanischen Häfen beanstandet.^) 

Vergegenwärtigt man sich, dass der hamburgische Handel, 
wie bereits hervorgehoben, an verschiedenen westeuropäischen Plätzen 
schon im Jahre 1711 unter dem gleichen Verdacht zu leiden hatte, 
so ergibt sich, dass die Stadt fünf Jahre hindurch von den mittelbaren 
und unmittelbaren Folgen der Epidemie betroffen worden. 

ScUussbetrachtnngen. 

Auch abgesehen von den fortdauernden Hemmnissen, die dem 
hamburgischen Verkehr in den Weg gestellt wurden, fehlte viel, dass 
die Stadt nach dem Erlöschen der Pest zu einer befriedigenden 
Existenz gelangt wäre. 

Nur an die erneuten Conflicte mit Dänemark und dem Kaiser 
möge hier kurz erinnert werden. 

Was Dänemark betrifft, so war allerdings das acute üebel, 
die dänische Postirung, gewichen, dafür aber trat das chronische 
Uebel der unerledigten Zwistigkeiten wieder in sein Recht ein. 

In dem Abkommen vom November 1712 hatte, wie im 
früheren Zusammenhang mitgetheilt worden ist, der Rath versprechen 
müssen, Deputirte an den dänischen Hof zu entsenden. Verschiedene 
Gründe wirkten zusammen, um die Erfüllung dieses Versprechens zu 
verzögeni. Doch hatte sich der Rath im Hochsommer 1713 (18. August) 
auf ein erneutes Drängen bereit erklärt, der übernommenen Ver- 
pflichtung nunmehr nachzukommen.*) Der Wunsch, beim Wieder- 
ausbruch der Epidemie die dänische Regierung günstig zu stimmen, 
mochte dabei eine Rolle gespielt haben. Freilich kam die Absicht 
damals nicht zur Ausführung; denn der inzwischen über die sanitären 
Zustände in Hamburg unterrichtete dänische Hof gab durch seinen 
Residenten deutlich zu verstehen, dass es ihm nicht besonders er- 
wünscht sei, Abgesandte aus einer verseuchten Stadt zu empfangen. ^ 



1) Comm. A. 

') Bericht Hagedorns yom 18. August (Kophg. A.) 

') Erlass an Hagedorn vom 17. Angnst. (Kophg. A.) 



ILO Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Als aber im Frühjahr 1714 Hamburg von der Pest völlig befreit 
war, wurde (am 23. April 1714) vor der Entfernung der danischen 
Einscbliessungstmppen eine schriftliche Versicherung gefordert, dass 
nunmehr die Entsendung der Deputation sofort erfolgen solle. ^) In 
der That begaben sich alsbald zwei Vertreter des Eaths nach 
Kopenhagen, um dort die Weisung zu empfangen, dem Hof nach 
Schleswig zu folgen. An letzterem Ort hielt man ihnen wiederum 
eine Reihe von Beschwerden vor. Diese waren zum Theil mit den 
im Jahre 1712 vorgebrachten identisch, zum Theil entsprachen sie 
denselben dem Inhalt nach oder bezogen sich auf Vorgänge und 
Verhältnisse älterer Zeit. Völlig neu erschien den Hamburgern nur 
eine Grenzfrage, bezüglich deren sie nicht sowohl Unrecht verübt, 
als erlitten zu haben meinten; im übrigen handelte es sich nur 
um Streitpunkte, die ihrer Ansicht nach durch das Abkommen 
vom November 1712 erledigt waren. Der dänische Hof aber 
vertrat die Auffassung, dass durch die damaligen Geldleistungen der 
Hamburger nur die dänischen Repressalien, nicht aber die Rechts- 
ansprüche des Königs und seiner Unterthanen beseitigt worden seien; 
er behanle deswegen darauf, dass die Stadt sich wegen der ihren 
Deputirten mitgetheilten Beschwerden zu verantworten habe. Der 
Hamburger Senat liess hierauf eine Reihe von Schriftstücken*) über- 
reichen, in denen er bei aller dem König bekundeten Ehrerbietung 
doch den eigenen Standpunkt so nachdrücklich vertrat, dass die 
dänische Regierung darüber lebhaften Unwillen bekundete. Insofern 
es sich bei den dänischen Beschwerden ausschliesslich um Ansprüche 
handelte, die der König als Herzog von Holstein oder im Namen 
seiner holsteinischen, also auch dem Reiche angehörigen Unter- 
thanen erhoben hatte, erschien es geboten, wiederholt an die 
Rechte des Kaisere zu erinnern, dem die Entscheidung der Streitig- 
keiten zukomme, falls die Unterthanen des Königs sich nicht bei der 
Erklärung des Raths beruhigen wollten. Da nun letzteres eben so 
sehr ausgeschlossen war, wie dass der König die Autorität der 
Reichsgerichte in dieser Angelegenheit anerkannte, so kam der 
Conflict zwischen Dänemark und Hamburg wieder zu voller Entwcklung. 

Wenn der Rath bei diesem Anlass sichtbar bestrebt war, 
nicht nur die eigene Rechtsauffassung mit Entschiedenheit zu ver- 
theidigen, sonder auch den Rechten des Reiches nichts zu vergeben, 
so leitete ihn dabei vermuthlich nicht zum wenigsten der Wunsch, 



') Dies nnd das Folgende nach Acten des Hamb. A. 

') Hamb. A. Vgl. anch Stelzner, Nacbricbten von Hamburg, Bd. 5 S. 390 ff. 



Hambarg während der Pestjahre 1712—1714. 111 

ZU verhüten, dass man ihm aufs neue den Vorwurf mache, den 
Standpunkt einer Eeichsstadt nicht entschieden genug gewahrt zu 
haben. Dieser Wunsch erscheint um so begreiflicher, als der Stadt 
nicht allein wegen dieser Misshelligkeiten mit Dänemark, sondern 
zugleich aus manchen anderen Ursachen daran gelegen sein musste, 
dem kaiserlichen Hof nicht aufs neue Anstoss zu geben. Seit dem 
Sommer 1714 hatte namentlich das CoUegium der Sechziger beim Rath 
auf Absendung von Deputirten nach Wien gedrungen. Es galt dort 
eine Reihe wichtiger Angelegenheiten zu erledigen. Es handelte sich 
darum, die Bestätigung der kaiserlichen Privilegien durch Karl VI. 
zu erwirken, sowie hinsichtlich des Hauptrecesses zu einem damals 
noch für dringend erwünscht gehaltenen Einvernehmen mit dem 
Wiener Hof zu gelangen. Nicht von so grundsätzlicher Bedeutung, 
aber immerhin schwierig genug war es, über die geforderten Reichs- 
contingentsgelder eine Verständigung herbeizuführen. 

Dass Hamburg während der Pestzeit mit seinen reichs- 
verfassungsmässigen Zahlungen aufs neue in Rückstand gerathen war, 
kann nicht besonders auffällig erscheinen. Doch bliebe das Bild jener 
Leidensperiode unvollständig, wenn nicht daran erinnert würde, dass 
auch in dieser Zeit es die kaiserlichen Bevollmächtigten nicht an 
nachdrücklichen Mahnungen fehlen Hessen. Um den Kaiser zur 
Nachsicht zu stimmen, hatte der Rath noch am 28. Februar 1714 eine 
ergreifende Schilderung jener unablässigen Folge landesverderblicher 
Uebel und Plagen entworfen, durch die Hamburg bis ins Innerste 
getroffen und daher ausser Stand gesetzt sei, die verlangte Summe 
zu entrichten. Besonders wurden die Nachtheile betont, die Hamburg 
durch die Postirungen der benachbarten Staaten erlitten habe. Um 
nicht völlig ablehnend zu antworten, wurde schliesslich noch auf 
Antrieb der Bürgerschaft hinzugefügt, dass, wenn das Reichsoberhaupt 
sich herbeilasse, seine Autorität zur Beseitigung jener verhassten 
Postirungen einzusetzen, die Stadt „sich ungesäumt nach allen äussersten 
Kräften und Vermögen angreifen" werde, um den Forderungen des 
Kaisers Genüge zu thun.^) 

Dieser Appell an die kaiserliche Grossmuth verfehlte jedoch 
seine Wirkung. Man warf der Stadt Mangel an Ehrerbietung gegen 
das Reichsoberhaupt vor, da es das Ansehen habe, als ob sie dem 
Kaiser Bedingungen vorschreiben wolle. 

In derselben Rath- und Bürgerschaftssitzung (vom 19. April 
1714), in der die Proposition des Senats der Genugthuung über den 



*) In Beilagen zu den R. u. B.-R. vom 15. März und 19. April 1714. 



112 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

wiederhergestellten Frieden Deutschlands mit Frankreich, sowie über 
das Erlöschen der Pest lebhaften Ausdruck gegeben hatte, gelangte 
zugleich die unerwünschte Kunde zur MittheUung, dass die kaiser- 
lichen Bevollmächtigten Graf Schönbom und Resident Eurtzrock 
hinsichtlich der Contingentsgelder auf eine zulänglichere Antwort 
gedrungen und zugleich angedeutet hätten, wenn solche ausbliebe, 
würden sie sich Hamburgs in keiner Angelegenheit annehmen, und 
sei zu gewärtigen, dass der Kaiser emige seiner in Hildesheim 
liegenden Dragoner zur Execntion in die städtischen Ländereien 
marschiren lasse. 

Im Einzelnen weiter zu verfolgen, wie diese Forderung nach 
einer Beihe peinlicher Verhandlungen beglichen ward, würde zu weit 
über den Rahmen dieser Darstellung hinausfOihren. Es galt nur 
hervorzuheben, dass Hamburg während des geschilderten Zeitraums 
auch von derjenigen Seite, von der sie am ehesten Schonung hätte 
erwarten müssen, durch harte Anforderungen und Drohungen be- 
troffen ward. 

Bei Betrachtung der Lage Hamburgs während der Jahre 
1712 — 1714 wird man unwillkürlich an jenen italienischen Violiur 
Spieler erinnert, mit dem Friedrich der Grosse sich in einem der 
unglücklichsten Zeitpunkte des siebenjährigen Krieges verglich, an jenen 
Schüler Tartinis, der auf drei und zwei, ja auf einer Saite zu spielen 
verstand, freilich aber, als man auch die vierte Saite von seiner 
Violine hinwegriss, dem zerstörten Instrument keinen Ton mehr zu 
entlocken vermochte. Auch den Hamburgern war eine Saite ihres 
Instruments nach der anderen gelöst worden, so dass schliesslich 
auch die letzte schlaff herunterhing. Aber dennoch wollten sie auf 
das Geigen nicht verzichten. Allgemach suchten sie die gelösten 
Saiten wieder zu befestigen. 

Die materiellen Mittel, über die Hamburg damals verfügte, 
waren ft-eüich ausserordentlich gering. Noch manches Jahr später 
wird über den ausgemergelten Zustand der Stadt, über das Danieder- 
liegen von Handel und Schiffahrt Klage geführt. Aber auch in jener 
Zeit fehlte es nicht an moralischen E[räften. Auch in der geschilderten 
Periode hörten die Behörden und Bürger nicht auf, für das wirth- 
schaftliche und geistige Wohl Hamburgs thätig zu sein. 

Die verdienstlichen Leistungen Hamburgs im 18. Jahrhundert 
äusserten sich bekanntlich in dreifacher Richtung: in der Ausbreitung 
ihrer für die gesammte Nation förderlichen Handelsbeziehungen, in 
einem nicht unerheblichen Antheil an den Bestrebungen der deutschen 
Litteratur, in der mustergültigen Bethätigung bürgerlichen Gemeinsinns. 



Hamburg während der Pestj^hre 1712—1714. 113 

Nacli allen diesen Eichtungen hin hat man es auch während 
der Pestzeit und der unmittelbai* darauf folgenden Jahre nicht an 
bedeutungsvollen Anläufen fehlen lassen. 

Auf commerziellem Gebiet verdient zunächst die im Frühjahr 
1713 zu Stande gekommene Transitoordnung Beachtung, nach dem 
unmittelbaren Erfolg beurtheilt eine recht ungenügende Massregel, 
vom historischen Standpunkte angesehen aber ein hochbedeutendes 
Ereigniss in der Handelsgeschichte, epochemachend, als erster Ver- 
such des kaufinännischen Hamburgs, sich von den alten, engherzigen 
Anschauungen loszumachen und in neue freiere Bahnen einzulenken.^) 

.Ein anderes commerzielles Ziel, nach welchem Hamburg 
damals trachtete, war die Wiederherstellung des durch den spanischen 
Erbfolgekrieg gehemmten oder doch beeinträchtigten Handelsverkehrs 
mit dem- Westen Europas. Vor allem galt es, zu Frankreich in ein 
neues Vertragsverhältniss zu treten. Es wurden deswegen die 
Friedenscongresse zu Utrecht und Baden beschickt und schliesslich 
Deputirte nach der französischen Hauptstadt entsandt, wo nach müh- 
seligen und wechselvollen Unterhandlungen gegen Ende des Jahres 1716 
in. der That ein neuer Gommerztractat zu Stande kam. Dem alten 
Herkommen gemäss wurde dieser Vertrag nicht von Hamburg allein, 
sondern von den drei Hansestädten abgeschlossen; denn der Name 
„Hansa^ hatte noch immer einen guten Klang, und es lag im ham- 
burgischen Interesse, nicht auf die alte Firma zu verzichten. That- 
sächlich hat Lübeck freilich nur mit massigem Eifer und Bremen gar nur 
widerstrebend an den Verhandlungen theilgenommen. Der Hamburger 
Rath aber betrieb die Sache mit unermüdlicher Ausdauer und erreichte 
dadurch ein Eesultat, das zwar in erster Linie dem commerziellen 
Aufschwung der eigenen Stadt, doch allmählich auch dem Handel der 
Schwesterstädte in nicht unerheblicher Weise zu gute gekommen ist.*) 

Einen noch näherliegenden Gegenstand der Fürsorge bildete die 
Austiefung des hamburgischen Hafens und der Elbe überhaupt, die von 
der Commerzdeputation wiederholt angeregt war, und zu deren Förderung 
im Februar 1715 eine besondere Eibdeputation eingesetzt ward.*) 

VgL Ehrenberg, die Anfänge des Hamburger Freihafens (Hamb. n. Leipzig, 1888) 
S. 61—66. 

^ Nach Acten des Lüb. und Brem. A. 

') R. o. B.-B. vom 7. n. 14. Febmar 1715. Nach dem Antrag des Raths soUte die 
Aufgabe der Deputation darin bestehen, „die Untiefe der Elbe, der Häfen und was 
dem anhängig aufs genaueste zu untersuchen, aUes reiflich zu überlegen, mit 
E. £. Bathe darob zu communiciren und sodann aUe Mittel zu belieben und zu 
Werke zu richten, welche zu Abhelftmg dieses Uebels und zu Wiedererlangung 
der unentbehrlichen Tiefe für diensam können angesehen werden^. 



114 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

Neben den Bedürfnissen des wirthschaftlichen Lebens wurden 
aber anch die idealen Interessen in angemessener Weise berfick- 
sichtigt. 

Am 24. Augnst 1713, also zu einer Zeit, da die Pest in 
unerwarteter Stärke hervorgetreten war und die Absperrungen der 
Nachbarstaaten bereits begonnen hatten, feierte man das hundert- 
jährige Bestehen des akademischen Gymnasiums unter Betheiligung 
des Raths, .der Geistlichkeit und zahlreicher Gelehrten der Stadt. 
Kein Geringerer als der berühmte Joh. Albert Fabricius, der Haupt- 
Vertreter des damaligen wissenschaftlichen Hamburgs,^) hielt die 
Festrede, in der er die Berechtigung dieser Feier trotz aller Pest- 
und Kriegsnoth unter Hinweis auf die der Stadt verbliebenen unschätz- 
baren Güter darzulegen suchte. Auf seine Ansprache folgten Vorträge 
von 7 Studirenden des Gymnasiums, unter denen als zweiter der 
damals achtzehnjährige Hermann Samuel Reimarus das niedrigere 
Katheder bestieg. Musikalische Vorführungen eröflfneten und be- 
schlossen die Festlichkeiten.*) 

Auch das Gedeihen des Johanneums, an dessen Spitze der 
als Pädagog, wie als Schriftsteller bekannte Rector Joh. Hübner 
stand, lag den obersten Behörden der Stadt am Herzen. Zum Besten 
dieser Anstalt wurde am 14. Februar 1715 dem CoUegium scholarchale 
ein jährlicher Zuschuss von 1000 Ct.||» bewilligt. Bemerkenswerther, 
als diese Summe, sind die Motive des betreflfenden Rathsantrages, 
welcher betont, wie der ganzen Stadt höchstens daran gelegen, dass 
die öffentliche Johannisschule wohlbestellt und mit geschickten und 
gelehrten Schulcollegen versehen werde, da dort die Jugend sowohl 
in der Gottesfurcht, wie in allen Wissenschaften den Grund lege, 
wodurch sie befähigt werde, sich dermaleinst in allen Ständen der 
Republik nützlich zu erweisen.^ 

Ueberhaupt stand damals das geistige Leben in Hamburg 
hinter dem in keiner anderen deutschen Stadt zurück. So recht in 
die Pestzeit hinein fällt das Eracheinen des von Joh. Mattheson 



,,Fabriciu8, ein Mann, den Ost nnd Westen ehret, 

Und der an nnsrer Stadt ein wahrer Zierath ist.** 
So heisst es in dem von Johann Httbner verfassten Festgedicht zam 
24. Aognst 1713. 

') Vgl Hamb. Belationsconrier vom 25. Augnst nnd Fabricius, Memoriae Harn- 
bnrgenses Band 4, wo s&mmüiche bei der Feier gehaltene Reden sowie eine 
Reihe Ton Gratulationsgedichten abgedruckt sind. 

>) R. u. B.-R. vom 7. und 14. Februar 1715. 



Hamburg während der testjahre 1712—1714. 115 

(von Mai 1713 bis Mai 1714) herausgegebenen „Verntinftlers**, der 
ersten deutschen Nachahmung der englischen moralischen Wochen- 
schriften. ^) Mattheson, der damals als Secretär bei der englischen 
Gesandtschaft in Hamburg weilte, ist auch sonst von nicht ganz 
geringer Bedeutung für das litterarische Leben in Deutschland ge- 
wesen. Nicht nur um der genannten PubUcation willen kommt ihm 
das Verdienst zu, als einer der ersten im Beginn des vorigen Jahr- 
hunderts das deutsche Geistesleben durch Vennittelung des englischen 
Einflusses angeregt zu haben. 

In die Zeit nach dem Erlöschen der Pest, in das fftr Hamburg 
doch noch immer an Prüfungen reiche Jahr 1715, fällt die Ent- 
stehung der teutschübenden Gesellschaft. Von deren drei Begründern 
ist Brockes, der Verfasser des „Irdischen Vergnügens in Gott", — 
wenn auch noch nicht nach allen Richtungen gebührend gewürdigt — 
doch in der Litteraturgeschichte am häufigsten genannt worden. König, 
der bekanntlich in Hamburg namentlich als Opemdichter,*) hin und 
wieder auch als Gelegenheitsdichter ^) wirkte, gehörte dieser Stadt 
nur vorübergehend an. Richey dagegen weilte seit 1713 beständig 
in Hamburg, wurde 1717 zum Professor am akademischen Gymnasium 
ernannt und wirkte als Lehrer und Gelehrter, als Dichter, Schrift- 
steller und patriotischer Bürger bis in sein hohes Alter, engeren und 
weiteren Kreisen seiner Vatei-stadt Anregung und Förderung gewährend. 
Einer seiner begabtesten Schüler, Lamprecht, zeichnete im Jahre 1737 



Vgl. K. Jacoby, die ersten moralischen Wochenschriften Hamburgs, Oster- 
prog^mm des Wilhelmgymnasiums Yom Jahre 1SS8. 

') Vom Sommer 1712 bis in den October 1714, also in der Zeit, in welche die 
schlimmsten Bedrängnisse Hamburgs faUen, ruhte die Oper freilich. Die Wieder- 
eröffnung der Aufführungen aber erfolgte mit einer von König gedichteten 
Oper: „L'inganno fedele oder der getäuschte Betrug." Die Musik stammte von 
Reinhard Keiser; sie gehört zu den besten Werken dieses reichbegabten und 
fruchtbaren Gomponisten. (Nach Notizen des Herrn Dr. Fr. Chrysander.) 

^ Unter den auf hamburgische Verhältnisse bezüglichen Gelegenheitsgedichten 
Königs möge hier dasjenige vom Februar 1713 hervorgehoben werden, in 
welchem er den Entschluss des Baths, auf das Petrimahl zu verzichten, im 
Stile der Zeit verherrlicht Es heisst darin u. a.: 

seltener Entschluss! für das gemeine Beste 

Baubt Ihr Euch selbst die Lust von dem gewohnten Feste, 

Ihr Väter ünsres Staats .... 

Höchst-beglückte Stadt! Wo solche Wächter stehen, 

Beneidet man umsonst Dein frohes Wohlergehen. 

Hoch-gepriessner Bäht! könt Rom in Hamburg seyn, 

Mau ätzte diese That in Gold und Marmor ein. 



116 Hamburg während der Pestjahre 1712—1714. 

in seiner Wochenschrift: „Der Menschenfreund" das Idealbild eines 
Gelehrten, eines Mannes, der von echtem Forschungstrieb und Wahrheits- 
liebe beseelt für seine Ueberzeugung eintritt, der festen Charakters, 
streng gegen sich selbst, duldsam und leutselig im Verkehr mit 
andern, als ein guter Patriot das Wohl seiner Mitbürger fördert. 
Indem Lamprecht hinzufügt, dass er in der Lage sei, einen (belehrten 
zu nennen, der diesem Ideal vollkommen entspreche, weist er deutlich 
auf Richey hin. Richey war der Typus des gemeinnützigen ham- 
burgischen Gelehrten im Anfang des Jahrhunderts, wie Bttsch gegen 
Ende desselben. 

Kaum weniger als Richey unter den Gelehrten seiner Zeit, 
ragte Garlieb SUlem unter den Männern, die im praktischen Leben 
standen, durch sein edles selbstloses Wirken hervor. Auch er war den 
Musen nicht fremd. Die deutsche Sprache handhabte er in Prosa und 
Versen mit Gewandtheit, und man möchte annehmen, dass, wenn 
er seine reichen geistigen Gaben auf litterarischem Gebiet verwerthet 
hätte, ihm auch dabei der Erfolg nicht gefehlt haben würde. In- 
dessen zog er es vor, seine ganze Persönlichkeit in den Dienst des 
Gemeinwesens zu stellen. ^) Seine hochbedeutende und zu allgemeiner 
Anerkennung gelangte Wirksamkeit als Leiter des Sanitätscollegiums 
ist bereits hervorgehoben worden. Auf das nicht minder erhebliche 
Verdienst, das er sich später als Bürgermeister durch Uebemahme 



Insofern Garlieb Sillem seine Liebe für die Vaterstadt nicht znm wenigsten 
während der in dieser Abhandlung; geschilderten Periode bekundete, erscheint 
es nicht unangebracht, hier 'an seine letzten gleichsam testamentarischen 
Segenswünsche für Hamburg zu erinnern. In seiner Dichtung „Letzter 
Schwanengesang" finden sich gegen Ende die folgenden Verse: 

,,Geliebte Stadt, geliebte Bürgerschaft, 

Für die ich jederzeit nach aller Kraft 

und meiner Pflicht gesorget und gewacht, 

Zu guter Nacht! 

Indem ich weiter nichts für Dich Terrichten kann, 

So höre noch zuletzt mein Wünschen und mein Flehen 

Von den schon blassen Lippen an: 

Herrscher der gestirnten Höhen 

Schütze Hamburg vor Ge^r! 

Sende deinen Gnaden-Eegen, 

Lass es stets in Flor und Segen, 

Einigkeit und Wohlergehen 
Lnmerdar 

Bis zur Erden Ende stehen! 

(Fabricii, Memor. Hamb. Vm S. 329.) 



Verlag von Lucas Gräfe & Sillem in Hamburg. 



Hamburg vor 200 Jahren. 



Gesammelte Vorträge 



von 

Dr. Eichard Ehrenberg, Prof. Dr. Karl Jacoby, Dr. Otto 
Rüdiger, Th. Schrader und Pastor K. J. W. Wolters. 

Heransgegeben 
von 



867 Seiten gross Octav mit 6 alten Gravüren, 

reproducirt auf pbotolithographischem Wege von Stramper & Co. 

In Originalband, entworfen von 0. Schwindrazheim. 



Preis lO Mark. 



Der Inhalt des Buches setzt sich aus folgenden Abschnitten zusammen: 

1. Die Stadt und ihre Bewohner um die Wende des 17. Jahrhunderts 
von Th. Schrader. 

2. Literarisches Leben um die Wende des 17. Jahrhunderts von 
Karl Jacoby. 

3. Die kirchlichen Zustände vor 200 Jahren von K. J. W. Wolters, 
Pastor an St. Petri. 

4. Böhnhasen und Handwerksgesellen von Dr. Otto Rüdiger. 

5. Handel und Schifffahrt von Dr. R. Ehren b erg. 

6. Bürgerliche Unruhen von Th. Schrader. 



Oedrackt bei Lätcke * Wulff, E. H. Senats Bnohdrackern. 



2[:STa cos Pm-;? 



RC 17 S. Q12 

HOTMbUfO WtfWIfl 



C.1 




3 6105 039 093 815 



DATE DUE 1 



































































































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STANFORD, CALIFORNIA 94305 



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